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Thema / Archiv | Beitrag vom 14.08.2008

Der instrumentalisierte Schriftsteller

Brandenburger Ausstellung zeigt, wie Heinrich von Kleist von den Nazis missbraucht wurde

Von Marén Balkow

Eine Ausstellung an zwei Orten: in Schloss Neuhardenberg (Foto) und Frankfurt/O. (AP)
Eine Ausstellung an zwei Orten: in Schloss Neuhardenberg (Foto) und Frankfurt/O. (AP)

Kleists Roman "Michael Kohlhaas" wurde von den Faschisten goutiert, weil er Notwehr als Recht propagierte. Die Ausstellung "'Was für ein Kerl!' - Heinrich von Kleist im 'Dritten Reich'" zeigt in Neuhardenberg und Frankfurt/O., wie sich die Nazis das Werk eines Mannes zunutze machten, der dem preußischem Militär entflohen war und sich 1811 das Leben nahm.

"Was für ein Kerl!" Die altdeutschen Buchstaben prangen zwischen den riesigen Konterfeis zweier schmächtiger Männer. Links das hagere schmale Gesicht von Josef Goebbels, rechts die Vergrößerung des einzig erhaltenen Kleist-Bildnisses: zarte, weiche Züge – das Gesicht fast eines Jungen noch.

"Das haben wir auch deswegen gewählt, weil diese vergrößerte Abbildung zeigt eigentlich, wie wenig Kerl dieser Kleist gewesen ist. Also natürlich war er auch ein Kerl, aber eben so in ganz strengem nationalsozialistischen Sinne vielleicht auch nicht."

Für Caroline Gille, Kuratorin und wissenschaftliche Referentin der Stiftung Schloss Neuhardenberg, birgt Goebbels' Notiz die Grundspannung der ganzen Ausstellung. So wird der Blick auf diese Schau eröffnet, 300 Exponate: Briefe, Zeitungen, Bücher und Zeitschriften, Theater- und Filmplakate, Fotografien, Zeichnungen und Skulpturen in hellgrauen Holzvitrinen. Caroline Gille entnimmt einer Vitrine ein vergilbtes Blatt:

"Das ist ein Prospekt einer Vortragsmeisterin von ’35. Und hier sieht man so eine Überklebung "Kleist deutsche Sendung. Aus Dichtung und Dramen". Und wenn man’s gegen's Licht hält, ist da drunter ein Heine-Abend mal angezeigt gewesen. Aber Heine war als Kulturjude natürlich nicht mehr tragbar. Insofern wurde dann da draus ein deutscher Kleist-Abend."
.
Es folgen Vitrinen mit Schaustücken, die sich auf Kleists Dramen, auf den Kohlhaas und die essayistischen Schriften beziehen. Unter dem Schriftzug "Penthesilea’ auf Sylt" liegen eine Autogramkarte von Leni Riefenstahl und Briefe der Filmregisseurin. Ihren Plan, die Penthesilea in der Wüste Libyens und auf der Nordseeinsel zu verfilmen, musste Riefenstahl 1939 mit dem Überfall auf Polen ad acta legen. Eines der facettenreichsten Rezeptionsstücke im Dritten Reich ist der "Michael Kohlhaas".

"Und hier liegt auch, kann man nicht übersehen, ‚Mein Kampf’. Und zwar deswegen, weil ja das letzte Kapitel des zweiten Buches überschrieben ist mit ‚Notwehr als Recht’, und das ist ja das Kondensat der nationalsozialistischen Rezeption von ‚Michael Kohlhaas’, das was Hitler mit Notwehr als Recht in Notsituationen formuliert."

Nach anstrengendem Studium der Dokumente kann sich der Besucher zuletzt in einen alten Kinosessel fallen lassen. Gezeigt werden Ausschnitte aus zwei Filmen: "Der Zerbrochene Krug" mit Emil Jannings von 1937 und die Amphitryon-Verfilmung von Reinhold Schünzel. Überraschendes gibt es für jeden Besucher: Details und Originale für den Kleist-Kenner und für den Laien der ausgebreitete Facettenreichtum eines instrumentalisierten genialischen Autors. Caroline Gille zitiert eine befreundete Kleist-Forscherin:

"’Ich wünsche Ihrer Ausstellung – das kann man bei dem Thema nicht sagen: Viel Erfolg – Ich wünsche Ihnen Besucher mit Verstand, Vernunft und Empathie.’ Das wär natürlich auch unser Wunsch, dass wir solche Besucher hier hätten."

Das Gespräch zum Thema mit Bernd Kauffmann, Generaldirektor Stiftung Schloss Neuhardenberg, können Sie mindestens bis zum 14.1.09 als MP3-Audio in unserem Audio-on-Demand-Player nachhören.

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