Seit 11:05 Uhr Lesart
Samstag, 25.09.2021
 
Seit 11:05 Uhr Lesart

Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 09.03.2018

Der homosexuelle Roma-Aktivist Gianni Jovanovic"Ich fühlte mich komplett fremdbestimmt"

Moderation: Ulrike Timm

Gianni Jovanovic von der Kölner Initiative "Queer Roma"  (Pascal Amos Rest)
Mit 18 war Gianni Jovanovic bereits Vater zweier Kinder. (Pascal Amos Rest)

"Es ist das Wichtigste, das ich in meinem Leben getan habe", sagt Gianni Jovanovic über sein Coming-out. Aufgewachsen in einer traditionelle Roma-Familie, zwangsverheiratet und mit 18 zweifacher Vater, kämpft Jovanovic heute mit der Initiative "Queer Roma" gegen Homophobie und Rassismus.

Gianni Jovanovics Eltern sind traditionelle Roma und kamen als Gastarbeiter nach Deutschland. Er war damals sieben Jahre alt und erinnert sich, wie die Familie zunächst sehr herzlich aufgenommen wurde, sich dann aber das Blatt auf erschreckende Weise wendete.

"Das waren die ersten Roma nach dem Krieg, die nach Darmstadt wieder gekommen sind. Und man hat sie mit einem Riesen- – damals durfte man das auch offiziell noch sagen – 'Zigeunerfest' begrüßt. Ein paar Monate später kippte das komplett um. Die Menschen wurden rassistisch, die Menschen haben uns dämonisiert, man hat uns direkt unterstellt, dass wir schmutzig, dreckig sind, klauen also die ganzen Klischees, die man sonst so kennt."

Dämonisiert und bedroht

Schließlich traf ihn sogar ein Stein und auf das Haus der Familie wurde ein Molotowcocktail geworfen. Es habe aber auch Menschen gegeben, die ihm sehr geholfen hätten. Eine besonders wichtige Rolle habe für ihn seine Lehrerin gespielt.

"Ich habe diese Frau geliebt. Es gab eine tolle Situation, ich bin in der Mittagspause gerne mit ihr zum Lehrerzimmer gelaufen und dann sagte sie mir immer auf dem Weg dorthin: 'Gianni, wenn Du läufst', weil ich hatte immer eine Art gebückt zu laufen, 'läufst Du gerade und bist stolz dabei. Und wenn Du irgendjemand auf dem Weg dorthin irgendwie kennst, dann grüßt du ihn.' Also die hat mir auch Anstand beigebracht."

Verheiratet mit dem Mann seines Lebens

Als Teenager wurde er zwangsverheiratet und war mit 18 Jahren bereits Vater zweier Kinder. Mit Mitte 20 merkte er, dass irgendetwas nicht stimmte.

"Ich fühlte mich komplett fremdbestimmt, ich fühlte mich wie eine Marionette meiner Selbst, die irgendwie vollgekleistert worden ist mit irgendwelchen Erwartungen, mit irgendwelchen auch selbstkonstruierten Klischees, die man aufgesetzt bekommen hat. Ich fühlte mich eigentlich wie ein schlechter Gulaschtopf, der irgendwie gleich explodiert."

Schließlich offenbarte er den Eltern seine Homosexualität. Für sie brach eine Welt zusammen. Doch Gianni Jovanovic bereute seinen folgenreichen Schritt nicht. Nach Jahren des quälenden Doppellebens fühlte er sich befreit und kämpft heute mit seiner Kölner Initiative "Queer Roma" gegen Homophobie und Rassismus. Die Roma-Community hat gelernt, ihn zu akzeptieren, zu seinen Kindern und Enkeln hat er eine liebevolle Beziehung, und seit kurzem ist er auch wieder verheiratet: mit dem Mann seines Lebens.

Mehr zum Thema

Archiv für die Kunst der Sinti und Roma - Von Franz Liszt bis Flamenco
(Deutschlandfunk, Dlf-Magazin, 15.02.2018)

Vor 75 Jahren erlassen - Das Dekret zur Deportation der Sinti und Roma
(Deutschlandfunk, Kalenderblatt, 16.12.2017)

Sinti und Roma in Deutschland - Gejagt, entwurzelt, rassistisch erfasst
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 01.11.2017)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Im Gespräch

NichtwählerWie steigern wir die Wahlbeteiligung?
Ein Wähler wirft in einem Wahllokal, das im Klassenraum einer Schule untergebracht ist, seinen Stimmzettel in die Wahlurne. (picture alliance / dpa / Hauke-Christian Dittrich)

Am Sonntag ist es wieder soweit: Rund 60,4 Millionen Wahlberechtigte sind aufgerufen, einen neuen Bundestag zu wählen. Doch viele Menschen nehmen ihr Recht nicht war. Wie sinnvoll ist eine Wahlpflicht? Ein Wahlrecht für alle?Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur