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Religionen / Archiv | Beitrag vom 10.10.2009

Der Heilige Franz und die Muslime

Franziskaner Jürgen Neitzert arbeitet mit muslimischen Jugendlichen im sozialen Brennpunkt

Von Angela Krumpen

Blick auf die Domstadt Köln. (Stock.XCHNG / Benedikt Ernst)
Blick auf die Domstadt Köln. (Stock.XCHNG / Benedikt Ernst)

Eine Begegnung mit einem ägyptischen Sultan im Jahr 1219 hinterließ einen so starken Eindruck beim heiligen Franziskus, dass der seinen Glaubensbrüdern vorschrieb, gegenüber Muslimen dienend und untertänig zu sein. Daran hält sich auch Franziskaner Jürgen Neitzert, der der im überwiegend von Muslimen bewohnten Kölner Stadtteil Vingst Sozialarbeit leistet.

Jürgen Neitzert: "Franziskus war ein Mensch, der war offen für alle, der war offen für die ganze Schöpfung, der alle Menschen als Geschöpfe Gottes ansah, und da war es ihm auch egal, welchen Glauben jemand hat. Der ist nach Ägypten gefahren damals. Da war der Sultan, der Neffe des Sultan Saladins, war das ... Und er wollte ihn sicher bekehren, das denke ich schon noch mal. Aber das ist ihm nicht gelungen, weil das andere ein frommer Muslim war. Aber er hat eine tiefe Begegnung mit ihm gehabt, eine Woche lang wahrscheinlich."

Wenn Franziskaner Jürgen Neitzert von seinem großen Vorbild Franziskus erzählt, leuchten seine Augen. Die Begegnung, von der er berichtet, hat Franziskus Anfang des 13. Jahrhunderts gemacht.

Papst Innozenz III. ruft im April 1213 die gesamte Christenheit zum fünften Kreuzzug auf: Mit Kreuzfahrerschiffen gelangte Franziskus mit einigen Brüdern 1219 nach Ägypten. Hier erlebt er die Brutalität des Krieges. - und legt danach fest, wie die Brüder unter Muslimen leben sollen.

"Eine Art unter Muslimen anwesend zu sein besteht darin, dass sie weder Streitgespräche noch Wortgefechte beginnen, sondern 'um Gottes Willen jeder menschlichen Kreatur' untertan sind und bekennen, dass sie Christen sind."

(1221, 16. Kapitel aus der "regula non bulata" von Franziskus für die Brüder, die unter Sarazenen leben)

Jürgen Neitzert übersetzt die Anweisungen von Franziskus für sich heute so:

"Der meinte, ihnen dienen, das sollten wir als Franziskaner allen Menschen, eben auch den Muslimen untertan sein und helfen. Das versuche ich auch hier ..."

Hier - das ist der klassische soziale Brennpunkt: das Kölner Viertel Vingst, indem Jürgen Neitzert lebt. Seitdem die großen Fabriken alle geschlossen haben, sind noch mehr Menschen arbeitslos - fast alle leben von Hartz IV. Die Kinder kommen größtenteils aus Migrantenfamilien, sprechen oft nur gebrochen deutsch. Die Eltern haben nur wenig Möglichkeiten, sie durchs deutsche Bildungssystem zu lotsen.

Die Franziskaner sind seit den 70er Jahren im Viertel bekannt. Sie haben damals im Stil der Arbeiterpriester eine Wohnung im Sozialbau angemietet und klassische Sozialarbeit angeboten: Hausaufgabenbetreuung zum Beispiel. Als Jürgen Neitzert vor 17 Jahren nach Vingst kam, waren in den Kindergruppen schon nur muslimische Jungen.

"Ich heiße Url und ich mag den Jürgen. Der ist nett."

Wenn man Url, Medem und Emre nach Franziskanerbruder Jürgen Neitzert fragt, werden die kleinen türkischen Jungen ganz lebendig und lassen für eine kurze Weile das Fußballspielen sein. In den Gruppen, an denen die Jungs teilnehmen, lernen sie kochen, einkaufen oder auch surfen im Internet.

Manchmal gelingt es einem von ihnen, seine Chance zu nutzen. Adem Yilmaz ist heute 24 Jahre alt. Nach einer Lehre als Zerspanungsmechaniker ist er seit zwei Jahren in seinem gelernten Beruf festangestellt.

Adem Yilmaz: "Ich sach' mal, die Jugendarbeit war ja dafür da, dass ich nicht in die schlechten Kreise gekommen bin, ich sach' mal, ich als kleiner Mensch, als Jugendlicher hab ja auch mal geklaut und so Sachen gemacht, aber seitdem ich in die Gruppe hineingekommen bin, waren die Gedanken ganz woanders."

Und welche Rolle spielt in der ganzen Arbeit, dass ein christlicher Franziskaner mit muslimischen Kindern und Jugendlichen arbeitet?

Shina Yilmaz: "Jürgen ist jemand, der über Islam studiert hat. Das Thema nicht so direkt, aber wenn wir Ausflüge gemacht haben, sind wir natürlich auch in die Moschee gegangen. Der Jürgen war mit uns beten, in Paris war das, 'ne. Obwohl der auch christlich is', der kommt mit uns in unsere islamische Seite."

Dörmus Yilmaz sieht es pragmatisch und lässt seine Söhne deshalb in die Gruppen gehen:

"Ich sach' mal, ob der Jürgen ein Christ ist, mein Sohn Moslem ist: müssen wir zusammenkommen, zusammenleben, vertraut sein, dafür kann ich nicht viel Antwort geben."

So einfach wie für Vater Yilmaz ist das Verhältnis von Christen und Muslimen nicht immer. Jürgen Neitzerts Position in dieser auch im Erzbistum Köln oft strittigen Frage: Er will den Dialog mit den Muslimen:

"Auf die Frage: Missionier - ich missionier nicht, ich denke, das ist nicht meine Aufgabe, ich erzähl schon, wenn die Leute mich fragen, aber ich will denen nicht ihren muslimischen Glauben nehmen.
Gott kommt damit klar, dass andere auch anders glauben.. Wir sind das Salz der Erde, aber das Salz ist nicht alles, ein Teig besteht aus mehr als dem Salz."

In Vingst ist 2002 der letzte Kirchenneubau im Erzbistum Köln eingeweiht worden. Gebaut vom christlichen Kirchenbaumeister Paul Böhm. Dieser Bau hat den muslimischen Verbänden in Köln so gut gefallen, dass Paul Böhm den Auftrag bekommen hat, die heftig diskutierte und viele Ängste auslösende neue, große Moschee zu bauen. Jürgen Neitzert ist in die Planungen durch den Bauherrn involviert:

"Die wird nicht so groß, wie man denkt, sagen immer, so groß wie der Dom, das ist Blödsinn, die wird ein Drittel ... schöne Moschee.. offen, viel Glas, schön. Das wird eine europäische, deutsche Moschee."

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