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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 03.02.2020

Der Geschichtenerzähler von DetroitNeuigkeiten aus der Nachbarschaft

Vom Thomas Reintjes

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Chris Krupa mit seinen Nachbarn im Garten seines Hauses in Detroit (privat)
Chris Krupa (Mitte) ist mit seinem Partner nach Detroit gezogen - und wurde von der Nachbarschaft herzlich aufgenommen. Auch darüber berichtete der Storyteller von Detroit. (privat)

Jahrzehntelang stand Detroit für wirtschaftlichen Niedergang, Arbeitslosigkeit und Verfall. Ein von der Stadt finanzierter Storyteller soll die andere Seite von Detroit porträtieren – und für Interesse und Verständnis der Bürger untereinander sorgen.

Detroit trägt zwar immer noch den Spitznamen Motor City, aber der Abwärtstrend der Autoindustrie hat dazu geführt, dass die Stadt Detroit im Juli 2013 Insolvenz anmelden musste. 18 oder 20 Milliarden Dollar Schulden bei nur noch 700.000 Einwohnern. Jahrzehntelang stand Detroit für Verfall und Gewalt. Die Leute verließen die Stadt, Häuser standen leer, Viertel verfielen.

"Wir versuchen zu messen, wie Menschen über Detroit denken. Und neuerdings fühlen sie sich öfter geerdet. Ich würde nicht gut oder schlecht sagen, aber geerdet trifft es, glaube ich. Sie fassen wieder Vertrauen in Detroit und spüren, dass sie dazugehören."

Stadt finanziert die Stelle des Storytellers

Langsam ändert sich etwas. Unter Millennials ist Detroit hip. Aaron Foleys Aufgabe war es, dieses Gefühl zu erzeugen und zu verstärken. Er war der erste Storyteller, den die Stadt Detroit angestellt hat. Im vergangenen Sommer übergab er an seinen Nachfolger. Ich treffe Foley am Rande einer Konferenz. Er erzählt, dass es nicht die Konzerne, sondern die Menschen sind, die Detroit ausmachen. Deren Geschichten zu erzählen und sie so zum Teil der Identität der Stadt zu machen, darum geht es beim Job des Storytellers.

"Es gibt hier Menschen, denen es gut geht, die hier ihre Kinder zur Schule schicken, oder ganz einfache Dinge tun, wie Blumenbeete auf verlassenen Grundstücken anzulegen, Urban Farming. All das. Ihre eigene Kultur ausleben. Für sowas kennt man Detroit nicht. Wir heißen Zuwanderer aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen willkommen. Das hat jetzt nicht unbedingt was mit Chrysler, Ford, Fiat oder General Motors zu tun. Detroit war schon immer so. Und als Detroiter will ich diese Geschichten erzählen von Leuten, die mich schon mein ganzes Leben umgeben."

Der ehemaligen Storyteller von Detroit Aaron Foley (Kwabena Shabu)Wollte für Verständnis und Interesse der Detroiter Bürger untereinander sorgen: der ehemalige Storyteller von Detroit Aaron Foley. (Kwabena Shabu)

TheNeighborhoods.org ist die Website, die die Stadt für diese Geschichten ins Leben gerufen hat. Dort finden sich Überschriften wie: "Junge Frau findet nach häuslicher Gewalt Zuflucht in Brightmoor", "Keine Lust, Innereien selbst zu putzen? Diese Geschäfte in Detroit übernehmen es für Sie", "Traumhaus in North Rosedale Park gefunden". Das letzte Beispiel ist eine Art Home Story über ein junges schwules Paar, das nach Detroit gezogen ist und dort ein Haus gekauft hat. Chris Krupa und David Utley. Krupa ist im Umland von Detroit aufgewachsen und hat in der Innenstadt studiert. Die Stadt habe ihm nie Angst gemacht, sagt er.

Rosarot gefärbte Propaganda?

Solange im eigenen Viertel alles in Schuss ist, könne er das Leben in der Stadt genießen. Die Familie seines Freundes habe zwar Bedenken gehabt, aber ausschlaggebend war schließlich das Preisleistungsverhältnis: das Budget der beiden und das kulturelle Angebot der Stadt.

Für ihr Traumhaus, gebaut 1931, 230 Quadratmeter, hat das Paar 85.000 Dollar bezahlt. In der Nachbarschaft wurden sie gut aufgenommen. Chris Krupa ist inzwischen im Vorstand des Bürgervereins. Aaron Foley sagt, als er nach weiteren Geschichten über schwul-lesbisches Leben in Detroit gesucht hat, stieß er auf ein Paar, das quasi dank seiner Website zu Detroitern wurde.

"Wir haben dieses lesbische Paar gefunden, die sagten: Wir haben gelesen, was ihr letztes Jahr geschrieben habt, und das hat uns inspiriert, ein Haus zu kaufen. Wir wussten nicht, dass Detroit so offen gegenüber LGBT-Bürgern ist. Das macht mich wirklich stolz. Das ist es, was ich immer wollte, jemand so zu inspirieren, dass er oder sie ein Haus kauft oder ein Unternehmen in Detroit gründet."

Wenn eine Stadtverwaltung Leute beschäftigt, um über die Stadt zu schreiben, dann klingt das bestenfalls nach PR, schlimmstenfalls nach Propaganda. Immerhin geht es hier um Imagepflege – und manche Meldungen auf der Seite klingen tatsächlich eher nach rosarot gefärbten Pressemitteilungen: "Unternehmen schaffen fast 300 Stellen", "Leerstehende Schule in bezahlbaren Wohnraum verwandelt", "So kommen Sie an einen der 400 Jobs in der neuen Autoteile-Fabrik".

Geschichten jenseits des Lokaljournalismus

Aber Aaron Foley wehrt sich gegen den Vorwurf, nur Feel-Good-Storys zu schreiben, um den verbliebenen Einwohnern der gebeutelten Stadt ihr Selbstbewusstsein zurückzugeben.

"Die Geschichten sind nicht alle positiv. Wir haben diese Geschichte über eine Frau gemacht, die einen Sex-Shop eröffnen will. Aber sie begegnet all diesen Herausforderungen, weil unsere Stadt sehr konservativ ist, wenn es um sowas geht. Und man würde nicht erwarten, dass eine Stadtverwaltung über Sexspielzeug spricht. Aber für uns ist das ein Teil von Detroit, der dazugehört."

Die Geschichten auf The Neighborhoods seien keine Geschichten, die man in der Zeitung oder im Lokalfernsehen sehen würde. Die würden sich auf Downtown konzentrieren, während bei The Neighborhoods ja schon im Namen steckt, dass alle Stadtviertel repräsentiert sind. Der Storyteller und seine Mitarbeitenden gehen in die Viertel und reden mit Leuten, um ihre Geschichten zu finden. Damit die Menschen im Osten der Stadt mitbekommen, was im Westen passiert.

"Du bist Detroit wichtig"

Die wachsende Bevölkerungsgruppe von Einwanderern aus Bangladesch soll etwas über die alteingesessenen Unternehmen erfahren, die von Afroamerikanern geführt werden. Themen wie Kriminalität und Gewalt, die die privaten Medien laut Aaron Foley mehr als genug abdecken, lassen er und sein Nachfolger außen vor. Aber Foley gibt zu, es geht nicht nur darum, für Verständnis und Interesse der Bürger untereinander zu sorgen:

"Die meisten Leute sehen in der Stadtverwaltung nur Wasserversorgung, Feuerwehr oder Polizei. Aber uns ist es wichtig zu sagen: Hey, wir sind vielleicht – in Anführungszeichen – die Verwaltung, aber du bedeutest uns mehr als nur deine Steuern. Wir sind da, um zuzuhören und wollen sichergehen, dass du weißt, dass du ein Teil der Kultur dieser Stadt bist. Du bist Detroit wichtig."

Detroit hat gute Erfahrungen mit diesem Ansatz gemacht – und das spricht sich rum. Andere amerikanische Städte, etwa Denver und Atlanta, haben ähnliche Stellen für Storyteller geschaffen.

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