Der Geist der Entdeckung

Von Aishe Malekshahi |
Die Alten Nationalgalerie Berlin stellt in einer Sonderausstellung derzeit rund 70 Originalabzüge aus der Frühzeit der Fotografie vor. Sie gibt einen Einblick in die Landschafts- und Reisefotografie aus den Anfangsjahren des neuen Mediums und kündet mit seinen meist menschenleeren Bildern ägyptischer Pyramiden oder französischer Kathedralen von einer melancholischen Reisesehnsucht.
Im warmen Sepiaton zeigt die Fotografie von Georg Schmidt das Adamsportal des Bamberger Doms. Der Eingang halbgeöffnet, auf jeder Seite drei steinerne Figuren. Die Aufnahme entstand Mitte des 19. Jahrhunderts, im oberen Bildrand verliert sich die Farbe, die Chemikalien lösen sich auf - geben dem Werk etwas Geisterhaftes. Gestochen scharf hingegen die schwarz-weiß Fotografie von Hippolyte Fizeau, einem der frühen Architekturfotografen. Schon 1842 nahm er die Fassade von Notre-Dame auf, kontrastreich, streng - an die Zeichnungen von Karl Friedrich Schinkel erinnernd.

"Viele der Fotografen waren ja so genannte Maler-Fotografen, die dann aufgehört haben, als Maler tätig zu sein. Und darum gibt es schon eine ganz besondere Verbindung, in der Phase, in der die Fotografen die Ästhetik der Fotografie entdeckt haben, es gibt eine starke Interdependenz zwischen Malerei und Fotografie."

So ganz anders, als das, was wir heute als Kriegsfotografie kennen, die Aufnahmen von Roger Fenton. Der Brite fotografierte Mitte des 19. Jahrhunderts den russisch-türkischen Krieg: Auf den Bildern sind jedoch keine Soldaten zu sehen. Eine graue abstrakte Geröll-Landschaft, die sich dem Schrecken des Krieges verweigert.

Im selben Saal die dramatischen Meeresaufnahmen von Gustave le Gray. Ein früher Meister der Fotomontage. Ihm gelingt es, auf einem Bild einen dramatischen Himmel und ein stürmisches Meer zu zeigen. Völlig unmöglich, denn das ließen die langen Belichtungszeiten damals gar nicht zu. Wahrscheinlich war sein Geheimnis, so lange in der Dunkelkammer zu experimentieren und zu kopieren, bis seine Bildmontage fertig war.

Heute eine Fotografie von ungeheurem Wert. Man weiß nicht, was Heiner Bastian für die Aufnahme von Le Gray bezahlte. Bekannt ist jedoch, dass 1999 auf einer Auktion für einen Abzug 700.000 Euro gezahlt wurden. Zum Sammler alter Fotografie wurde Heiner Bastian durch Zufall und nicht durch den Besuch im Auktionshaus.

"Also, irgendwann vor 20 Jahren, als ich anfing, mich sehr intensiv mit Cy Twombly zu beschäftigen und eine Art Freundschaft begann, hat mir Cy Twombly einmal Fotografien aus dem 19. Jahrhundert gezeigt des amerikanischen Fotografen O´Sullivan und sagte mir in der Sekunde, in der er mir die Fotografien zeigte: Es sind Bilder! Diese Bemerkung ist mir dann in der Folgezeit immer, wenn ich Fotografien gesehen habe, auch immer gegenwärtig gewesen."

Die alte Nationalgalerie zeigt eine Auswahl aus der Sammlung von Heiner und Céline Bastian. Herausragend sind die frühen Orientbilder von Francis Frith aus Ägypten: Ein Lichtstrahl wirft eine Schneise durch die Tempelanlage von Luxor. Der einzige Mensch auf dieser Fotografie ist kaum sichtbar zwischen den gigantischen, steinernen Zeugen einer zerstörten Kultur.

Daneben die Leere, die Melancholie in den Aufnahmen des jungen Amerikaners John Beasley Greene. Er meidet sowohl den touristischen als auch den archäologischen Blick auf die antike Kultur. Greene fotografiert die Weite der Nil-Landschaft ohne Schatten und ohne Menschen. Von seinem Lieblingsfotografen weiß Heiner Bastian nur, dass er mit 24 Jahren während seiner dritten Ägyptenreise starb. Mittlerweile sind seine Arbeiten jedoch begehrte Kostbarkeiten, denn auch die Amerikaner haben jetzt ihren Landsmann entdeckt. In den Aufnahmen von John Beasley Greene vereinigt sich metaphorische Kraft mit Poesie, die wirklich einzigartig ist. Für Heiner Bastian typisch neunzehntes Jahrhundert.

"Ich glaube, dass es so ein Sehnsuchtsziel ist nach etwas, was im 19. Jh. - was für mich vollkommen war - zu sehen war. Die Fotografen, die nach Ägypten gereist sind, haben ja schon eine zerstörte Kultur fotografiert und es ist für mich eine letzte Station von Zeugnissen, die es gegeben hat, bevor diese Kultur oder im 21. Jahrhundert etwas ganz anderes geworden ist, und vielleicht ist es das, was wir bei Botho Strauß finden, der sagt: 'Ich denke im Vermissen, ich schreibe im Vermissen, ich lebe im Vermissen'. Vielleicht ist auch diese Sehnsucht nach einer Idealität, die es nicht mehr geben kann. Das ist das eigentliche Motiv, das mich dazu gebracht hat, mich mit diesen Fotografien zu beschäftigen."

Die Ausstellung "Fragmente zur Melancholie" vereint Meisterwerke aus den ersten Jahrzehnten der Fotografie. Faszinierende Aufnahmen einer entrückten Epoche. Umso absurder der Vorwurf eines Kritikers in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", die Stiftung Preußischer Kulturbesitz würde mit dieser Ausstellung dem Sammler-Ehepaar Bastian "eine Gefälligkeit" erweisen. Eigentlich überflüssig, denn die Bastians tragen selbst die Ausstellungskosten und in Berlin fehlt ohnehin eine mit Mäzenen gesegnete Bürgerkultur.

Auf der Pressekonferenz war deutlich zu spüren, dass dieser Vorwurf den Sammler Heiner Bastian verletzte.

"Ich muss schon sagen, wir sind in einem Zustand angekommen, den man wirklich nur noch als eine irrationale Debatte bezeichnen kann. Und ich glaube, dass auch die Qualität der Ausstellung so beschaffen ist, dass sie die Würde dieses Hauses nicht verletzt, um das Mindeste zu sagen."