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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.07.2007

Der ganz normale Wahnsinn des täglichen Lebens

Ror Wolf: "Zwei oder drei Jahre später", Schöffling Verlag, Frankfurt/Main 2007, 200 Seiten

Der Autor schickt seine Wirklichkeitsforscher und Weltreisenden in den Alltag. (AP)
Der Autor schickt seine Wirklichkeitsforscher und Weltreisenden in den Alltag. (AP)

In diesem Sommer ist Ror Wolf 75 geworden. Sein Verlag hat zum Geburtstag des Autors eine erweiterte Ausgabe seiner "Ausschweifungen" veröffentlicht. Und hat damit nicht nur ihm, sondern auch uns ein Geschenk gemacht.

Denn man muss ihn sich einfach immer mal wieder zu Gemüte führen, den Verfasser der "Enzyklopädie für unerschrockene Leser", diesen seltsam durch die Welt des Alltags und durch die Ferne schweifenden Poeten, der die Spezies Mensch in ihrer Gockelprahlerei, Grausamkeit und Trostlosigkeit voller Witz und Geist dekuvriert.

"Er war ... zu Tode erschöpft, hatte sich aber nach einigen Stunden wieder erholt und war danach ein berühmter Mann. Daß man ihn mittlerweise wieder vergessen hat, ist eine andere Sache." Treffender lässt sich Vergeblichkeit nicht zusammenfassen.

Wieder einmal schickt "einer der wichtigsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart", wie Brigitte Kronauer Ror Wolf einmal nannte, seine Wirklichkeitsforscher und Weltreisenden in den Alltag und um den Globus. Und was sie erleben, schreibt er auf. Oder eben gerade nicht. Denn genau das ist eines der Markenzeichen von Wolf, dass er verblüffende Momente oder atemberaubende Begegnungen ankündigt - und sie dann nicht erzählt. Weil er gerade keine Lust hat, sich an das zu erinnern, was so haarsträubend war, weil er die Szene jetzt überspringen möchte oder weil es "ganz persönlich Gründe" gibt, "weshalb ich das Folgende der Öffentlichkeit jetzt nicht näherbringe." Er liebt das Verstummen, nicht das Geschwätz.

"Diese Geschichte ist noch längst nicht vorbei", heißt es an einer Stelle, "ich habe den Eindruck, jetzt, in diesem Moment beginnt sie." Das war’s. Mehr sagt er nicht. Den Rest müssen wir uns selber denken. Dürfen wir uns selber phantasieren. Ror Wolf provoziert den Leser, erlaubt ihm keine Gemütlichkeit. Da wechseln gewaltsame Szenen mit solchen von frivoler Zartheit, da wechselt Skurriles mit Lächerlichem. Und wenn es ganz grausam wird, dann oft in einer lauen Nacht. Ob nun in Afrika, Bilbao oder Bad Orb.

Ror Wolfs Männer, die oft anonym sind oder Namen haben, die wir seit Jahrzehnten aus seinen Büchern kennen, Nagelschmitz etwa oder Scheizhofer, Noll oder Moll, Lemm oder Klomm sind keine Menschen mit Haut, Kopf und Seele, sondern eher Figuren mit Hut. Oft grässliche Figuren. Die einander belauern, mit lustvoller Bosheit übereinander schreiben. Sie sind keine Charaktere, durchleben keine Entwicklungen. Wolf schildert Momentaufnahmen.

Es ist gewiss kein Zufall, dass René Magritte-Männer mit Hut und austauschbaren Gesichtern auf dem Einband prangen. Denn Ror Wolf lesen und Magritte ansehen- das passt zusammen. Beide sind Könner des Makabren, die einem das Lachen zwischen den Lippen gefrieren lassen.

Ror Wolf hat sich jeder gängigen Erzählform verweigert. Fast könnte man ihn einen Meister der Nicht-Erzählung nennen. Natürlich gibt es Redundanzen. Aber selbst nach ihnen beginnt man nach reichlicher Lektüre zu lechzen.

Was bleibt dem Leser? Die Erinnerung an einige Szenen. Vor allem aber eine Leichtigkeit im Kopf, ein heller Blick auf den ganz normalen Wahnsinn des täglichen Lebens.


Rezensiert von Gabriele v. Arnim

Ror Wolf: Zwei oder drei Jahre später. Neunundvierzig Ausschweifungen
Schöffling Verlag, Frankfurt/Main 2007, 200 Seiten, 18,90 Euro

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