Der ganz normale Alltagswahnsinn
Marie-Aude Murail bringt ihre Leser mit den skurrilen Typen, die sie beschreibt, zum Lachen. Dazu kommt ihre Sprache: Nonchalant und witzig bennent sie die Defekte der Protagonisten, nimmt jeden ernst, aber nicht zu wichtig.
Das Leben ist verrückt. Es ist hundsgemein und traurig, aber auch überraschend und sehr komisch. Jedenfalls das Leben der Familie Baudoin. Die 17-jährige Violaine ist schön und gelangweilt, ihr 15-jähriger Bruder Paul-Louis charmant und oberflächlich, die kleine Mirabelle ziemlich clever. Vater Jean ächzt unter Mediziner-Stress, und Mutter Stéphanie, ebenfalls karrierebewusst, versucht vergeblich, die Bagage zusammen zu halten. Als Violaine schwanger wird, ist das Chaos komplett. Wäre da nicht Vaters junger Assistenzarzt, der so gutmütig und geduldig ist wie ein Esel – und ebenso liebenswürdig.
Marie-Aude Murail hat mit "So oder so ist das Leben" ein Buch über den ganz normalen Alltagswahnsinn geschrieben. Über Jugendliche, die nicht reden, aber chatten und simsen, die keinen Bock haben auf Schule, aber auf Partys, die zu viel trinken und ersten Sex ausprobieren. Über Erwachsene, die überfordert sind, sich selbst und andere betrügen und vor lauter Egozentrik nicht mitbekommen, was zu Hause läuft. Und über ein junges Mädchen, das in eine äußerst schwierige Lage gerät und lernt, Entscheidungen zu treffen. Gegen ein Kind, gegen einen Freund, für ihre Familie und für einen Mann. Womit kein Happy End garantiert ist, aber eine Geschichte, die Spaß macht, Lust aufs Lesen und auch aufs Leben.
Dass dieser Roman trotz des Schwangerschaftsabbruchs so leicht daherkommt, hat mehrere Gründe. Zum Einen bringen uns die skurrilen Typen zum Lachen: der selbstverliebte Sohn, der zynische Vater, der schlaksige und zugleich humorvolle junge Arzt. Da wirken die Frauen eher quadratisch, praktisch, gut. Dazu kommt Marie-Aude Murails Sprache. Nonchalant, flott, witzig und spritzig benennt sie die Defekte ihrer Protagonisten, nimmt jeden ernst, aber niemanden zu wichtig. Hält amüsiert Abstand und balanciert die Gratwanderung zwischen Tragödie und Albernheit so geschickt aus, dass eine Komödie dabei herauskommt, heiter und hintersinnig zugleich.
Und noch etwas macht den besonderen Charme des Roman aus: Er ist aus wechselnden Perspektiven erzählt. Die Sicht des eitlen Vaters und der verwirrten Tochter ist recht verschieden, und an diesen Differenzen entzündet sich der Witz. Aber auch die Einsicht in und das Verständnis für ihre unterschiedlichen Ansichten. Das Leben kann eben so oder so aussehen, je nach Brille. Am Schluss des ebenso nachdenklichen wie humorvollen Romans haben alle etwas gelernt. Und der Leser hat sich bestens unterhalten, wie in einem französischen Film.
Besprochen von Sylvia Schwab
Marie-Aude Murail: So oder so ist das Leben
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011
254 Seiten, 13,95 Euro
Marie-Aude Murail hat mit "So oder so ist das Leben" ein Buch über den ganz normalen Alltagswahnsinn geschrieben. Über Jugendliche, die nicht reden, aber chatten und simsen, die keinen Bock haben auf Schule, aber auf Partys, die zu viel trinken und ersten Sex ausprobieren. Über Erwachsene, die überfordert sind, sich selbst und andere betrügen und vor lauter Egozentrik nicht mitbekommen, was zu Hause läuft. Und über ein junges Mädchen, das in eine äußerst schwierige Lage gerät und lernt, Entscheidungen zu treffen. Gegen ein Kind, gegen einen Freund, für ihre Familie und für einen Mann. Womit kein Happy End garantiert ist, aber eine Geschichte, die Spaß macht, Lust aufs Lesen und auch aufs Leben.
Dass dieser Roman trotz des Schwangerschaftsabbruchs so leicht daherkommt, hat mehrere Gründe. Zum Einen bringen uns die skurrilen Typen zum Lachen: der selbstverliebte Sohn, der zynische Vater, der schlaksige und zugleich humorvolle junge Arzt. Da wirken die Frauen eher quadratisch, praktisch, gut. Dazu kommt Marie-Aude Murails Sprache. Nonchalant, flott, witzig und spritzig benennt sie die Defekte ihrer Protagonisten, nimmt jeden ernst, aber niemanden zu wichtig. Hält amüsiert Abstand und balanciert die Gratwanderung zwischen Tragödie und Albernheit so geschickt aus, dass eine Komödie dabei herauskommt, heiter und hintersinnig zugleich.
Und noch etwas macht den besonderen Charme des Roman aus: Er ist aus wechselnden Perspektiven erzählt. Die Sicht des eitlen Vaters und der verwirrten Tochter ist recht verschieden, und an diesen Differenzen entzündet sich der Witz. Aber auch die Einsicht in und das Verständnis für ihre unterschiedlichen Ansichten. Das Leben kann eben so oder so aussehen, je nach Brille. Am Schluss des ebenso nachdenklichen wie humorvollen Romans haben alle etwas gelernt. Und der Leser hat sich bestens unterhalten, wie in einem französischen Film.
Besprochen von Sylvia Schwab
Marie-Aude Murail: So oder so ist das Leben
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011
254 Seiten, 13,95 Euro
