Seit 22:03 Uhr Hörspiel
Mittwoch, 03.03.2021
 
Seit 22:03 Uhr Hörspiel

Fazit | Beitrag vom 13.02.2021

"Der Freischütz" an der Bayerischen Staatsoper24 Stunden Psychothriller im Zeitraffer

Von Franziska Stürz

Beitrag hören Podcast abonnieren
Foto von der Inszenierung: Ein Mann zielt mit einem Gewehr auf einen auf dem Boden sitzenden Mann. (Wilfried Hösl)
So „krass“ wurde der Freischütz wohl noch nie in die heutige Gesellschaftshackordnung übertragen, so die Kritikerin Franziska Stürz. (Wilfried Hösl)

Regisseur Dmitri Tcherniakov und Dirigent Antonello Manacorda beamen Carl Maria von Webers romantische Oper in die knallharte Realität der Reichen, Schönen und Mächtigen von heute. Dieser Online-Opernabend bietet vollwertigen Tatortersatz.

Geschossen wird hier im Großstadt-Dschungel statt im deutschem Wald, nicht auf Adler und kapitale Hirschen, sondern auf kapitalistisches Fußvolk tief unten in den Hochhaus-Schluchten. Die Wolfsschlucht braucht es da nicht mehr. Max wird als Leiche im Sack von Kaspar in die Suite geschleift.

Der Horror findet im Kopf statt. Die Sache mit dem Probeschuss auf Menschen treibt Max in den Wahnsinn, auch Kaspar ist bereits schizophren und lässt seine dunkle, mörderische Seite als Samiel aus ihm sprechen. Sowohl Pavel Černoch als Max wie auch Kyle Ketelsen als Kaspar glänzen stimmlich und darstellerisch als Männer am und im Abgrund.

Tragischer und abgründiger als im Original

Agathe hat schon lange mit ihrem mächtigen Oligarchenvater gebrochen und das androgyne Ännchen hat sich ihrer angenommen. Ein gutes Paar waren die beiden Frauen, bis Agathe doch lieber einen Ehemann möchte. Natürlich ist Ännchen eifersüchtig.

Golda Schultz fasziniert mit herrlichen Kantilenen in ihrem Rollendebüt als Agathe und Anna Prohaska überrascht als enorm cooles Ännchen.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)Wir erleben 24 Stunden Psychothriller im Zeitraffer, und das Ende der Geschichte ist trotz mehrerer unerwarteter Wendungen tragisch. Ja, tragischer und abgründiger als im Original und doch ziemlich nah dran. So krass wurde der Freischütz wohl noch nie in die heutige Gesellschaftshackordnung übertragen.

Die Dialoge dazu lesen sich größtenteils als stumme Übertitel oder Gedanken, ab dem zweiten Akt folgen so die Musiknummern schnell aufeinander.

Auch virtuell ein außergewöhnliches Erlebnis

Markant und messerscharf kommt Weber auch musikalisch in der Lesart von Antonello Manacorda daher. Folkloristisches wie der Bauerntanz im ersten Akt wird zur Karikatur, dafür ziseliert er die großen Arien aufs Feinste und gestaltet mit den hervorragenden Solisten. Ein außergewöhnlicher Opernabend – auch als virtuelles Erlebnis.

Mehr zum Thema

Simone Young dirigiert Henze-Oper in Wien - Ein Seemann, Verrat und das Meer
(Deutschlandfunk Kultur, Konzert, 06.02.2021)

Pasquale Anfossis Oper "La finta giardiniera" - Wo der junge Mozart spickt
(Deutschlandfunk Kultur, Alte Musik, 03.02.2021)

Nikolaus Adam Strungk - Vom Geiger zum Gründer der Leipziger Oper
(Deutschlandfunk Kultur, Alte Musik, 27.01.2021)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsBerlinale-Skandal ohne Publikum
Still aus "The First 54 Years – An Abbreviated Manual for Military Occupation" von Avi Mograbi. (Avi Mograbi)

Der Dokumentarfilm "The First 54 Years" des israelischen Regisseurs Avi Mograbi sei Propaganda gegen Israel, schreibt die "Welt", und die Berlinale habe ihren ersten Skandal 2021. Nur: Das bleibt in Pandemiezeiten ein stiller Skandal.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur