"Der Freischütz" an der Bayerischen Staatsoper

    24 Stunden Psychothriller im Zeitraffer

    10:46 Minuten
    Foto von der Inszenierung: Ein Mann zielt mit einem Gewehr auf einen auf dem Boden sitzenden Mann.
    So „krass“ wurde der Freischütz wohl noch nie in die heutige Gesellschaftshackordnung übertragen, so die Kritikerin Franziska Stürz. © Bayerische Staatsoper München / Wilfried Hösl
    Von Franziska Stürz · 13.02.2021
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    Regisseur Dmitri Tcherniakov und Dirigent Antonello Manacorda beamen Carl Maria von Webers romantische Oper in die knallharte Realität der Reichen, Schönen und Mächtigen von heute. Dieser Online-Opernabend bietet vollwertigen Tatortersatz.
    Geschossen wird hier im Großstadt-Dschungel statt im deutschem Wald, nicht auf Adler und kapitale Hirschen, sondern auf kapitalistisches Fußvolk tief unten in den Hochhaus-Schluchten. Die Wolfsschlucht braucht es da nicht mehr. Max wird als Leiche im Sack von Kaspar in die Suite geschleift.
    Der Horror findet im Kopf statt. Die Sache mit dem Probeschuss auf Menschen treibt Max in den Wahnsinn, auch Kaspar ist bereits schizophren und lässt seine dunkle, mörderische Seite als Samiel aus ihm sprechen. Sowohl Pavel Černoch als Max wie auch Kyle Ketelsen als Kaspar glänzen stimmlich und darstellerisch als Männer am und im Abgrund.

    Tragischer und abgründiger als im Original

    Agathe hat schon lange mit ihrem mächtigen Oligarchenvater gebrochen und das androgyne Ännchen hat sich ihrer angenommen. Ein gutes Paar waren die beiden Frauen, bis Agathe doch lieber einen Ehemann möchte. Natürlich ist Ännchen eifersüchtig.
    Golda Schultz fasziniert mit herrlichen Kantilenen in ihrem Rollendebüt als Agathe und Anna Prohaska überrascht als enorm cooles Ännchen.
    Wir erleben 24 Stunden Psychothriller im Zeitraffer, und das Ende der Geschichte ist trotz mehrerer unerwarteter Wendungen tragisch. Ja, tragischer und abgründiger als im Original und doch ziemlich nah dran. So krass wurde der Freischütz wohl noch nie in die heutige Gesellschaftshackordnung übertragen.
    Die Dialoge dazu lesen sich größtenteils als stumme Übertitel oder Gedanken, ab dem zweiten Akt folgen so die Musiknummern schnell aufeinander.

    Auch virtuell ein außergewöhnliches Erlebnis

    Markant und messerscharf kommt Weber auch musikalisch in der Lesart von Antonello Manacorda daher. Folkloristisches wie der Bauerntanz im ersten Akt wird zur Karikatur, dafür ziseliert er die großen Arien aufs Feinste und gestaltet mit den hervorragenden Solisten. Ein außergewöhnlicher Opernabend – auch als virtuelles Erlebnis.
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