Der freie Wille eines Holzfällers

16.03.2010
"Das Dorf der Wunder" spielt während des sogenannten Winterkrieges 1939/40, als in der Schlacht von Suomussalmi die militärische Großmacht Sowjetunion gegen ein kleines finnisches Regiment den Kürzeren zieht. Der Held des Romans des Norwegers Roy Jacobsen ist ein einfältiger Holzfäller.
Roy Jacobsen wurde 1954 in Oslo geboren und debütierte 1982, in Norwegen hat er ein großes Publikum. Sein erstes Buch auf Deutsch erschien 1995: "Punkt, Punkt, Sommer, Strich" (später unter dem Titel "Fata Morgana"), ein ebenso wehmütiger wie beschwingter, intelligenter wie leichter, vielschichtiger wie verspielter Roman.

Jacobsens Bücher lassen den Leser nie deprimiert zurück, auch das neue nicht – trotz des blutigen historischen Hintergrunds. Der kleine finnische Ort Suomussalmi wird wegen des sowjetischen Einfalls evakuiert und angezündet, nur einer bleibt: Timo Vatanen. Die Russen lassen ihn am Leben, denn er ist Holzfäller und wird gebraucht. Ihm wird eine kleine Gruppe von russischen Zwangsarbeitern zugeteilt, denen er schließlich zur Flucht verhilft.

Der naive Timo gilt als Dorftrottel, aber wie bei Dorftrotteln so üblich, besitzt er ein gerüttelt Maß an Bauernschläue, vor allem aber einen unverdrossenen Optimismus und eine unerschöpfliche Energie. Gleichzeitig aber haben wir hier einen fast existenzialistischen Roman vor uns, das hat auch die norwegische Kritik gesehen: Der Krieg als Ausnahmezustand bewirkt, dass der Einzelne zur Freiheit gelangt, dass er seinen freien Willen entfalten und eine verantwortungsvolle Wahl treffen kann. Über den Krieg und seine Nachwirkungen wird am Schluss gesagt: "Das alles ergab überhaupt keinen Sinn", tatsächlich kommt Sinn erst durch die Entscheidung des einfältigen Timo zustande: zu bleiben und nicht nur sich, sondern auch die russischen Holzfäller zu retten.

Timo steht absolut im Mittelpunkt des Romans (fast ist er mit seinem Gespür für Holz ein ferner Verwandter von Süskinds Grenouille im "Parfüm" oder Høegs Fräulein Smilla). Trotzdem werden durch die psychologische Einfühlung des Autors auch die anderen Figuren lebendig und zu selbstständigen Individuen: die beiden jüdischen Brüder aus Kiew, der russische Bauer aus Karelien, der ängstliche Lehrer Suslow, die tragischste Figur. Zwischen ihnen und den ebenso plausibel modellierten sowjetischen Befehlshabern steht die undurchsichtigste Figur, der Dolmetscher Nikolai, der schon wegen seines Jobs keiner Seite anzugehören scheint. Sie alle haben ihre Ängste, Sehnsüchte, Pläne und Hoffnungen, die durch die Krisensituation noch besondere Tiefe erhalten.


Besprochen von Peter Urban-Halle

Roy Jacobsen: Das Dorf der Wunder. Roman.
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Osburg Verlag, Berlin 2010
237 Seiten, 19,95 Euro