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Fazit | Beitrag vom 18.07.2019

Der Fotograf Walter Schels in HamburgMeister des psychologischen Portraits

Von Anette Schneider

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Der Fotograf Walter Schels fotografiert nach einer Pressekonferenz mit einer Kamera. (picture alliance / Regina Wank)
Bundeskanzlerin Angela Merkel mit erhobenen Händen - nur eins von vielen Werken des Fotografens Walter Schels, das in den Hamburger Deichtorhallen ausgestellt ist. (picture alliance / Regina Wank)

Walter Schels arbeitete lange als Werbefotograf, schuf Reportagen für Magazine und wurde bekannt durch Buchprojekte. Eine Ausstellung in Hamburg gibt jetzt umfassend Einblick in Schels' Werk, dessen großes Thema seit mehr als 50 Jahren der Mensch ist.

"Wenn man hier diese drei Bilder von Neugeborenen sieht: Das mittlere Bild sieht aus, als wäre das ein alter Mann."

Walter Schels steht vor drei großen Schwarz-Weiß-Aufnahmen am Beginn der Ausstellung. Sie zeigen nur die Gesichter von Säuglingen - nicht niedlich, sondern abgekämpft, erschöpft, greisenhaft.

"In Wirklichkeit sind diese Bilder, also dieses Bild ist vielleicht zwei Minuten alt. Das war unmittelbar nach der Geburt."

Durch einen Magazin-Auftrag über Säuglinge fand Schels in den 1970-Jahren zu seinem großen Thema: dem Porträt. Seitdem fotografiert er Menschen, stets auf der Suche nach dem nackten, unverstellten Gesicht: "Das sind die Momente, die mich interessieren."

Vom Schaufensterdekorateur zum Fotografen

1936 in Landshut geboren, hatte Schels ursprünglich Schaufensterdekorateur gelernt. Doch mit 30 ging er nach New York, um Fotograf zu werden. Seit den 70er-Jahren arbeitete er erst in München, dann in Hamburg für Unternehmen und Magazine. Die Ausstellung, die auf jegliche Chronologie verzichtet, konzentriert sich allerdings ganz auf seine parallel entstandenen Schwarz-Weiß-Serien und Langzeitprojekte.

"In meinen ganzen Auftragsarbeiten, auch in der Werbung, hatte ich immer eine SW-Kamera dabei, um das zu fotografieren, was mich interessiert hat. Man muss da ganz streng unterscheiden zwischen Auftrag, da werde ich bezahlt, und den muss ich so machen, wie er verlangt wird. Und nebenbei mache ich das, was mich interessiert."

Wie so oft entpuppt sich das "nebenbei" Entstandene als das Wesentliche. Da gibt es Aufnahmen aus New York, in denen er 1966 die reichen Weißen mit den armen Schwarzen konfrontiert: sich langweilende, pelzgewandete Damen im Centralpark und arbeitssuchende und demonstrierende Schwarze. 1974 entstand eine witzige Serie über Frauen beim Friseur, die unter gewaltigen Trockenhauben und mit dem Wunsch nach einem anderen Ich in die Kamera blinzeln.

Das Gesicht als Kleidung

In den 80ern veränderte sich Schels Fotografie grundlegend. Der erhellend-kritische Blick wich der großen existenzialistischen Geste. Seitdem fotografiert Schels fast nur noch im Atelier und konzentriert sich ganz auf das Gesicht seines Gegenüber, das er vor einfarbig dunklem Hintergrund zeigt:

"Im Gesicht verändert sich das Meiste. Das Gesicht ist wie eine Kleidung. Wir verkleiden uns, und dann sind wir das, was wir vortäuschen. ... Und so ist auch das Gesicht."

Da sieht man Angela Merkel, Helmut Schmidt, Campino und andere, die ihre Hände in die Kamera halten, die für Schels das zweite Gesicht sind. Man sieht Aufnahmen aus Schels wohl bekanntester Serie "Noch mal Leben" von Sterbenden im Hospiz. Auf großem Format zeigt er die Gesichter blinder Menschen oder 12 mal die sich wandelnde extreme Mimik einer Frau mit Downsyndrom.

Für Ingo Taubhorn, den Leiter des Hauses der Photographie, ist Walter Schels einer der letzten Vertreter der klassischen Porträtfotografie. Und so gelte es mit der Ausstellung "einen Fotografen zu würdigen, der mit einer Intensität sich mit Mensch, mit Mensch-sein, mit Leiden beschäftigt hat, die oft in der Gesellschaft ausgeblendet werden."

"Alle wollen geliebt werden"

Schels macht Menschen, die wir lieber übersehen, bildwürdig, monumentalisiert sie. Doch die Methode, sie konsequent aus dem sozialen Umfeld zu lösen, hat ihre Tücken. Über die Gesellschaft, die die Abgebildeten zu Außenseitern erklärt, erfährt man nichts. Und durch den bedeutungsvoll aufgeladenen schwarzen Hintergrund kippen einige Bilder auch schon mal ins Mystische, schrammen hart am Kitsch vorbei. Etwa wenn neben dem großformatigen Schwarz-Weiß-Bild einer toten Frau mit üppigem weißem Haarschopf die Aufnahme eines auf schwarzem Grund schwebenden Fötus hängt. Oder wenn man plötzlich vor großen Tierporträts steht: einem Hühnerkopf im Profil, einem Schimpansen, einem Hund.

"Ich fotografiere Tiere wie Menschen. Im Grunde genommen sind sie sehr verwandt. Und alle - und das ist wohl das zentrale Thema überhaupt - alle wollen geliebt werden."

Sehr berührend wirkt dagegen das erstmals in Auszügen gezeigte, völlig unspektakuläre Projekt über transsexuelle Jugendliche, an dem Schels seit sechs Jahren arbeitet. Dort geht es auch um Gesellschaft. Mit beeindruckendem Mut nutzen die jungen Menschen die Kamera für ein Statement wider alle Vorurteile. Das wunderbar Verwirrende dabei: Schon das jeweils erste Bild des Langzeitprojekts zeigt, wie gefühltes und optisches Geschlecht längst miteinander übereinstimmen. Und so sind es in der Folge meist nur kleine Gesten oder entspannter werdende Gesichtszüge, an denen man erkennt, wie die jungen Menschen, oft nach Jahren des Leidens und der Diskriminierung, endlich auch biologisch eins werden mit sich.

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