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Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 14.06.2015

Der fliegende Buchladen in MarokkoJamila Hassoune bringt Bildung in entlegene Orte

Von Conny Frühauf

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Büchertisch der Caravane du livre im Schulhof des Gymnasiums in Taghjijt (Conny Frühauf)
Büchertisch der Caravane du livre im Schulhof des Gymnasiums in Taghjijt (Conny Frühauf)

Als Kind träumte die Buchhändlerin Jamila Hassoune aus Marrakesch von einem fliegenden Teppich, später von einem fliegenden Buchladen. Im Jahr 2005 gründete sie deshalb eine mobile Form der Wissensvermittlung - die "Caravane du livre".

Durch das große Schulportal tragen Männer und Frauen Kisten voller Bücher und ziehen rollende Koffer hinter sich her. Drinnen im Schulhof unter einer Palme tuscheln erwartungsvoll Schülerinnen mit buntem Kopftuch und langem Rock über die Fremden. Die kommen lässig in Jeans und T-Shirt auf die Mädchengruppe zu.

Auf der anderen Seite des Hofes, verfolgen die Jungen das Geschehen. Ihre neugierigen Blicke begleiten die Ankömmlinge. Sie gehören zur "Caravane du livre", der Bücherkarawane. Drei Tage lang werden sie in der Mittelschule des Dorfes Taghjijt und am Gymnasium nebenan zu Gast sein – mit Büchertisch, Workshops und Gesprächsrunden. Die Dozenten kommen aus den großen Städten Marokkos, aus Europa, aus den USA. Solche Besucher gibt es selten hier.

Ein Dorf am Rand der Sahara

Taghjijt ist ein abgelegenes Dorf am Rand der Sahara im Süden Marokkos. 9000 Einwohner, die meisten Berber, rosarote Häuser mit himmelblauen Türen und Fensterläden, drum herum Dattelpalmen. Dahinter trockenes Wüstenvorland und in der Ferne die kargen Ausläufer des Antiatlas. Collège Ennahikhil steht über dem Schulportal, in zwei Sprachen und zwei Schriften: oben die arabischen Schriftzeichen, unten die Tifinagh-Zeichen des Berberalphabets. Dass jetzt eine Bücherkarawane durch das Tor zieht, sorgt für große Aufregung.

Jamila Hassoune hat die Caravane du livre im Jahr 2005 gegründet. (Conny Frühauf)Jamila Hassoune hat die Caravane du livre im Jahr 2005 gegründet. (Conny Frühauf)

Eine Frau mit dunklen streichholzkurzen Haaren geht zielstrebig auf den Schulleiter zu: Es ist Jamila Hassoune, Buchhändlerin aus Marrakesch und Initiatorin der Bücherkarawane. Sie stellt die "Reisenden" vor: Hochschuldozenten, Erzieherinnen, Frauenrechtlerinnen, Künstler, Journalisten und freiwillige Unterstützer. Kurzes Händeschütteln, dann kommt ein Lehrer, schwenkt eine Liste mit Namen und ruft die wartenden Schüler zu sich. Es soll gleich losgehen mit dem Programm.

Im ersten Klassenraum begrüßt Rabéa Filali, Hochschuldozentin aus Marrakesch, die Schüler in ihrem Workshop.

Rabea: "Alors qu'est-ce que vous lisez? Est-ce que vous lisez des livres?"
Mädchen: "Oui, des romans, des magasins."
Rabea: "Des magazines."
Junge: "Des dictionnaires, pour chercher des mots qui sont difficiles."
Rabea: "Bon, est-ce que vous cherchez souvent dans les dictionaires? D'accord cela c'est pour bien sûr apprende à s'exprimer oralement."

Was lest ihr? will Rabéa Filalil wissen. In der ersten Reihe sitzen Fatima und Mariam, 14 Jahre alt und dicke Freundinnen. Ständig schnellen ihre Hände in die Luft. Wir lesen Romane, Magazine. Wir schlagen schwierige Wörter in Wörterbüchern nach, ruft ein Junge von hinten. Das gefällt Rabéa, ihr verbessert also euren Wortschatz, kommentiert sie. Was lest ihr noch? Nennt ein paar Titel! Rotkäppchen, antwortet Fatima lächelnd, ihre großen schwarzen Augen blitzen unter dem Kopftuch hervor. Blaubart, ergänzt ihre Freundin. Der Wolf und das Lamm, sagt ein Junge und schaukelt mit den Flipflopfüßen.

Rabéa : "Pourquoi est-ce'on doit lire ces histoires, ces livres?"
Fatima: "Pour lire le français bien et pour parler avec les autres."
Rabea: "D'accord, pour bien vous exprimer."
Junge: "Parce qu'il y a beaucoup d'informations, pour apprendre d'autres langues."
Rabea: "Pour apprendre d'autres langues et pourquoi doit-on apprendre d'autres langues?"
Schüler: "Pour communiquer avec des autres."

Was könnt ihr aus Büchern lernen, will Rabéa weiter wissen. Wir verbessern unser Französisch. Wir lernen viele Sprachen, damit wir uns mit anderen Menschen verständigen können, antworten die Schüler. Sie wissen: Sprachen sind wichtig für ihr späteres Berufsleben, für Auslandsaufenthalte. Die meisten Schüler hier stammen aus Berberfamilien, ihre Vorfahren sind die Ureinwohner Marokkos. Sie sind vielsprachig: zu Hause und untereinander sprechen sie ihren Berberdialekt Tamazight. Von der ersten Klasse an lernen sie Arabisch und Französisch. Ab der vierten Klasse kommt Englisch hinzu.

Der Französischlehrer freut sich

Rabéa erklärt gestenreich, dass Sprachen Einblick in andere Kulturen ermöglichen, Austausch und gegenseitige Akzeptanz fördern. Fatima und Mariam hängen an ihren Lippen. Nicken eifrig bei Rabéas Tipps, wie sie Bücher zum selbständigen Lernen nutzen können. Der Französischlehrer schaut kurz zur Tür herein. Strahlt, als er seine Schüler so eifrig parlieren hört. Am Ende bedanken sich Fatima und Mariam bei Rabéa für die vielen Anregungen:

Fatima: "Il'est bien pour les jeunes pour parler bien le français. Et je remercie qui a arrivé parce que c'est une occasion qui nous offre beaucoup de choses."

Ein wenig verlegen zupft Fatima an ihrem Kopftuch herum, erzählt von ihrer Leseleidenschaft und ihren ehrgeizigen Zukunftsplänen:

Fatima: "Je souhaite d'être toujours la premiere dans le collège et tout simplement de faire comme les autres, de lire et ecrire et être un professeur de français, je veux aller au Maroc, ça c'est un village qui est parfois un peu moche, triste".

Fatima will Klassenbeste werden

Klassenbeste will sie werden, das zuweilen eintönige Dorfleben hinter sich lassen, zum Studium nach Agadir oder Marrakesch gehen und Französischlehrerin werden. Sie möchte gerne mal nach Frankreich, aber auf jeden Fall in Marokko leben und arbeiten. Mariam möchte Krankenschwester werden oder Ärztin, das hängt von ihren Noten ab, sagt sie.

Rabéa begleitet die Mädchen zurück auf den Schulhof, wo sie mit wehenden Röcken zum nächsten Workshop eilen:

"Ich wollte den jungen Schülern zeigen, wie sie selbständig arbeiten und lernen können, um keine wertvolle Zeit zu verlieren. Vor allem, weil die Sommerferien von Ende Mai bis September dauern, wegen der großen Hitze."

Rabéa Filali begleitet die Caravane du livre seit 2006. Sie berät sie Jamila Hassoune beim pädagogischen Konzept. Jedes Jahr zum Welttag des Buches geht die ungewöhnliche Expedition in ein anderes Dorf, im Hohen Atlas oder einer entlegenen Wüstenoase. Jamila schleppt mit einem Lehrer und zwei Schülern Bücherkisten, alles Spenden für die kleine Schulbibliothek. Die quirlige Frau mit den lachenden Augen ist selbst in einem Berberdorf in Südmarokko groß geworden.

Jamila Hassoune: "Wir waren immer nur zu Hause, ich bin in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, der einzige Luxus waren Bücher. Sie bedeuteten mir sehr viel, ich wunderte mich immer darüber, dass die Nachbarn keine hatten. Ich wollte etwas wissen von der Welt da draußen. Ich konnte gar nicht aufhören zu lesen, mit 13 habe ich Simone de Beauvoir gelesen. Meine Familie war sehr konservativ und die Bücher haben mir sehr geholfen, sie haben mir viel Kraft gegeben."

Die geheime Macht der Bücher

Als Kind hat sie lange geglaubt, von Büchern ginge eine geheime Macht aus. Denn als sie sechs Jahre alt war, wurde ihr Onkel verhaftet und anschließend für mehrere Jahre ins Gefängnis gesperrt. Er war Kommunist und hatte Bücher von Lenin unterm Bett versteckt. Das war während der sogenannten bleiernen Zeit, unter dem alten König Hassan II. Nach dem Tod ihres Vaters Mitte der 1990er-Jahre übernahm Jamila dessen Buchhandlung in Marrakesch, machte sie zu einem stadtbekannten Intellektuellen-Treffpunkt.

Bücher sind bis heute ihre große Leidenschaft, auch wenn sie sich in Marokko nur schwer verkaufen lassen:

"Die Idee mit der Bücherkarawane ist entstanden, als ich festgestellt habe, dass die Leute kaum in meine Buchhandlung kommen und überhaupt kaum lesen. Obwohl sie in einem beliebten Uni-Viertel liegt. Das wollte ich ändern. Von vielen Lehrern wusste ich, dass es in ihren Dörfern überhaupt keine Angebote für junge Menschen gibt. Also bin ich mit einem Auto losgefahren, und an den Schulen Buchausstellungen zu organisieren."

Jamila Hassoune weiß, dass in entlegenen Orten wie Taghjijt kulturelle Einrichtungen und öffentliche Bibliotheken fehlen. Als Kind hat sie von einem fliegenden Teppich geträumt, später von einem fliegenden Buchladen, der all das kostbare, in Büchern eingeschlossene Wissen zu den Menschen bringt. Die Marokkaner lesen nicht, erklärt Jamila, das Land mit seinen Berberdialekten ist bis heute geprägt von einer mündlich überlieferten Erzählkultur. Nach wie vor gibt es in den Dörfern viele Ältere, vor allem Frauen, die nicht lesen und schreiben können. Zwar haben etliche Alphabetisierungsprogramme in den vergangenen Jahren einiges verbessert und fast jeder kleine Ort hat inzwischen wenigstens eine Grundschule. Doch noch immer liegt die Analphabetenrate im Schnitt bei 30 Prozent, auf dem Land ist sie oft höher.

Jamila wünscht sich mehr Lesekultur und eine gezielte Leseförderung.

"Für mich ist es sehr wichtig, mit jungen Menschen zu arbeiten. Ich habe Verschiedenes mit den Büchern ausprobiert und bin dann auf die Bücherkarawane gekommen. Sie ist ein Diskussionsforum mit Journalisten, Autoren und Akteuren der Bürgergesellschaft. Wenn man Bücher mit Veranstaltungen präsentiert, kommen die Leute. Das ist wie Theater. Büchertische reichen nicht. Man muss Interesse wecken, die Bücher lebendig werden lassen durch Begegnungen, Gespräche."

Vielfältige Workshops im Angebot

Die Karawanenreisenden haben sich viel ausgedacht für ihre Workshops mit den Schülern: Giulia und Sabrina aus Italien leiten im Schulhof Neunklässler an, mit einfachen Mitteln und einem Smartphone gute Fotos zu machen.

Halima Oulami im Workshop am Collège Ennakhil (Conny Frühauf)Halima Oulami im Workshop am Collège Ennakhil (Conny Frühauf)

Ein wenig scheu gehen die Jugendlichen im Workshop von Halima Oulami im Kreis herum, legen Steine auf beschriebene Blätter. Die bekannte marokkanische Frauenrechtlerin spricht mit ihnen über Geschlechterrollen, Gleichberechtigung, Verantwortung und persönliche Vorbilder.

Eine Klassenzimmertür weiter treffen im Lektüreworkshop Löwe und Dromedar aufeinander. Geduldig korrigiert der Französischlehrer Ibrahim Abounasser die Aussprache der Schüler. Vielen bereitet die französische Sprache Mühe, obwohl sie bereits seit der ersten Klasse darin unterrichtet werden. Tamazight, Arabisch, Französisch, Englisch: Die Vielsprachigkeit verlangt den Jugendlichen einiges ab. Für seinen Lektüreworkshop hat Abounasser bewusst eine Oasengeschichte gewählt. Zum Konzept der Bücherkarawane gehört auch die Sensibilisierung für das eigene kulturelle Erbe.

Jamila Hassoune: "Junge Menschen müssen sich artikulieren können. Sie brauchen Lerntechniken, Wissen. Wenn aus ihnen gute Staatsbürger werden sollen, brauchen sie auch kulturelles Gepäck. Sie müssen ihre Geschichte kennen, Möglichkeit erhalten, sich gegenüber anderen Kulturen zu öffnen. Darum begleiten die Bücherkarawanen auch Menschen aus verschiedenen Ländern."

Auch die Lehrerin ist Lernende

Die junge Englischlehrerin der Mittelschule, Rachida Irifi, kommt auf den Schulhof. Mit ihrem Kopftuch und dem weißen Kittel ist sie kaum von den Schülerinnen zu unterscheiden. Eifrig notiert sie mit ihnen Fragen in einem Collegeblock, alle bereiten sich vor auf den Workshop mit dem italienischen Journalisten Donato Speroni.

Raschida:"They are really excited, tomorrow we have a workshop about how to write an article and we are so happy and we are so thankful. Thank you!"

Rachida teilt die Aufregung der Schüler über die Karawane. Einige Workshops sind schon beendet, überall kommen kleine Grüppchen zusammen, viele sind mutig, kratzen ihre Französisch- oder Englischkenntnisse zusammen, suchen das Gespräch mit den Karawanenreisenden. Auch die 27-jährige Englischlehrerin begreift sich an diesem Tag als Lernende:

"Ich lerne immer noch dazu, auch als Lehrer müssen wir uns ständig weiterbilden, wenn man immer nur den gleichen Unterricht macht, ist man irgendwann tot. Man muss wissen, was in der Welt los ist und deshalb ist die Bücherkarawane für uns so wichtig! Ich bin seit vier Jahren an dieser Schule und es ist das erste Mal, dass ich mit jemandem Englisch sprechen kann!"

Rachida ist hier in dieser ländlichen Gegend aufgewachsen, sie hat die Grundschule besucht und musste dann an einen anderen Ort für die weiterführende Schule, denn in ihrem Dorf gab es keine. Als einzige Tochter musste sie ihren Vater lange überzeugen, bis er sie schließlich aus dem Haus ließ, um Abitur zu machen und zu studieren. Doch inzwischen hat sich die Mentalität verändert, erzählt Rachida:

"Es hat einen Wandel gegeben: In den 1990er-Jahren waren die Leute hier noch viel konservativer, Mädchen sollten traditionell im Haus bleiben, aber jetzt erzählen alle immer stolz von ihren Töchtern, wenn diese in Agadir studieren, das ist die nächste Universität. Den Eltern ist die Ausbildung ihrer Töchter inzwischen sehr wichtig."

Die Mädchen haben ehrgeizige Pläne

Und die Mädchen haben viel vor. Medizin wollen sie studieren, sagen Houda und Rabia. Ingenieurswesen, sagt ein Mädchen mit türkisblauem Kopftuch. Alles Traumberufe mit Zukunftsaussichten: Schon jetzt arbeiten in Marokko viele Frauen als Ärztinnen oder Ingenieurinnen. Doch für das Studium gibt es hohe Hürden: eine gute Abitursnote, sehr gutes Französisch, Arabisch und Englisch, Eignungstests.

Rachida: "Die Mädchen hier wissen mehr, arbeiten besser in der Schule als die Jungs. Manche sind sehr ehrgeizig und unglaublich lernbegierig. Sie wollen die Welt entdecken, Fremdsprachen lernen, sich verständigen können."

Auch die 14-jährige Lamyae hat genaue Vorstellungen, was sie später einmal machen will. Sie steckt in modisch geschlitzten Jeans, das lange Haar offen, nur mit einer Spange aus der Stirn gehalten. Sie will auf jeden Fall ins Ausland gehen:

Lamyae: "In America, exactly New York, because I watch the movie in New York. Example: Spiderman and Batman, Jocky Shan, Titanic."
Frühauf: "What do you want to do there?"
Lamyae: "I have find jobs. Police-woman."
Rachida: "Oh god. FBI. Oh my god!"
Frühauf: "Why police-woman?"
Lamyae: "Because."
Rachida: "She wants to show her strength, a strong position, is that it?"
Lamyae: "And because I watch every day the women in America."

Der Traum vom Studium in den USA

Ihr Vater, sagt Lamyae, würde sie lieber als Ingenieurin sehen denn als Polizistin. Aber ein Studium in Amerika würde er ihr schon gerne ermöglichen. Rachida, die Englischlehrerin, konnte ihren Traum, nach England oder Amerika zu reisen, bis heute nicht verwirklichen. Er kostet zu viel Geld. Doch sie ist froh, eine feste Anstellung zu haben. Denn die Arbeitslosigkeit unter Akademikern ist hoch. Ihr gutes Englisch hat sie vor allem über das Internet gelernt: Auf YouTube versäumt sie kein Video ihrer Lieblingssängerin Pink, über Bluetooth schickt sie ihren Schülern kleine Videos, um ihnen die Sprache lebendig zu vermitteln.

Rachida: "Das größte Problem hier ist Langeweile. Hier ist nichts los: keine Clubs, keine Treffpunkte. In den Klassenräumen gibt es nur Tafel und Kreide. An der Schule haben wir keine Computer, keinen Internetzugang. Trotzdem müssen wir Lehrer den Unterricht abwechslungsreich gestalten: Ich nutze Songs, um die Sprache unterhaltsam zu vermitteln."

Rachidas Dynamik und Kreativität spornt die Schüler an. Sie notieren sich die Hausaufgaben und sind genauso gespannt auf den morgigen Workshop mit dem Karawanenreisenden Donato Speroni wie ihre Englischlehrerin. Denn es geht um das, was die meisten brennend interessiert: die Nutzung moderner Medien.

Eine Kulisse wie aus 1001 Nacht

Auf der Rückfahrt zur Unterkunft fährt der Karawanenbus durch die ausgedehnte Oase von Taghjijt: Mächtige Dattelpalmen säumen einen kleinen Fluss, eine Kulisse wie aus 1001 Nacht. Noch immer leben viele Familien hier von der Dattelernte. Ein alter Mann reitet auf seinem Esel am Ufer entlang, überholt drei verschleierte Frauen mit großen Körben auf den Köpfen. Omar, der Busfahrer, dreht das Radio auf.

Palmenoase Taghjijt: Viele Familien der Gegend leben vom Dattelanbau. (Conny Frühauf)Palmenoase Taghjijt: Viele Familien der Gegend leben vom Dattelanbau. (Conny Frühauf)

Die Stimmung der Karawanenreisenden ist ausgelassen. Die Workshops liefen gut, die Offenheit, Wissbegierde und Dankbarkeit der Schüler hat alle tief berührt. In der Abendsonne grasen Dromedare, stecken ihre Mäuler in die zartvioletten Blütenteppiche, die den steinigen Boden bis zu den Ausläufern des Antiatlas bedecken. Die nackten Bergrücken schimmern im Dunst, erinnern an schlafende Riesenechsen und uralte Schildkröten. Einst zogen hier die Timbuktu-Karawanen aus Schwarzafrika entlang, brachten Gold, Salz und Elfenbein in die Provinzhauptstadt Guelmim. Sie war wichtiger Etappenort im Maghreb. Der dortige Kamelmarkt einer der größten Afrikas. Heute wird er nur noch für Tagestouristen aus Agadir inszeniert.

Am nächsten Tag empfängt die Englischlehrerin in der Mittelschule Donato Speroni zum Workshop und führt ihn in den Leseraum der Schulbibliothek. Auf den Tischen vor den Bücherregalen liegen Jamilas Bücherspenden. Zwei Dutzend Schüler sitzen bereits gespannt im Halbkreis und warten. Auf einem Plakat gegenüber der Tür steht: Welcome Mr. Donato Speroni. Zwei Mädchen bringen ein silbernes Tablett mit Milch und Datteln. Der Willkommensgruß der Berber. Donato erzählt von seiner Arbeit als Wirtschaftsjournalist in Rom und stellt verschiedene Medien vor.

Die Schüler tragen ihre Hausaufgaben vor: Vor- und Nachteile des Fernsehens. Dann kommt die Rede aufs Internet.

Rachida: "Ok, do you have access to the internet, do you have internet at home?"
Schüler: "Yes!"
Rachida: "Good. So what do you watch on the internet?"
Schüler: "The movies."
Rachida: "Good."
Schüler: "Different subjects example the books, picture, good for communication with the family and the friends."
Rachida: "Relatives, member of family, very good."
Schüler: "Information."
Rachida: "For information, yes."
Donato: "When we talk about a book, we talk about one person broadcasting to many people. If we talk about the internet we talk about many people who are talking to many. That's the big difference."

Smartphones haben fast alle

Fast alle Schüler hier besitzen Smartphones. Sie leben in bescheidenen Verhältnissen, oft mit den Großeltern unter einem Dach, schlafen auf Matratzen auf dem Boden, verstauen ihre Schulsachen in Plastiktüten an der Wand. Aber die meisten haben einen Computer. Die Eltern wollen ihre Kinder fördern, ihnen den Zugang zur globalen Informationsgesellschaft ermöglichen. Dafür gibt es auch Unterstützung vom Staat. Der Breitbandausbau ist ein großes Thema und auch in Taghjijte gibt es ein Cybercafé. Das Internet ist das Tor zur Welt jenseits der Oase, es verbindet Freunde, Lehrer und Schüler, lässt entfernt lebende Familienmitglieder zusammenrücken.

Rachida: "Do you have a Facebook?"
Schüler: "Yes!"
Lehrer: "Why do you use Facebook?"
Schüler: "Onlinechat."
Lehrer: "Yes, to chat. To chat with?"
Schüler: "Friends."
Lehrer: "When you chat, in which language?" Schüler: "French or Arabic." / "English."

Donato gibt Tipps, wie man die Medien sinnvoll nutzt und Informationen im Internet zuverlässig recherchiert. Er ist erstaunt, wie sehr das Internet auch einen entlegenen Ort wie diesen mit der globalen Netzgemeinde verbindet. Seit seinen früheren Marokkoreisen ist viel modernisiert worden, stellt er fest, neue Häuser und Straßen, aber im Süden gibt es noch immer sehr viel Armut.

Donato: "Das ist ein großes Problem, das wir gemeinsam lösen müssen. Wir können all die Menschen, die von Afrika nach Europa wollen, gar nicht aufnehmen. Allerdings stelle ich bei dieser Reise fest, dass viele Jugendliche hier in Marokko bleiben wollen. Sie haben genaue Vorstellungen von ihrer Zukunft, mit ihnen kann man sehr gut an der Weiterentwicklung des Landes arbeiten."

Die Karawane kommt am Welttag des Buches

Der dritte Tag der Bücherkarawane fällt auf den Welttag des Buches. Im Schulhof des Gymnasiums von Taghjijt weht die marokkanische Flagge, fünfzackiger grüner Stern auf rotem Grund. Wieder lädt Jamila kistenweise Bücher aus dem Bus, ein paar Lehrer eilen zu Hilfe. Schon bauen Schüler unter den Arkaden einen großen Büchertisch auf. Die Karawanenreisenden verteilen sich in die umliegenden Klassenzimmer, um auch hier ihre Workshops abzuhalten.

Der Comiczeichner Aziz Oumoussa zeichnet Strichmännchen und birnenförmige Gesichter an die Tafel, produziert mit den Schülern einen kurzen Zeichentrickfilm.

Die 14-jährige Azma Azin fand Comics bisher immer langweilig, erzählt sie beim Rausgehen aus der Klasse, jetzt nicht mehr:

"Das war toller Unterricht, ich habe sehr viel über Zeichentrick und Comics gelernt. Vorher dachte ich, dass die Figuren in den Zeichentrickfilmen im Fernsehen einfach verkleidete Schauspieler sind. Jetzt weiß ich, wie das entsteht, mit Storyboard, Bewegungsabläufen, verschiedenen Gesichtsausdrücken."

Azma will auf jeden Fall noch ein paar kurze Trickfilme auf YouTube ansehen. Dort findet sie auch französische Musikvideos. Sie liebt die französische Sprache, ihr Vater arbeitet in Paris, und irgendwann will sie ihn besuchen und den Eiffelturm fotografieren. Deshalb hofft sie jetzt auch, am Büchertisch französischsprachige Romane und Theaterstücke zu finden. Auch sie will Französischlehrerin werden.

Gedränge am Büchertisch

Am Büchertisch ist es jetzt in der Pause rappelvoll. Mädchen, alle mit Kopftüchern, Jungen, meist sportlich lässig gekleidet, stehen am Tisch, schauen, blättern. Zwei Männer im traditionellen weißen Burnus, Tücher um den Kopf geschlungen, mischen sich unter die Jugendlichen. Sie gehören zu einer Delegation hoher Amtsträger, die heute am Welttag des Buches die Aktivitäten an der Schule verfolgen. Azma ist fündig geworden, sie nimmt ein Buch, geht zur Seite, beginnt zu lesen. Jamila steht ein paar Meter weiter, diskutiert mit Schülern und Karawanenreisenden über einen Bildband.

Jamila Hassoune: "Junge Menschen sind reich! Sie haben hier keine großen Mittel, es gibt wenig Infrastruktur. Die gilt es aufzubauen. Aber sie sind so intelligent wie alle jungen Menschen der Welt, sie brauchen eine Chance. Ich arbeite mit ihnen, damit sie lernen sich auszudrücken, Kritikfähigkeit zu entwickeln. Sie brauchen mehr Zugang zu Informationen und Wissen, und für mich geht das am einfachsten mit Büchern, die sind jederzeit verfügbar."

Vielleicht, sagt Jamila, ist es die Geschichte ihres Onkels und der verbotenen Bücher, die bis heute in ihr das Bedürfnis wachhalten, Bücher unter die Menschen zu bringen. Sie sollen nicht in Regalen irgendwelcher Bibliotheken verstauben. Versteckte Bücher sind wie verstecktes Wissen, sagt Jamila, man versteckt und tötet einen Teil seiner eigenen Geschichte. Am Bücherstand haben jetzt drei Jungen und ein Mädchen zusammen mit Sabrina die Aufsicht übernommen. Als am Ende der Pause der Andrang ein wenig nachlässt, zeigt Sabrina auf zwei Bücher von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir:

Sabrina: "Qui connait Sartre de vous? Qu'est-ce que vous pensez? Vous connaissez sa femme? Simone de Beauvoir?"

Diskussionen über Sartre und Descartes

Sabrina diskutiert mit dem 18-jährigen Mohammed und seinen Freunden über Sartre und Descartes. Mohammed liest sehr gerne französische Bücher, vor allem Philosophie. Er möchte Physik und Chemie studieren, dann will er nach Frankreich, sein Bruder lebt dort.

Mohammed: "Il y a un frére de moi en France il y a six frères tous en ce village. Il travaille en France un peu de ... communication."
Frühauf: "Il a quel age ?"
Mohammed: "40."
Frühauf: "Il est marié?"
Mohammed: "Non c'est pas marié." (alle lachen)
Frühauf: "Et toi tu vas te marier?"
Mohammed: "Oui, (lacht). Je veux me marier à une fille à l'étranger en France. (lacht)"
Frühauf: "Pourquoi?"
Mohammed: "Parce que je veux aller chez mon frére en France. Il y a beaucoup de famille de moi en France."

Mohammed ist der Jüngste von sieben Brüdern. Sein Bruder in Frankreich ist mit 40 noch immer Junggeselle. Mohammed will auf jeden Fall eine Französin heiraten oder zumindest in Frankreich eine Familie gründen und dort leben, sagt er. Links vom Tisch steht Sharon aus Kalifornien. Umringt von Schülern zeigt sie Fotos auf ihrem Smartphone.

Sharon: "It's me, my dog."
Schüler: "You have a dog?"
Sharon: "Yes. Two dogs."
Schüler: "Oh! Nice."
Sharon: "That's my other. Joe, like a baby kangaroo. He has a very long neck."
Schüler: "He is funny, funny dog."

Generationen und Kulturen zusammenbringen

Sharon bekommt noch am selben Tag jede Menge Freundschaftsanfragen der Schüler auf Facebook. Die sie alle akzeptiert. Auch Jamila nutzt das Internet, um ihr Netzwerk immer weiter auszubauen. Zufrieden schaut sie in die Runde: Drei Tage lang hat sie Menschen verschiedener Generationen und Kulturen zusammengebracht. Hofft, dass sie damit ein paar Vorurteile und Berührungsängste abbauen konnte – auf beiden Seiten. Wünscht sich, dass diese jungen Menschen die ersehnte Chance erhalten, ins Ausland zu reisen, vielleicht ihre Ausbildung dort zu machen. Und dann zurückkommen, um mit ihrem Know-how und ihrer Erfahrung ihr Land weiterzuentwickeln.

Jamila Hassoune: "Das Wichtigste ist, den Geist dieser jungen Menschen zu entzünden. Gestern hat die junge Englischlehrerin zu mir gesagt, dass sie schon länger etwas bewegen will und wir sie inspiriert haben. Das ist überall so, wo wir mit der Bücherkarawane hinkommen: Wir stoßen etwas an, kommen ins Gespräch. Ich werde den Kontakt mit ihr halten, Hilfestellung geben. Sie sollen selber aktiv werden, etwa zum Welttag des Buches. Denn nichts ist gefährlicher als kulturelle Verarmung."

Zum Abschied gibt es Rosen. Für Jamila und für die Workshopleiter der Karawane. Noch ein Gruppenfoto, Danksagungen für all die gespendeten Bücher, Händeschütteln. Dann ruft Jamila zum Aufbruch. Der Karawanenbus verschwindet zwischen den Dattelpalmen. Im nächsten Jahr wird die Bücherkarawane wieder losziehen. Wird neue Hoffnungen wecken. An einem anderen Ort. Bei anderen jungen Menschen.

 

Conny Frühauf (privat)Conny Frühauf (privat)Conny Frühauf: "Als ich von diesem spannenden Projekt erfahren habe, wollte ich es unbedingt kennenlernen. Ich wollte wissen, wie eine Buchhändlerin aus Marrakesch es schafft, Jahr für Jahr junge Marokkaner in abgelegenen Dörfern fürs Lesen und fürs Lernen zu begeistern. Es hat mich sehr berührt, zu sehen, wie offen und wissbegierig die Schüler vor Ort waren. Wie dankbar sie das Angebot angenommen haben."

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