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Die Reportage | Beitrag vom 12.04.2020

Der fangeführte Fußballklub FC UnitedDie Mutmacher von Manchester

Von Thomas Jaedicke

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Fans von FC United of Manchester schwenken Banner im Broadhurst Park Stadion. (Getty Images / Colin McPherson)
Der fangeführte FC United of Manchester ist in Großbritannien bekannt wie ein bunter Hund. (Getty Images / Colin McPherson)

Seit 15 Jahren geht der Fußballklub FC United in Manchester andere Wege: Er wird von den Fans geführt, ohne sich dem großen Geld anzubiedern. Der sportliche Erfolg lässt auf sich warten. Denn für den Verein stehen andere Dinge im Mittelpunkt.

Zehn Minuten noch, dann wäre der Sieg perfekt und drei wichtige Punkte im Sack. Doch die Stafford Rangers, Tabellenletzter der Northern Premier League Premier Division, siebte englische Liga, sind ein zäher Haufen. Obwohl sie nach einer Roten Karte nur noch mit zehn Mann auf dem vom Dauerregen durchgeweichten Rasen stehen, wollen sie einfach nicht klein beigeben. 

Der Gastgeber, rotes Trikot, weiße Hosen, weiße Stutzen, ist nicht irgendwer. Obwohl es in England nicht mehr viele Ligen unter der siebten gibt, ist der FC United of Manchester nicht nur zu Hause im Königreich bekannt wie ein bunter Hund. Vor 15 Jahren von frustrierten Manchester-United-Fans gegründet, sind die Red Rebels sowas wie Pioniere.

Jedes Mitglied hat eine Stimme 

United – der erste fangeführte Verein, der von einer größeren Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Ein Vorbild für die, die vom Kommerz die Nase voll haben. Basisdemokratisch bei allen wichtigen Entscheidungen. One member, one vote! Jedes Mitglied, egal ob arm oder reich, hat eine Stimme, die zählt. Inzwischen gibt es in Großbritannien über ein Dutzend Klubs, die Uniteds Beispiel folgen. Tendenz steigend.

2:1 liegt United vorn. Das Spiel ist lausig und das Geld sowieso immer knapp. Doch die knallrote Trikotbrust soll trotzdem auch in Zukunft werbefrei bleiben. Das haben die Fans, denen der Verein gemeinsam gehört, zu Saisonbeginn gerade wieder beschlossen. Auch wenn das wahrscheinlich bedeutet, nie mehr über die siebte Liga hinauszukommen. 

In letzter Zeit schwindet jedoch der Rückhalt in den eigenen Reihen. Die Abstimmungen werden knapper und die Zuschauer, die von einer heilen, unkommerziellen Fußballwelt träumen, in der alle gleich sind, werden immer weniger. Kamen früher 2500 Fans zu einem Flutlicht-Abendspiel unter der Woche, sind es an diesem verregneten Dienstag Ende Februar gerade mal 1300, die bereit sind, für so einen Kick zwölf Pfund zu zahlen.

Fünf Minuten vor Schluss setzt Hagel ein. Unter dem Dach der Stehplatztribüne, gleich hinter dem Tor, fegt ein eisiger Wind. Banner und Flaggen, an Wellenbrechern festgezurrt, flattern heftig, blähen sich auf wie Segel in schwerer See. Bei so viel Aufregung, Kälte und Bier verliert manch einer auf den Rängen den Überblick. Uniteds Keeper nicht. Das hellgrüne Torwartjersey völlig schlammbeschmiert, hat Cameron Belford gerade noch rechtzeitig einen giftigen Steilpass der Rangers abgefangen. Jetzt hat er es eilig, gestikuliert mit den Armen, treibt seine Jungs nochmal nach vorn. Vier Minuten Nachspielzeit. Angriff war schon immer die beste Verteidigung.

Ein Stadion mitten im Problemkiez 

Es ist beim knappen 2:1 für United geblieben. Ein dreckiger Sieg, den sie wirklich dringend gebraucht haben, findet Matt Tansey. Der 56-Jährige hat das FC-United-Projekt von Anfang an als Fan begleitet. Ganz selten nur kommt es vor, dass er ein Spiel verpasst. Eigentlich nur, wenn der Haussegen schief hängt: Denn seine Frau interessiert sich null für Fußball. 

Matt, The Bike, ist Fahrradkurier in Manchester. Fünf Tage die Woche ist er draußen, bei Wind und Wetter. Unter seiner dünnen Jacke trägt er nur ein kurzärmeliges Poloshirt. Das nasskalte Februar-Manchester-Wetter mit Dauerregen bei null Grad scheint ihm überhaupt nichts auszumachen.

Das Eingangsgebäude des Stadions Broadhurst Park des FCUM. (Thomas Jaedicke)Das von Mitgliederanteilen und einem günstigen Kredit der Stadt finanzierte Stadion Broadhurst Park ist ein wichtiger Anlaufpunkt im Stadtteil Moston. (Thomas Jaedicke)

Seit fünf Jahren hat der FC United ein eigenes Stadion. Finanziert wurde Broadhurst Park durch einen günstigen Kredit der Stadt und Anteile der Mitglieder. Noch ein letzter Blick zurück auf die schicke rot-graue Arena, die noch immer vom Flutlicht erleuchtet wird. Dann gehen die Lichter aus.

Das Stadion, das 4400 Zuschauern hauptsächlich Stehplätze bietet, liegt in Moston, einem ziemlich abgehängten Stadtteil in Manchesters Nordosten mit hoher Arbeitslosigkeit und viel Kriminalität.  Auch auf dem elend langen Weg vom Stadion zurück zur Bahnstation Newton Heath and Moston hört es nicht auf, wie aus Kübeln zu schütten.

Bevor uns der Zug zurück in die Innenstadt bringt, schlägt Matt vor, noch auf einen Sprung ins alte Railway Hotel am Mostoner Bahnhof zu gehen. The Bike und Vox Andersen, die den FC United ebenfalls von Anfang an begleitet hat, brauchen jetzt doch noch ein Bier, um diesen Abend aus den Knochen zu bekommen.

15 Jahre rauf und wieder runter 

Matt und Vox erinnern sich an das erste Spiel vor 15 Jahren. Es war ein Festtag! Vorher gab es eine ganze Menge Probetrainings, bei denen sich Spieler vorstellten. Trotz aller Startschwierigkeiten hatten sie am Ende eine ziemlich gute Mannschaft beisammen. Vorne ihren Stürmerstar, den Nordiren Rory Patterson. Er blieb drei Jahre und hält mit 99 Treffern bis heute den Torrekord. 

Das erste Match war ein Freundschaftsspiel gegen Leigh, eine Stadt mit 40.000 Einwohnern zwischen Liverpool und Manchester. Auswärts, weil United in den ersten zehn Jahren kein eigenes Stadion hatte. Für die Heimspiele im Ligabetrieb waren sie zu dieser Zeit immer irgendwo Untermieter. Matt erinnert sich an ungefähr 3000 FC-Fans, die damals mit nach Leigh fuhren. Wahrscheinlich ging es 0:0 aus. Aber das Ergebnis hat überhaupt keine Rolle gespielt.

Porträt von Matt Tansey und seiner Frau. (Thomas Jaedicke)Der Fahrradkurier und FCUM-Mann der ersten Stunde Matt Tansey verpasst trotz Wind und Wetter kaum ein Spiel.Hier gemeinsam mit seiner Frau. (Thomas Jaedicke)

In den folgenden Jahren ging es dann immer mal wieder hoch und dann wieder runter. Mal stieg man ab und irgendwann wieder auf. Eine Achterbahnfahrt, sportlich und natürlich auch finanziell. Hat der FC United in den vergangenen 15 Jahren unterm Strich etwas Bleibendes erreicht? Bevor Matt antwortet, bestellt er schnell eine zweite Runde Bier.

Mit seinem eigenen Stadion gibt der FC United dem problembeladenen Moston einen Halt. So sieht Matt das. Für die Leute hier ist der Club mit seinen vielen Räumen und Angeboten, die genutzt werden können, ein wichtiger Anker: Yogakurse, Gospelchöre und Nachbarschaftshilfe jeder Art. Klar könnte manches noch besser werden, räumt der wetterfeste Fahrradkurier ein. Aber alles in allem hätten sie doch eine ganze Menge erreicht. Vox und Matt sagen aber auch, dass es in letzter Zeit klubintern eine ganze Menge personeller Querelen gegeben habe. Basisdemokratische Kooperativen sind eben auch sehr, sehr anstrengend.

Noch ist das Trikot werbefrei 

Weil jeder Penny zwei Mal umgedreht werden muss, hat die Basis jetzt sogar dafür gestimmt, Wettanbieter als Sponsoren zuzulassen. Vox und Matt bedauern das zutiefst, weil man damit eigentlich seine Prinzipien verrät. Die Vorderseite des FC United Trikots ist noch werbefrei. Immerhin. Aber wird es dabei bleiben? Für den prominentesten aller Werbeplätze im Fußball ließe sich im Handumdrehen ein Brustsponsor finden. Spielend leicht könnte sich United, so wie St. Pauli in Deutschland, das Revoluzzer-Image vergolden lassen. Wohin sowas führt, hat Matt erlebt.

Als Matt ein kleiner Junge war, konnte er von seinem Taschengeld zu Manchester United gehen. Heutzutage kostet eine Karte bei ManU 70 Pfund. Selbst wenn er wieder zurück zu seiner ersten großen Fußballliebe wollte, könnte sich der selbstständig arbeitende Kurier, der aus kleinen Verhältnissen kommt, das gar nicht mehr leisten.

Der nächste Tag sieht freundlicher aus. Ein starker Westwind, der vom Meer kommt, bläst die Regenwolken weg. Mit der Tram fahre ich wieder raus nach Moston. Ich möchte herausfinden, was der Klub mit seinem Stadion für diesen Stadtteil, der angeblich so viele Probleme hat, wirklich bedeutet.

Vom Bahnhof bis zum Stadion ist es zu Fuß ungefähr eine Viertelstunde. Der Weg führt vorbei an kleinen Einfamilienhäusern in rotem Backstein, davor kleine gepflegte Vorgärten. Fast überall steht mindestens ein Auto vor der Tür. Diese unspektakuläre, ein bisschen piefig wirkende Gegend soll ein sozialer Brennpunkt sein? Kaum zu glauben, jedenfalls nicht auf den ersten Blick.

Die Infrastruktur funktioniert 

Mohammad Ali und sein Bruder betreiben ihr Geschäft hier seit sechs Jahren. Sie wohnen in Bury, 15 Autominuten entfernt und sind deswegen immer nur zu den Geschäftszeiten in Moston. Der Ladenbesitzer thront auf einem bequemen Drehstuhl hinter der Kasse. Von diesem Platz aus hat er den Eingangsbereich und den ganzen Verkaufsraum ziemlich gut im Blick.

Seiner Meinung nach hat Moston vom Stadion enorm profitiert. Fußball ist ein populärer Massensport. Die Jugendlichen kommen von der Straße weg, tun was für ihre Gesundheit, lernen Teamwork und nebenbei wird auch noch der Familienzusammenhalt gestärkt. Den besten Fußballern winkt vielleicht sogar eine lukrative Profikarriere.

Mohammad Ali am Tresen seines Supermarkts nahe des Stadions. (Thomas Jaedicke)Geschäftsinhaber Mohammad Ali findet, Moston habe sich in den letzten Jahren positiv entwickelt. Das sei auch dem Verein zu verdanken. (Thomas Jaedicke)

An Spieltagen ist das kleine, aufgeräumte Geschäft an der Lightbowne Road schon mal brechend voll. Aber heute ist eher tote Hose. Nur ab und zu schneit ein Kunde herein. Mohammad, der einen schwarzen Hoodie und Vollbart trägt, muss sich nur selten aus seinem gepolsterten Drehstuhl hinter der Kasse erheben. In all den Jahren gab es nicht einen Vorfall, sagt der wachsame Kaufmann. 

Moston hat sich positiv entwickelt, findet Mohammad. Viel Altes wurde abgerissen und eine Menge Neues gebaut. Die Infrastruktur funktioniert. Deswegen heißt das Viertel rund um den Broadhurst Park jetzt auch New Moston. Viele junge Familien mit Kindern sind zugezogen und haben frischen Wind in die Community gebracht.

So wird der Kampf gegen Kriminalität jetzt mit neuen Kräften geführt, sagt der Kaufmann. Verglichen mit anderen Stadtteilen von Manchester seien Grundstückspreise und Mieten in Moston wenigstens noch bezahlbar. Dazu kommt noch, dass Manchesters Zentrum nur eine Viertelstunde entfernt ist. Und natürlich hat Moston noch ein ganz anderes Pfund: das eigene Fußballstadion.

Eine Akademie für den Nachwuchs 

Broadhurst Park macht auch bei Tageslicht eine ganze Menge her. Das FC-United-Stadion liegt genau gegenüber von Mohammads Geschäft, weniger als einen Steinwurf entfernt. Früher war das weitläufige Vereinsgelände bloß eine sumpfige Wiese. Jetzt gibt es vor der Arena einen großen, asphaltierten Parkplatz und Kunstrasenplätze, die von morgens bis abends voll ausgelastet sind.

Auf dem ersten Platz läuft an diesem Nachmittag gerade ein Sichtungstraining für Nachwuchsspieler, die unbedingt einen Platz im Academy-Team ergattern wollen. Das ist das Fußballinternat vom FC United. So ähnlich wie bei deutschen Profiklubs wird eine Mischung aus Schule und Sport angeboten; für viele Talente ist die Akademie ein Sprungbrett in die Männermannschaft. Von der halboffenen, verglasten Galerie über dem Haupteingang hat man einen perfekten, windgeschützten Blick, um das Trainingsspielchen auf dem Platz zu beobachten.

Kelvin Amado ist schon auf der Akademie. Für die nächsten zwei Jahre hat er seinen Platz sicher. Im vergangenen Sommer hat es geklappt. Die Stadt Manchester unterstützt ihn mit einer Zahlung von 25 Pfund pro Woche. Vorher hatte Kelvin schon in Stoke und beim FC Everton in Liverpool vorgespielt, aber für die Internate der berühmten Proficlubs reichte es nicht ganz.

Im Moment ist der 17-Jährige, der das Spiel als Kind in den Londoner Hinterhöfen lernte, erstmal außer Gefecht. Er hat sich am Knöchel verletzt. Schmerzhaft, aber nichts Ernstes. In ein paar Tagen möchte der Nachwuchsstürmer unbedingt wieder ins Training einsteigen.

Feel-Good-Faktor statt Kommerz 

Zwar ist der FC United kein Profiklub, trotzdem bietet der Siebtligist eine überragende Infrastruktur, findet Kelvin. Andere Teams auf diesem Niveau können da nicht mithalten. Vor sieben Jahren ist er mit seiner Mutter, die portugiesisch-angolanische Wurzeln hat und hier Arbeit in einer Reinigungsfirma fand, von London nach Moston gezogen. Mittlerweile ist auch sein zwölfjähriger Bruder im Verein. Gottseidank sei es in den vergangenen Jahren in Moston viel ruhiger geworden, sagt Kelvin. Auf den Straßen gebe es immer weniger Stress.

Porträt von Kelvin Amado: Ein Junge mit lockigen Haaren, bekleidet mit einer Trainingsjacke schaut in die Kamera. (Thomas Jaedicke)Kelvin Amado hat für die nächsten zwei Jahre einen Platz im Academy-Team des FCUM sicher. Bei dem Mostoner Verein fühlt er sich zuhause. (Thomas Jaedicke)

Kelvin Amado fühlt sich bei United in Moston richtig zuhause. Morgens Training, mittags Schule und Nachmittags frei. Inzwischen ist er ein richtiger Fan der ersten Männermannschaft, wo er schon ein paar Mal mittrainieren durfte. Er verpasst kein Heimspiel und am liebsten würde er nach der Akademie für die erste Mannschaft spielen. 

Kelvin Amado findet die Idee der fangeführten Vereine großartig. Und dass man mit diesem Modell auch ohne den ganz großen Kommerz, dafür aber mit dem Feel-Good-Faktor erfolgreich sein kann, beweist gerade der AFC Wimbledon, der mittlerweile in der Football League One, der dritten englischen Liga spielt. Der junge Mann versprüht so viel jugendlichen Enthusiasmus, dass er sich United in ein paar Jahren sogar auf der ganz großen Bühne, in der Premier League, der teuersten Liga der Welt, vorstellen kann. 

Jacques Ainsworth nimmt die schwarze Wollmütze mit dem FC-United-Logo auch in der gut geheizten Lobby des Broadhurst Park nicht ab. Den ganzen Tag hat er draußen auf dem windigen Platz gestanden, um die Akademiebewerber, die dort vorgespielt haben, unter die Lupe zu nehmen. Der Sportwissenschaftler, der seit Gründung der Akademie vor fünf Jahren dabei ist, braucht jetzt erstmal einen Schluck Tee zum Aufwärmen.

Unermüdliches Engagement von Ehrenamtlichen 

Der 32-Jährige ist in Moston aufgewachsen und wohnt noch immer hier, direkt gegenüber vom Stadion. Eigentlich hatte er den FC United gar nicht so auf dem Schirm. Aber mit dem Stadion direkt vor Nase fing er zunächst als ehrenamtlicher Trainer an. Mit den Jahren wuchs er nach und nach in den Klub hinein. 

Jacques Ainsworth sagt, dass Moston immer noch abgehängt sei; ein Ort mit viel Kriminalität. Die Akademie biete aber die Chance auf einen strukturierten Tag mit Schule und Sport. Der beste Weg, gar nicht erst in Schwierigkeiten zu geraten. Wenn Jacques Ainsworth solche Sätze, die wahrscheinlich auch in jedem Lehrbuch stehen, ausspricht, klingt er trotzdem nicht wie ein Sozialarbeiter. Der Mann mit den leuchtend grünen Augen verströmt so etwas wie Street-Credibility. Er ist eben auch ein Mostoner Junge.

Die FC-United-Akademie sehen Jacques und seine Kollegen als eine Schule fürs Leben. Vermittelt wird nicht nur das, was im Lehrplan steht. Es geht vor allen Dingen auch um Grundtugenden wie Disziplin und Pünktlichkeit. Die Jungs sollen lernen, das professionelle Umfeld, das ihnen geboten wird, auch wertzuschätzen. 

Gäbe es den FC United mit seinem Stadion und den vielen Angeboten für die Community nicht, würde es in Mosten viel düsterer aussehen. Davon ist Jacques Ainsworth überzeugt. Getragen wird das Ganze vom unermüdlichen Engagement der vielen Ehrenamtlichen. Das macht es aus. Das gibt Moston Hoffnung.

Im Broadhurst Park ist auch am späten Nachmittag noch viel Betrieb. Eltern, hauptsächlich Väter, warten auf ihre Söhne, die jetzt noch in der Umkleidekabine sind, um dort von Jacques und den anderen United-Trainern zu hören, was für einen Eindruck sie hinterlassen haben. Die Trials, das Vorspielen um einen der Akademieplätze, dauern zwei Tage. Doch nur wer am ersten Tag überzeugt, darf wiederkommen.

Der Aktivist der allerersten Stunde 

Marc sagt, der Verein habe einen sehr guten Ruf und sei nicht weit weg. Er wartet auf seinen Sohn Cameron. Der 16-Jährige bewirbt sich als Torwart an der Akademie. Von seiner Schule in Middleton, fünf Minuten mit dem Auto entfernt, hat Cameron für die beiden Vorspieltage frei bekommen. Der Wettbewerb zählt als eine Art Weiterbildung. Denn ein Abschluss an einer Fußballakademie wie beim FC United oder auch anderen Clubs, die so etwas anbieten, qualifiziert die Absolventen für ein anschließendes Hochschulstudium.

Marc weiß nicht viel über die Entstehungsgeschichte des Clubs, über seine basisdemokratischen Wurzeln, die One-Member-one-Vote-Regel. Der 47-Jährige möchte seinem Sohn ganz einfach zu einem optimalen Einstieg in die Fußballindustrie verhelfen. Und dafür scheint diese Akademie genau die richtige Adresse zu sein.

Vinny Thomson ist ein kleiner Mann voller Energie und 3000 Nummern in seinem Smartphone. Bei United ist er für Sonderaktionen und das Networking zuständig. An Heimspieltagen steht er schon zwei Stunden vor Anpfiff hinter der Zapfanlage und schenkt Bier aus. Früher reparierte Vinny gefährliche Lecks an defekten Gasleitungen. Doch dann hatte er einen Unfall und nun ist er Invalide. Offiziell hat er beim FC United eine 16-Stunden-Stelle und einen Schreibtisch. Aber da sitzt er selten.

Vinny Thomson posiert im Stadion des FCUM neben einem Banner. (Thomas Jaedicke)Vinny Thomson organisiert die Sonderaktionen des FC United. So etwa eine Fußballmannschaft traumatisierter Väter, die ihre Kinder verloren hatten. (Thomas Jaedicke)

Am wohlsten fühlt sich Vinny, auch ein FC-United-Aktivist der allerersten Stunde, wenn er vier oder fünf Projekte gleichzeitig am Laufen hat. Dann blüht er auf. Stillstand ist Gift. Immer freitags gibt es seit einiger Zeit einen Football Talk. Willkommen ist jeder, aber besonders beliebt sei der Termin bei den Bewohnern des Sydney Johns Court. Das ist das Altenheim, das direkt ans Stadiongelände angrenzt.

Viele Bewohner kämen rüber, und wenn sie dann gemeinsam über alte Sportereignisse sprechen, kommt so manche Erinnerung wieder zurück. Vinny, selbst in den 60ern, lächelt ein bisschen still in sich hinein. Vor dem Freitagstalk stellte der unermüdliche Netzwerker eine Mannschaft von traumatisierten Vätern, die ihre Kinder verloren hatten, auf die Beine. Die Männer mussten raus, wieder unter Leute, um das alles zu verarbeiten.

Für sein neuestes Projekt möchte er unbedingt den Performance Poeten Tony Sheppard gewinnen, den er gerade am Telefon bearbeitet. Alleinstehende Männer, die aus Kummer nicht mehr vor die Tür gehen, sollen ihre Gefühle aufschreiben. Und Sheppard wird daraus Gedichte machen, die zum Saisonende in einem Fanzine erscheinen.

Schwieriges Verhältnis zu Senioren nebenan

Selbst ein so umtriebiger Mann wie Vinny Thomson kann nur schwer sagen, ob der FC United in den vergangenen fünf Jahren, seit das Stadion nun steht, die Lebensqualität in Moston verbessert hat. Aber so viel ist sicher: Für die Arbeiterklasse seien die Zeiten insgesamt härter geworden. Und United kann auch nicht überall helfen. Man muss die Kräfte bündeln, wenn man wirklich etwas erreichen will.

Meinen Vorschlag, doch schnell noch auf einen Sprung im Seniorenstift vorbeizuschauen, nimmt Vinny überraschend reserviert auf. Das Verhältnis zu diesem Nachbarn sei nicht immer das Beste gewesen. Aber seit Weihnachten zieht man glücklicherweise wieder an einem Strang. United hat den Heimbewohnern ein Essen spendiert und diejenigen, die niemanden mehr haben, zur Weihnachtsfeier ins Stadion eingeladen. Die Bewohner des Altenheims revanchierten sich mit Kleidung für obdachlose Frauen, die ebenfalls zur Feier des Vereins kamen. So wäscht eine Hand die andere.

Im Gemeinschaftsraum des Sidney Johns Court läuft an diesem Nachmittag ein Computerkurs. Sandy ist eine der Bewohnerinnen. Zusammen mit Manager Festus koordiniert und organisiert sie fast alle Aktivitäten. Die Party zu Mollys 100. Geburtstag mussten sie kurzfristig absagen, weil die alte Dame leider ins Krankenhaus musste. 

Die Nachbarschaft zum Fußballklub hat sich stabilisiert. Seitdem das alte Management, das zwar viel geredet, aber wenig getan hat, weg ist. Früher sind auch oft Bälle in den Vorgarten geflogen. Seitdem auch das geregelt ist, ist man wieder regelmäßig in Kontakt. Allerdings gibt es immer noch Ärger mit Jugendlichen, die mit Steinen die Fensterscheiben im Seniorenstift kaputt schmeißen. Vielleicht werden sie ja von den neuen Überwachungskameras abgeschreckt.

Vinny Thomson sitzt in einem bequemen Sessel, hört aufmerksam zu, macht sich Notizen. Vielleicht kann er auch etwas für Sandys Mitbewohnerin Yvonne tun. Ihre Enkelin möchte so gerne mal beim Mädchentraining vorbeischauen. Und, ja, ein Ticket fürs nächste Heimspiel wird er ihr auch noch besorgen.

Werbung aus Leidenschaft 

Es ist spät geworden. Wir verabschieden uns von den Bewohnern des Sidney Johns Court. Vinny Thomson muss jetzt weiter. Der spontane Abstecher hat seinen ohnehin schon eng getakteten Terminplan noch mehr durcheinander gewirbelt. Andererseits aber war es auch wichtig, hier zu sein, präsent zu sein. Es war Werbung für den Klub. Denn trotz der vielen Sympathien, die der FC United of Manchester mittlerweile in Moston genießt, gibt es immer noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Immer noch gibt es Bewohner, die Vorbehalte haben. Auch Sandy war damals in der No-Campain gegen Uniteds Umzug nach Moston.

Diese Leute auf die andere Seite zu holen, dafür ist Vinny Thomsom genau der richtige Mann. Ein nimmermüder Kümmerer, der nicht nur kaputte Gasleitungen wieder hinkriegt. Der unverwüstliche Mr. Thomson macht das alles aus Leidenschaft und Überzeugung. Menschen, die füreinander da sind: Das ist sein Klub. Solange das so bleibt, ist es egal, in welcher Liga der FC United spielt.

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