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Thema / Archiv | Beitrag vom 17.09.2009

Der Dichter und der Diktator

Buch über das Wechselverhältnis von Ossip Mandelstam und Josef Stalin

Robert Littell im Gespräch mit Jürgen König

Josef Stalin (AP)
Josef Stalin (AP)

Der Dichter Ossip Mandelstam schrieb 1934 ein Gedicht über Josef Stalin, das den Diktator verunglimpft. Mandelstam wird verhaftet, gefoltert und verbannt. Der Thriller-Autor Robert Littell hat in seinem Roman "Das Stalin-Epigramm" nun die gegenseitige Faszination Stalins und Mandelstams untersucht.

Jürgen König: Robert Littell wurde 1935 in Brooklyn geboren. Er war Soldat, fuhr auf einem amerikanischen Zerstörer. Er war Journalist, unter anderem Osteuropa-Korrespondent der Zeitschrift "Newsweek" und Robert Littell wurde ein Meister des amerikanischen Spionageromans. 14 Bücher schrieb er bisher, ein Weltbestseller wurde sein Roman "Die Company", ein breites Panorama über das Innenleben der CIA. Jetzt ist von Robert Littell im Arche-Verlag erschienen "Das Stalin-Epigramm" - ein Buch über den russischen Dichter Ossip Mandelstam, der es 1934 wagte, mit einem Gedicht den Diktator Stalin herauszufordern. Wir haben gestern mit Robert Littell gesprochen, Johannes Hampel war unser Dolmetscher. An den Beginn des Gesprächs haben wir jenes Gedicht gestellt, eben das "Stalin-Epigramm":

Wir Lebenden spüren den Boden nicht mehr,
Wir reden, dass uns auf zehn Schritt keiner hört,

Doch wo wir noch Sprechen vernehmen, -
Betrifft's den Gebirgler im Kreml.

Seine Finger sind dick und, wie Würmer, so fett,
Und Zentnergewichte wiegt's Wort, das er fällt,

Sein Schnauzbart lacht Fühler von Schaben,
Der Stiefelschaft glänzt so erhaben.

Schmalnackige Führerbrut geht bei ihm um,
Mit dienstbaren Halbmenschen spielt er herum,

Die pfeifen, miaun oder jammern.
Er allein schlägt den Takt mit dem Hammer.

Befehle zertrampeln mit Hufeisenschlag:
In den Leib, in die Stirn, in die Augen, - ins Grab.

Wie Himbeeren schmeckt ihm das Töten -
Und breit schwillt die Brust des Osseten.



König: Mr. Littell, es ist 30 Jahre her, dass Sie bei einem Besuch in Moskau die Witwe des Ossip Mandelstam getroffen haben, Nadeschda Mandelstam, der es überhaupt zu verdanken ist, dass das Werk Mandelstams überliefert wurde, einfach weil sie all seine Gedichte auswendig gelernt hatte. Ihr Roman "Das Stalin-Epigramm" geht auf diese Begegnung zurück und erst jetzt, 30 Jahre später, haben Sie einen Roman über Ossip Mandelstam geschrieben. Warum erst jetzt? Diese Figur des Dichters muss doch während all der Jahre in Ihrem Kopf gewesen sein?

Robert Littell: Nun, es hat mich 30 Jahre gekostet, dieses Buch zu schreiben. Als ich Nadeschda Mandelstam 1979 traf, hatte ich gar nicht im Blick, irgendein Buch, irgendein Projekt darüber zu schreiben, es hat sich einfach so ergeben. Nadeschda Mandelstam, eine alte, verfallene, ich würde fast sagen, eine antike Frau - sie war damals noch nicht ganz 80, sie sah aber sehr viel älter aus. Das ganze Leiden über diese Zeit, die sie mit Ossip Mandelstam verbracht hatte, all die Jahre, wo man die Verhaftung befürchtete, dann die Verhaftung auch erlebte und schließlich seinen Tod waren eingegraben in ihren Gesichtszügen. Damals kümmerten sich die jungen Dichter Moskaus um sie und ich war recht angetan von dieser Fürsorge.

Wir sprachen dann anderthalb Stunden und wir waren schon am Aufbruch, da geschah etwas, was dann doch mein Leben veränderte. Sie brachte uns zur Tür und beim Verabschieden sagte Sie noch: Sprechen Sie kein Englisch im Korridor! Und dieser eine Satz hat sich mir eingegraben. Er hat mich verfolgt über 28 Jahre, ehe ich dann anfing, dieses Buch zu schreiben, denn - sprechen Sie kein Englisch! Damals war es bereits schon möglich, wieder Englisch zu sprechen, aber dieser Satz versetzte mich schlagartig zurück in jene 30er-, 40er-Jahre, als es sehr, sehr gefährlich war, irgendeinen Ausländer bei sich zu empfangen.

König: "Schmalnackige Führerbrut geht bei ihm um, mit dienstbaren Halbmenschen spielt er herum, wie Himbeeren schmeckt ihm das Töten", so etwas 1934 zu schreiben, Mr. Littell, das war doch eigentlich nicht mehr mutig, sondern selbstmörderisch. Mandelstam hat ja dieses Gedicht zunächst nur Freunden vorgetragen, aber dann bekam die Geheimpolizei natürlich Wind davon. Im Mai 1934 wurde er verhaftet, verhört, gefoltert, zu mehrjähriger Verbannung verurteilt, wieder freigelassen, noch mal verhaftet, zu fünf Jahren Zwangslanger verurteilt. Dann starb Mandelstam an Typhus. Seine Geschichte ist ja oft erzählt worden. Was genau war es an dieser Figur, an diesem Dichter Ossip Mandelstam, was Sie so fasziniert hat, dass es zu einer Art Lebensthema für Sie geworden ist?

Littell: Ich glaube nicht, dass er beabsichtigte, sich selbst umzubringen. Nein, er dachte an die Rolle des Dichters in der Gesellschaft. Für ihn war ihn das höchste Amt des Dichters, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen. Viele halten ihn ja auch deswegen für den großen, russischen Dichter des 20. Jahrhunderts. Wir müssen uns auch vor Augen führen, dass Stalin Ende der 20er Jahre wirklich so fest im Sattel saß, dass er alles von den Dichtern und Schriftstellern verlangen konnte. Alle haben sie ihm gehuldigt - mit Widmungen, mit irgendwelchen Lobgedichten. Schostakowitsch widmete ihm seine Symphonie, Achmatowa selbst hat in den frühen 50er Jahren ein Preisgedicht auf Stalin geschrieben, mit gutem Grund, denn ihr Sohn saß damals im Straflager, er war also sozusagen Geisel der Macht. Pasternak hat in den späten 20er Jahren ebenfalls ein Lobgedicht geschrieben. Das heißt also, die Dichter huldigten ihm, dieser weisen Führung durch den großen Führer Stalin, das war damals gang und gäbe.

Mandelstam dagegen hat im Jahre 1934 dieses Gedicht geschrieben, nachdem er gesehen hatte, wie es in Russland aussah. Nadeschda und er waren mit dem Zug durch Russland gereist, sie hatten im Jahre 1929 mitbekommen, wie die Zwangskollektivierung abgelaufen war, sie hatten in der Ukraine die künstlich herbeigeführte, schreckliche Hungersnot gesehen. Und all das hatte Mandelstam dazu geführt, dann dieses Gedicht zu schreiben.

All diese Erinnerungen hatten viele offene Stellen, viele unbeantwortete Fragen und das war die offene Tür für die Phantasie des Romanschriftstellers. Einige dieser Fragen möchte ich nennen, zum Beispiel: Warum war Mandelstam so fasziniert, so besessen geradezu von Stalin? Warum überhaupt hingen die Intellektuellen Stalin so an? Was faszinierte, was fesselte sie so sehr? Und umgekehrt: Warum hat Stalin sich so ausgiebig und so leidenschaftlich mit Mandelstam befasst, Stalin, der letztlich doch ein georgischer Gangster war, der aber dann, wie Mandelstam das sagte, der große [unverständlich] des Kremlin wurde? Also, dieses Wechselverhältnis hat mich sehr interessiert.

Schließlich muss man fragen: Warum hat Stalin Mandelstam nach seiner Verhaftung nicht umbringen lassen? Jeder andere, der auch nur ein Hundertstel dessen geschrieben hätte, was Mandelstam geschrieben hat, wäre im Ljublanka-Keller umgebracht worden. Warum verschont Stalin Mandelstam? Warum schickte er ihn in die Verbannung? Was geschah mit Mandelstam im Gefängnis? Ja, und in diesen elf Tagen muss vieles mit Mandelstam geschehen sein. Er war ein gebrochener, ein zutiefst eingeschüchterter, ein zitternder, ein phantasierender Mensch, als er dann nach drei Jahren zurückkehrte. Warum kehrte er dann nach Moskau zurück, obwohl er dort keine Aufenthaltserlaubnis hatte? Das war doch geradezu die Herausforderung für ein neues Unglück, ein neues Unglück, das ja dann auch gekommen ist.

König: Nun gibt es ja auch aus Mandelstams Feder eine Ode an Stalin, geschrieben in den späten Jahren. In Ihrem Roman trägt sie entscheidend zu seinem Untergang bei. Sie schildern sie als so schlecht, als so falsch im Ton, dass sie aber niemanden täuschen konnte. Es hat russische Interpreten gegeben, die gesagt haben, Mandelstam wollte kein Außenseiter mehr sein am Ende seines Lebens - von dem er ja nicht wusste, dass es bald zu Ende gehen würde. Er wollte ein angenehmes Leben führen, er wollte in gewisser Weise seinen Frieden mit Stalin machen. Wie sehen Sie diesen späten Mandelstam in seiner ganzen Komplexität, verwoben in die Verhältnisse, in denen er lebte?

Littell: Wir müssen schon überlegen, in welchem Zusammenhang diese Ode entstanden ist. Mandelstam war doch zutiefst eingeschüchtert. Er war in den Klauen der Angst und in dieser Stimmung schrieb er in Woronesch die Ode an Stalin. Er kehrte aus Woronesch nach diesen drei Jahren zurück nach Moskau und las oder rezitierte dieses Gedicht dann jedem, der ihm zufällig begegnete, in der Hoffnung, dass sich die Kunde von diesem Gedicht verbreiten möge, dass Stalin selbst hören sollte, wie sehr Mandelstam ihm jetzt ergeben sei. Wir wissen nicht, ob und wie Stalin das aufgenommen hat, ich nehme an, dass Stalin auch hinter der zweiten Verhaftung steht. Die Absicht dieses Gedichtes war jedenfalls, das eigene Leben und das Leben Nadeschdas zu retten. In dieser Perspektive muss man das Gedicht sehen.

König: Es kommt in Ihrem Buch zu zwei fiktiven Begegnungen zwischen Mandelstam und Stalin. Sie beschreiben das als mögliche Träume Mandelstams. Bei diesen Begegnungen redet Stalin dann auch selber, und ich habe mir überlegt, wie es ist, einem Josef Stalin als Schriftsteller Worte in den Mund zu legen. Ich stelle mir das sehr schwer vor. Haben Sie deswegen diesen Trick gewählt, das als Traum Mandelstams zu inszenieren?

Littell: Das ist ja auch die Aufgabe des Romanschriftstellers, sich hineinzuversetzen. Im Gegenteil ist es so, Thomas Mann hat ja gesagt: Schriftsteller sind Menschen, denen es schwerer als anderen fällt, zu schreiben. Ich wollte mich eben so aus der Affäre ziehen, dass ich diese beiden eingebildeten Begegnungen schuf, um auch zu erklären, weshalb diese beiden Männer so voneinander fasziniert waren und einander doch, damals in den 30er Jahren, nie begegneten. Ich wollte aber keine Geschichtsfälschung betreiben, deswegen habe ich also diese doppelte Einbildung geschaffen: Ich - als Schriftsteller - bilde mir ein, dass Mandelstam sich das einbildet.

Und im Übrigen gilt es ja zu erkennen, dass Stalin, wie viele andere Menschen auch, höchst schillernd war, wie Mandelstam selbst auch höchst schillernd und teilweise sogar brutal aufgetreten ist, wir haben sehr viele Belege dafür.

Und was Stalin angeht: Er war natürlich von Verfolgungswahn besessen, er hatte aber auch echte Feinde, die er in den 20er Jahren gegeneinander ausspielte und in den 30er Jahren tötete. In seiner Zeit als Bankräuber in Gori hat er nicht nur Banken überfallen, sondern auch Gedichte geschrieben. Was bedeutet das, dass er Gedichte schreibt? Warum mag er Mandelstam so sehr? Ganz offensichtlich hat er doch einen Sinn für Dichtkunst. Und das zeigt eben, wie unglaublich komplex eine solche Persönlichkeit ist.

König: Ihr Buch erscheint auf Deutsch in einer Zeit, in der sich der Hitler-Stalin-Pakt zum 70. Mal jährt. es gibt ja im Moment eine Tendenz in Russland, den Schrecken der Stalinherrschaft zu verdrängen, ihn lieber zumindest auch darzustellen als großen Strategen, als Revolutionär. Wie sehen Sie diese russische, sagen wir ruhig, Renaissance einer Stalinverehrung?

Littell: Ich glaube, das ist etwas übertrieben. Die Gründe, weshalb die jetzige, russische Führung jetzt auch die positiven Seiten Stalins herausstreicht, die mögen damit zu tun haben, dass man die nationalistische Karte ausspielt, dass man den Stolz auf das eigene Volk hervorhebt und deswegen auch die guten Seiten Stalins herausstreicht.

Wir dürfen ja nicht vergessen: Stalin war derjenige, der die Sowjetunion im Weltkrieg geführt hat. Und auch, wenn ganz offen dargelegt wird, dass die Sowjetunion verheerende Fehlentscheidungen traf, so gilt eben doch auch, dass letztlich die Sowjetunion unter der Führung Stalins diesen Krieg gewonnen hat, dass sie unter Führung Stalins eine brutale, heftige, aber eben doch erfolgreiche Industrialisierung durchlaufen hat. Das heißt, die Russen unterstreichen jetzt auch mit gutem Grund diese Erfolgsgeschichte.

Ich glaube aber nicht, dass es möglich ist, all diese unermesslichen Schrecken der Stalinzeit unter den Teppich zu kehren. Ich glaube, dass in dem Maße, wie die ältere Generation, die noch echte Kriegserinnerungen hat, abtritt, die jüngeren Menschen sich wieder mit diesen Schrecknissen der Stalinzeit auseinandersetzen werden. Ich mache mir darüber persönlich keine Sorgen, dass hier irgendetwas dauerhaft beschönigt werden könnte.

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