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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.06.2010

Der Dichter und der Detektiv

Roberto Ampuero: "Der Fall Neruda", Bloomsbury, Berlin 2010, 380 Seiten

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Der chilenische Dichter und Nobelpreisträger Pablo Neruda (AP Archiv)
Der chilenische Dichter und Nobelpreisträger Pablo Neruda (AP Archiv)

Chile im Jahr 1973: Kurz vor dem Militärputsch begegnet der Exilkubaner und Privatdetektiv Cayetano Brulé dem Nationaldichter Pablo Neruda. Der schickt ihn mit einem seltsamen Auftrag um die halbe Welt. Anschaulich erzählt Roberto Ampuero von den letzten Monaten des chilenischen Experiments.

Ein Detektivgeschichte um einen kubanischen Privatdetektiv und einen chilenischen Nobelpreisträger, der - unter anderem - in Bernau bei Berlin spielt: Ein genretypischer Kriminalroman ist dieses Buch gewiss nicht. Es besitzt Komponenten eines historischen Romans und einer Biografie; und es entwirft das Bild einer lateinamerikanischen Generation, die in den 1970er-Jahren gegen Militärdiktaturen kämpfte und, auch von den Ansprüchen ihrer eigenen Radikalität, aufgerieben wurde. Der Exil-Chilene Roberto Bolano hat einmal über sie gesagt, ihre Knochen lägen über den ganzen Südkontinent verstreut.

Fluchtpunkt von Ampueros Roman ist das historische Datum des 11. September 1973, als General Pinochet in Chile gegen die sozialistische Regierung Allende putschte. Zwei Wochen später starb Chiles Nationaldichter Pablo Neruda, und mit dessen Beerdigung, die zu einer letzten leidenschaftlichen Demonstration gegen die Diktatur wurde, lässt Ampuero seine Ermittlungen enden.

Der in Valparaíso gestrandete Exilkubaner Cayetano Brulé hatte den Auftrag herauszufinden, ob der Dichter noch irgendwo auf der Welt eine Tochter hat. Die Nachforschungen führen ihn nach Mexiko und Kuba, nach Ostberlin und Bernau, nach Bolivien und schließlich zurück nach Santiago de Chile, immer auf den Spuren einer geheimnisvollen Frau mit vielen verschiedenen Namen, die einmal Nerudas Geliebte war.

Roberto Ampuero erzählt anschaulich und überzeugend von den letzten Monaten des chilenischen Experiments, von der Situation in Kuba, wo er unter anderen den verfemten Dichter Heberto Padilla auftreten lässt, und von der seltsamen Atmosphäre paranoider Gastfreundlichkeit, die die Chilenen in der DDR umgab.

Die Schauplätze seines Romans – und die Bedingungen dort während der 1970er-Jahre – kennt Ampuero aus seiner eigenen Biografie, die ihn ins Exil nach Kuba, in die DDR und die Bundesrepublik führte. Interessant und überraschend ist vor allem sein emotionaler und doch distanzierter, dabei keineswegs unkritischer Blick auf linke Mythen und die Lichtgestalten Neruda, Allende und Che Guevara. Und bei aller Ernsthaftigkeit, mit der sich dieses Buch der jüngsten Geschichte widmet: Äußerst unterhaltsam ist es auch.

Besprochen von Katharina Döbler

Roberto Ampuero: Der Fall Neruda. Cayetano Brulé ermittelt
Aus dem Spanischen von Carsten Regling
Bloomsbury Verlag, Berlin 2010
380 Seiten. 22,00 EUR

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