Der Dichter am Wok
Der Chinese Nan Wu bricht sein Studium in den USA ab. Er rackert sich ab und steigt zum Restaurant- und Hausbesitzerbesitzer auf. Doch eigentlich will der Protagonist in Ha Jins Roman "Ein freies Leben" nicht Koch, sondern Dichter sein.
Der sino-amerikanische Schriftsteller Ha Jin war 21 Jahre alt, als er anfing, Englisch zu lernen. Geboren 1956 in Nordchina, kam er als Kind der Kulturrevolution erst spät zu Bildung und Studium. Doch sein gesamtes literarisches Werk ist auf Englisch geschrieben und sein letzter Roman, "Ein freies Leben", spielt, anders als die vier früheren Romane, in den USA. Dort lebt Ha Jin seit 1985 – ebenso wie seine Romanfigur Nan Wu, der zum Graduiertenstudium nach Amerika kommt, und durch die Ereignisse auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 an der Rückkehr nach China gehindert wird.
Vieles haben der Autor und sein Held gemeinsam: Die Erinnerungen an die nordchinesische Stadt Harbin, eine Ehefrau und einen Sohn, die dem Emigranten schließlich ins Exil folgen, die Liebe zur Literatur und die Entscheidung, China und die chinesische Sprache hinter sich zu lassen um eine neue, eine amerikanische Existenz aufzubauen.
Für Nan Wu, der sein Studium abbricht, sich als Küchenhelfer verdingt und schließlich unter Verzicht auf so ziemlich alle eigenen Bedürfnisse zum Restaurant- und Hausbesitzer aufsteigt, bedeutet das "freie Leben" in Amerika vor allem viel Arbeit und Verzicht, innere Kämpfe und eiserne Disziplin: Von früh bis spät steht er in seinem Restaurant in einer Kleinstadt in Georgia am Herd, um seiner Familie die Existenz zu sichern.
Das Innenleben eines China-Restaurants, wie es so viele überall auf der Welt in erstaunlicher Ähnlichkeit gibt - hier wird es in kühlem Detailreichtum vor den Lesern ausgebreitet: das Prestige des Essens und die exakte Kalkulation um jeden Cent, die Gedanken und Gefühle des Kochs und Eigentümers, der Dichter sein will, einer großen Liebe nachträumt und seine selbstgewählte Pflicht über alles stellt und der – mit sich selbst wie mit seinen Landsleuten - um das Verhältnis zur alten Heimat streitet.
Nan Wus Geschichte ist in gewisser Weise eine success story: Er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, er verwirklicht den amerikanischen Traum. Doch sein eigener, individueller Traum ist ein ganz anderer. Darin geht es nicht um materiellen Erfolg und existenzielle Sicherheit, sondern um - auch wenn dieser Mann das niemals so formulieren würde - die Freiheit, er selbst zu sein.
Die Gedankengänge des Nan Wu mögen uns europäischen Leser manchmal sehr konfuzianisch anmuten; doch dieser Dichter am Wok stellt mit seinen klaren, manchmal quälenden Selbstbeschreibungen die universelle Frage nach den Möglichkeiten individueller Freiheit – und es ist sehr aufschlussreich, dass er dies für zwei sehr unterschiedliche Gesellschaften tut.
Rezensiert von Katharina Döbler
Ha Jin: Ein freies Leben
Roman
Aus dem Amerikanischen von Sonja Hauser und Susanne Hornfeck
Ullstein Verlag, Berlin 2009
639 Seiten, 24,90 Euro
Vieles haben der Autor und sein Held gemeinsam: Die Erinnerungen an die nordchinesische Stadt Harbin, eine Ehefrau und einen Sohn, die dem Emigranten schließlich ins Exil folgen, die Liebe zur Literatur und die Entscheidung, China und die chinesische Sprache hinter sich zu lassen um eine neue, eine amerikanische Existenz aufzubauen.
Für Nan Wu, der sein Studium abbricht, sich als Küchenhelfer verdingt und schließlich unter Verzicht auf so ziemlich alle eigenen Bedürfnisse zum Restaurant- und Hausbesitzer aufsteigt, bedeutet das "freie Leben" in Amerika vor allem viel Arbeit und Verzicht, innere Kämpfe und eiserne Disziplin: Von früh bis spät steht er in seinem Restaurant in einer Kleinstadt in Georgia am Herd, um seiner Familie die Existenz zu sichern.
Das Innenleben eines China-Restaurants, wie es so viele überall auf der Welt in erstaunlicher Ähnlichkeit gibt - hier wird es in kühlem Detailreichtum vor den Lesern ausgebreitet: das Prestige des Essens und die exakte Kalkulation um jeden Cent, die Gedanken und Gefühle des Kochs und Eigentümers, der Dichter sein will, einer großen Liebe nachträumt und seine selbstgewählte Pflicht über alles stellt und der – mit sich selbst wie mit seinen Landsleuten - um das Verhältnis zur alten Heimat streitet.
Nan Wus Geschichte ist in gewisser Weise eine success story: Er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, er verwirklicht den amerikanischen Traum. Doch sein eigener, individueller Traum ist ein ganz anderer. Darin geht es nicht um materiellen Erfolg und existenzielle Sicherheit, sondern um - auch wenn dieser Mann das niemals so formulieren würde - die Freiheit, er selbst zu sein.
Die Gedankengänge des Nan Wu mögen uns europäischen Leser manchmal sehr konfuzianisch anmuten; doch dieser Dichter am Wok stellt mit seinen klaren, manchmal quälenden Selbstbeschreibungen die universelle Frage nach den Möglichkeiten individueller Freiheit – und es ist sehr aufschlussreich, dass er dies für zwei sehr unterschiedliche Gesellschaften tut.
Rezensiert von Katharina Döbler
Ha Jin: Ein freies Leben
Roman
Aus dem Amerikanischen von Sonja Hauser und Susanne Hornfeck
Ullstein Verlag, Berlin 2009
639 Seiten, 24,90 Euro
