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Interpretationen | Beitrag vom 10.11.2019

Der deutsch-deutsche BachHerkules auf dem Scheidewege

Gast: Martin Elste, Musikwissenschaftler; Moderation: Bettina Schmidt

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Das Denkmal des Komponisten Johann Sebastian Bach vor der Thomaskirche in Leipzig (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)
Standesgemäßer Standort: Bach-Denkmal vor der Leipziger Thomaskirche (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)

Kein Komponist ist mit dem mitteldeutschen Kulturraum so verbunden wie Johann Sebastian Bach. 30 Jahre nach dem Fall der Mauer stellt sich die Frage, wie Bachs Musik im geteilten Deutschland interpretiert wurde.

Eine der größten Persönlichkeiten der deutschen Geschichte kannte von Deutschland nicht allzu viel: Johann Sebastian Bach wurde 1685 in Eisenach geboren und starb 1750 in Leipzig, rund 170 Kilometer weiter nordöstlich. Ungefähr die gleiche Distanz liegt zwischen Köthen im Norden und Arnstadt im Südwesten. Das Leben des überragenden Komponisten ereignete sich hauptsächlich in diesem Karree, sieht man von zwei Schuljahren in Lüneburg nebst Abstechern nach Hamburg und Lübeck, später Berlin und Potsdam ab. Westlicher als bis nach Kassel, wo er 1732 eine Orgel begutachtete, kam er nie. Kurz: Bach war ein Ossi.

Hier geht es zur Playlist der Sendung.

Spätestens mit seiner Wiederentdeckung im 19. Jahrhundert wurde Bach zu einer monumentalen gesamtdeutschen Figur, identifikationsstiftend für ein Land, das sich aus seiner – für die musikalische Entwicklung segensreichen – Kleinstaaterei heraus anschickte, ein Kaiserreich zu werden. Schon 1850 hatte sich unter Mitwirkung von Robert Schumann die Bach-Gesellschaft gegründet, deren Ziel, die Edition einer Bach-Gesamtausgabe, exakt ein halbes Jahrhundert später erreicht war.

Ungeteilte Liebe

Die daraufhin gegründete Neue Bachgesellschaft widerstand verschiedensten politischen Anfechtungen und blieb auch im geteilten Deutschland ein Hort der ungeteilten Liebe zum großen Thomaskantor. Unterdessen nahm die Bach-Pflege in der musikalischen Praxis unterschiedliche Wege: Mit dem Thomanerchor war das einst von Bach selbst geformte Ensemble in der DDR verblieben, wo sich eine ganz der Kantoren-Tradition verpflichtete Schule der Bach-Interpretation herausbildete. In der alten Bundesrepublik fand diese ihre Pendants in München bei Karl Richter und später in Stuttgart bei Helmuth Rilling.

Mit kräftigen Akzenten aus Österreich (Nikolaus Harnoncourt) und den Niederlanden (Gustav Leonhardt) begann sich dann die Historische Aufführungspraxis in West- und Ostdeutschland zu etablieren; eine Interpretationshaltung, die – je nach Umfeld – mal mit musikalischen, mal mit gesellschaftlichen Widerhaken versehen war.

Himmelsrichtungen hören

Drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall, in einer Ära der eklektizistischen Bach-Interpretation, bleibt die Frage, ob sich "Ost" und "West" in der Bach-Pflege hören lassen, und welche Erkenntnisse daraus für unser heutiges Verständnis dieser Musik gewonnen werden können. Im Gespräch: Führende Bach-Interpreten sowie der Musikwissenschaftler Martin Elste, der ein umfangreiches Kompendium über die "Meilensteine der Bach-Interpretation 1750-2000" vorgelegt hat.

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