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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.02.2010

Der den Esel liebte

Caravaggio-Ausstellung in Rom zum 400. Todestag

Von Thomas Migge

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Caravaggio, "Judith köpft Holofernes", 1598 (Archiv)
Caravaggio, "Judith köpft Holofernes", 1598 (Archiv)

Da Caravaggio nur ein Bild namentlich kennzeichnete, ist oft strittig, welches der ihm zugeschriebenen Werke tatsächlich von ihm stammt. Man könne es daran erkennen, mit welcher Liebe er Tiere und Landschaften im Bild gemalt habe, behauptet jetzt ein italienischer Wissenschaftler.

Michelangelo Merisio malte das Bild zwischen 1597 und 1599. Es ist 112 mal 92 Zentimeter groß und ein Meisterwerk des Malers, der als Caravaggio in die Kunstgeschichte einging. Das Gemälde zeigt Narziss, der im Spiegel einer Wasserfläche seine Schönheit bewundert.

Die römische Kunsthistorikerin und neue Superintendentin historischer Monumente, Rossella Vodret, glaubt herausgefunden zu haben, dass sich der Maler auf dem Bild selbst dargestellt hat. Die Kunstexpertin entdeckte, im Selbstversuch - sie in der Rolle des Künstlers und ihr Mann als Modell -, dass Caravaggio mit Hilfe zweier Spiegel sein Gesicht von der Seite aus sehen und auf diese Weise malen konnte. Narziss ist Caravaggio, davon ist die Ausstellungskuratorin überzeugt und verweist auf bekannte Selbstbildnisse des Malers.

Das Bild gehört zu jenen 24 Gemälden des Künstlers der neuen Caravaggio-Ausstellung, mit der an den 400. Todestag erinnert werden soll. Nur 24 Bilder, und das, obwohl ihm rund 70 Gemälde zugeschrieben werden. Eine genaue Zahl sei schwierig festzulegen, meint Claudio Strinati, römischer Kunsthistoriker und einer der international angesehensten Kenner Caravaggios. Strinati hatte die Idee zu der Ausstellung mit nur wenigen ausgewählten Werken:

"Bei einigen seiner Bilder sind wir Kunsthistoriker uns felsenfest sicher, dass sie auch wirklich von ihm stammen. Bei vielen anderen nicht. Bei einer Vielzahl von Gemälden, die ihm in den letzten 100 Jahren zugeschrieben wurden, ist man sich heute nicht mehr sicher, ob sie auch tatsächlich von ihm stammen. Da wird viel diskutiert, ob er dieses oder jenes Bild malte."

Bei den jetzt in Rom ausgestellten Gemälden ist sich die Fachwelt einig: Sie stammen eindeutig von dem Künstler, dessen abenteuerliches Leben als Freund von Kardinälen und Mitglied des Malteserordens und sogar als Mörder immer wieder die Menschen fasziniert. Nur ein einziges seiner Werke zeigt ein Autograph: die "Enthauptung des Heiligen Johannes" in La Valletta auf Malta. Alle anderen Gemälde können nur in Sujet, Bildanordnung und Pinselstrich dem genialen Meister zugeordnet werden.

Claudio Strinati erforscht das Schaffen Caravaggios seit vielen Jahren. Mit der neuen Ausstellung will er das Augenmerk der Besucher auf das lenken, was seiner Meinung nach typisch für diesen Maler ist, was ihn von jenen unterscheidet, die ihn vielfach, schon zu Lebzeiten, kopiert haben, was ihn einzigartig macht und beweist, so Strinati, das bestimmte Werke nur von ihm stammen können:

"Wie er Pflanzen, Gegenstände, einen Tisch, Stühle, und Tiere malt, das ist wirklich faszinierend. Er stellt sie mit einer immens großen Liebe dar. Man sieht, dass er die Tiere mit jener Güte ausstattet, die er im Menschen anscheinend nicht erkannte. Nehmen Sie das Bild 'Auf der Flucht nach Ägypten', da sind die Madonna, Josef und ein Engel, ein Esel und der Boden, belegt mit kleinen Steinen; ein sublimes Bild, doch in der Darstellung der Steine, einer Flasche, des Esels: Da erkennt man die Schönheit, die er zeigen wollte."

Kunsthistoriker Strinati zufolge intensivierte sich diese malerische Dichotomie zwischen der Darstellung von Menschen einerseits und Tieren, der Natur und Gegenständen andererseits, je älter und reifer der Künstler wurde. Besonders deutlich wird Strinatis Interpretationsansatz, wenn man sich die "Anbetung der Hirten" von 1609 anschaut.

Das Werk kommt aus dem Regionalmuseum im sizilianischen Messina: Eine Madonna, das Christuskind, die Hirten, der Stall und die Tiere. Was gleich auffällt: Die Hirten sind alles andere als schöne Menschen. Auch die Madonnendarstellung besticht nicht durch besondere Schönheit, wie sie für ein Sujet dieser Art und die Zeit typisch ist. Caravaggio zeigt eine x-beliebige Frau, keine Gottesmutter, die in ästhetischer Übernatürlichkeit zur zentralen Figur des Bildes wird. Die zentrale Figur ist hingegen der Esel, der den Bildbetrachter weitaus intensiver als die dargestellten Menschen und mit einer ergreifenden Direktheit anschaut.

Claudio Strinati zufolge müsse man Caravaggios Werk neu betrachten – und die Ausstellung mit den 24 ihm sicher zugeschriebenen Gemälden ermögliche das –, um zu erkennen, welche Bildprotagonisten er mit Liebe und Hingabe malte und welche er nur wenig zu beachten schien. Diese Sichtweise gestatte es auch, davon ist der Caravaggio-Experte überzeugt, das Besondere, das Außergewöhnliche dieses Künstlers zu erfassen, der in seinem Schaffen das auf den ersten Blick Nebensächliche, Unwichtige in einer bis dato nie erreichten Vollkommenheit darstellte.

Service:
Die Ausstellung mit 24 Gemälden Caravaggios ist vom 13. Februar bis zum 20. Juni 2010 im Scuderie del Quirinale in Rom zu sehen.

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