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Fazit / Archiv | Beitrag vom 14.02.2008

Der Berlinale-Nachwuchs wird flügge

Ehemalige Talent-Campus-Teilnehmer mit zwei Filmen im Wettbewerb vertreten

Von Bernd Sobolla

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Workshops, Netzwerkaufbau und Finanzierung - dafür steht der sogenannte Talent Campus auf der Berlinale. Dort wird diesmal sogar Bollywood-Superstar Shah Rukh aus dem Nähkästchen plaudern. In diesem Jahr sind erstmalig zwei Regisseure mit ihren Filmen im Wettbewerb vertreten, die einst Teilnehmer beim Talent Campus waren.

In dem Film "Lake Tahoe" ist ein Familienvater gestorben. Während sich die Mutter trauernd im Badezimmer einsperrt, versucht der 16-jährige Sohn Juan das Auto zu reparieren. Ein quälend langer Prozess, fast so quälend wie die Trauerarbeit der Familie. Neben dem Amerikaner Lance Hammer ist der mexikanische Autor und Regisseur Fernando Eimbcke der erste Filmemacher, der einst Talent-Campus-Teilnehmer war, und nun, sechs Jahre später, den Sprung in den Wettbewerb der Berlinale schafft. Neben den filmpraktischen Übungen halfen ihm damals auch die Begegnung mit Hollywoodstar Dennis Hopper und die Analyse außergewöhnlicher Filme.

Fernando Eimbcke: " Das hat mir sehr geholfen. Es hat mir gezeigt, wie man arbeiten muss und welchen Mut man aufbringen muss, um einen Film zu machen. Und ich schaute auf dem Talent Campus auch "Tokyo Story" von Yasujiro Ozu. Der hat mich sehr inspiriert, meinen ersten Film zu drehen."

Aber allein mit den Werken ehemaliger Talent-Campus-Teilnehmer ließe sich ein kleines Filmfestival machen: Rund 20 Ex-Talente sind als Regisseure mit ihren Werken in allen Sektionen vertreten. Zählt man die Autoren, Cutter, Szenenbildern und Kameraleute hinzu, sind es noch wesentlich mehr. Wobei Dorothee Wenner, die Leiterin vom Talent Campus, betont, dass es bei der Auswahl keinen Bonus für Ehemalige gebe:

" Für uns als Berlinale-Talent-Campus ist es extrem wichtig zu betonen, dass wir hier nicht die Filme produzieren, die auf der nächsten Berlinale laufen. Es war aber tatsächlich von Anfang an natürlich unsere Absicht und Ambition, dass der filmische Nachwuchs von morgen uns seine Filme schickt. Damit die hier aber von unabhängigen Auswahlkomitees ausgesucht werden. Wir freuen uns da sehr drüber. "

Startete der Talent Campus 2003 in der großen Kongresshalle mit rund 500 Teilnehmern, ist man inzwischen in die kleineren Gebäude des Hebbeltheaters gezogen und hat die Teilnehmer reduziert.

Dorothee Wenner: " Das waren zu viele. Und wir möchten natürlich, dass die Leute, die zu uns kommen, auch nicht das Gefühl haben, sie sind Teil einer großen Masse. Sondern dass wir wirklich jeden Einzelnen und jede Einzelne irgendwie zumindest persönlich begrüßen können und ihm auch was Persönliches anbieten können. "

Das Grundkonzept hat sich absolut bewährt: Einerseits filmpraktische Übungen in den Workshops mit nur etwa zehn Teilnehmern. Vom Drehbuch, über Schauspielführung, Set-Design bis hin zum Schnitt wird an allem gearbeitet. Diese Gruppen werden ebenso von den Stars der Filmbranche geleitet wie die Diskussionen.

In diesem Jahr erläutert z.B. der englische Regisseur Stephen Daldry seine Dreharbeiten zu "Billy Elliot", Bernd Eichinger, der Produzent von "Der Untergang", und Stephen Frears, der Regisseur von "The Queen", erklären das stetig steigende Interesse an Filmbiografien, den so genannten Bio-Pics, und die Probleme, die bei der Umsetzung entstehen. Und Bollywood-Superstar Shah Rukh Khan spricht über Liebe und Musik im indischen Film.

Shahrukh Khan: " Unsere Filme sind ein bisschen wie Träume. Sie bieten eine Fluchtmöglichkeit vor den Zuständen in unserem Land. Und viele Leute kritisieren uns dafür. Sogar die Kritiker in Indien sagen: Warum machst du eskapistische Filme? Und ich frage dann immer: Warum nicht? Manchmal ist es schön, für eine Weile zu fliehen. Du kommst in ein Zimmer, verliebst dich in ein Mädchen, und es gibt Schwierigkeiten. Und eine Form des Ausdrucks dafür ist, darüber zu singen. Fühl einfach das Lied! Man sollte nicht versuchen, indische Filme zu verstehen, sondern sie einfach fühlen. "

Dass die Berlinale den Ruf eines Arbeitsfestivals hat, liegt sicher auch am Talent Campus. Wichtig sind sicher auch die Tipps zur Finanzierung von Filmen. Und so haben zehn Talente die Möglichkeit, auf dem Berlinale-Koproduktionsmarkt ihre Projekte vorzustellen, um Finanziers zu finden. Aber für Campus-Teilnehmer Belezs Lobacz aus Ungarn geht es darüber hinaus noch um etwas anderes:

" Ich glaube, in unserem Beruf ist es sehr wichtig, professionelle und persönliche Kontakte mit anderen Talenten in unserem Alter aufzubauen.
Leute, die eine Zukunft in der Branche haben. Denn das könnte in den nächsten Jahren wirklich hilfreich sein. "

Erfahrungsaustausch und Inspiration, Ausbildung und Netzwerkaufbau, Finanzierung und Projektentwicklung, für alle diese Dinge steht der Talent Campus. Eine Begegnungsstätte, in der die Teilnehmer gebannt, aber ohne falsche Ehrfurcht, ihren Vorbildern gegenübersitzen. Und ein stückweit ist der Talent Campus auch eine Traumfabrik. Denn natürlich gibt es viele Talente, wie Matal aus Israel, die auf den ganz großen Sprung hoffen:

" Ich denke, das Berliner Filmfestival ist ein unglaublich wichtiges unter den Filmfestivals der Welt. Natürlich wäre es eine Ehre, hier einen Film zu haben. Ich glaube, die Teilnahme am Talent Campus ist da ein erster Schritt in die richtige Richtung. Hoffentlich bin ich nächstes Jahr im Wettbewerb. Aber wer weiß das schon. Lacht. "

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