Der Atom-Kompromiss - Revolution oder Rückschritt?

Ein Stoppschild vor dem Kernkraftwerk in Biblis, Hessen © AP
18.09.2010
Sie wollen die Berliner Innenstadt lahmlegen und rufen zu einer "Umzingelung des Regierungsviertels" auf: Am heutigen Samstag wird eine der größten Anti-Atom-Demonstrationen des Jahres erwartetet, mit bis zu 50.000 Teilnehmern.
Sie soll der Auftakt für einen "heißen Herbst" der Kernkraftgegner sein. Der Grund: Der umstrittene Atom-Kompromiss und die geplanten Laufzeitverlängerungen der deutschen Kernkraftwerke.

Die Regierung feiert ihre Pläne als Energie-Revolution, Kritiker werfen der Koalition Lobby-Politik zugunsten der Atomindustrie vor.

Revolution oder Rückschritt?

"Ganz klar ein Rückschritt", sagt der Energie- und Klima-Experte Felix Christian Matthes. Für den Leiter der Berliner Dependance des Öko-Instituts Freiburg ist der Kompromiss ein milliardenschweres Geschenk an die Atomindustrie. In einer aktuellen Studie, die der Politikberater als Antwort auf den Kompromiss veröffentlicht hat, spricht er von einem Gesamtgewinn von etwa 94 Milliarden Euro. Davon schöpfe zwar der Staat rund 25 bis 30 Prozent ab – der Großteil verbleibe jedoch als Gewinn bei den Konzernen. Der Vertrag sei zudem eine folgenschwere Bremse für ein zukunftsweisendes Energiekonzept. "Es wird Druck aus dem Kessel für die erneuerbaren Energien genommen." Er habe zudem keine positiven Folgen für den Strompreis oder das Klima, auch, wenn dies immer von den Verfechtern vorgebracht werde. Die Kernenergie bleibe ein nicht zu kalkulierendes Risiko. "Stellen wir uns nur vor, gestern wäre ein Unfall passiert, dann würden wir die Diskussion jetzt ganz anders führen."

Prof. Dr. Antonio Hurtado sieht in der Kernenergie dagegen eine "Energie der Zukunft". Der Direktor des Instituts für Energietechnik an der Technischen Universität Dresden befürwortet die Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke. Den noch gesetzlich verankerten Ausstiegsbeschluss aus der Kernenergie sieht er kritisch:

"Ausgehend von der Expertise, die wir in Deutschland haben, von den Sicherheitsstandards der Reaktoren und den Klimaschutzzielen, halte ich es für volkswirtschaftlich nahezu für nicht verantwortbar, diesen Schritt zu tun. Die Menschen, die bis 2030 oder 2050 von einer 100-prozentigen Versorgung durch Erneuerbare ausgehen, bitte ich, zu bedenken, was dies für die Energie- und die Volkswirtschaft bedeuten würde. Und sie sollten sagen, zu welchen Konditionen die Energie zur Verfügung gestellt wird."

Hurtado ist Professor für Wasserstoff- und Kernenergietechnik und Experte für die neue Generation der Kernkraftwerke, den Hochtemperaturreaktoren der sogenannten Generation IV, "die sicherer und wirtschaftlicher sein sollen, als die heutigen." Auch er befürwortet den Ausbau der erneuerbaren Energien, warnt aber davor, ganz auf Kernenergie zu verzichten. Zumal andere Länder weiterhin auf Atomkraft setzten, und Deutschland über die besten Forscher und die sicherste Technik auf diesem Gebiet verfüge.

"Wir haben die Quadratur des Kreises: Wir wollen Energieträger, die sauber sind, die keine Risiken in der Umwandlung mit sich bringen und das zu bezahlbaren Preise. Und dabei wollen wir den Umfang beibehalten - das geht nicht auf."


Der Atomkompromiss - Revolution oder Rückschritt? - Darüber diskutiert Dieter Kassel heute von 9 Uhr 05 bis 11 Uhr gemeinsam mit Prof. Dr. Antonio Hurtado und Dr. Felix Christian Matthes. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 00800 / 2254 2254 oder per E-Mail unter gespraech@dradio.de.

Informationen im Internet:
Über Prof. Dr. Antonio Hurtado
Über Dr. Felix Christian Matthes