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Profil / Archiv | Beitrag vom 26.07.2011

Der Anarcholiterat

Wie der Berliner Ahne "Zwiegespräche mit Gott" führt

Von Elmar Krämer

Ahne liest jeden Sonntagabend in Berlin im Kaffee Burger  (intuitivmedia.net)
Ahne liest jeden Sonntagabend in Berlin im Kaffee Burger (intuitivmedia.net)

Ahne hat sich in der Berliner Lesebühnenszene einen Namen gemacht. Bekannt ist der Ex-Hausbesetzer für seine "Zwiegespräche mit Gott" - eine Art innerer Dialog mit seinem Über-Ich. Ihn interessiert die Frage, "wie man überhaupt glauben kann".

"Wir stehen jetzt hier vor unseren beiden Häusern, die wir 1990 besetzt haben. Damals stand das hier alles komplett leer, die ganze Straßenseite war nur noch für Abriss vorgesehen. Keine Türen, die Fenster waren auch schon einige kaputt. Keine Autos, die vor der Tür standen."

Ahne, 1,80 groß, kurze Haare, blaue Augen und Koteletten bis unter die Mundwinkel, fühlt sich wohl in seinem Kiez, in seiner Straße, in dem einstmals besetzten Haus. Hier lebt der 43-jährige Schriftsteller und Ex-Hausbesetzer heute mit seiner Freundin und drei Kindern, und hier entstehen auch seine Gedichte und Geschichten – wie die "Zwiegespräche mit Gott", die ihn über die Grenzen Berlins hinaus bekannt gemacht haben:

"Wie nannte mich ein Lehrer mal so schön – der kleine Giftzwerg."

Geboren wird er 1968 in Berlin-Buch. Er ist das älteste von drei Kindern. Seine Mutter ist Kunstlehrerin, sein Vater Ingenieur.

Ahne ist ein kleiner dünner Junge und eine Mischung aus Klassenclown und Klassensprecher. Ein Schüler, der nachfragt – und das ist in der DDR nicht immer gewünscht:

"Die tollste Episode war, als unsere Staatsbürgerkundelehrerin sagte, die Flüsse in der DDR würden auch durch den Westen verschmutzt – und dann konnte ich mich melden und sagen: 'Äh Hallo, seit wann fließen denn die Flüsse den Berg hoch'? – Da musste dann abgebrochen werden, und das hat mir sehr viel Spaß gemacht – deshalb auch Giftzwerg."

Dennoch wird sein Talent erkannt und Ahne zu sogenannten Rezitationswettstreiten geschickt – dabei wird als Material auf Brecht und Ringelnatz zurückgegriffen.

Ein eigenes Gedicht schafft es immerhin in Wandzeitung der Schule:

"Sigmund Jähn ist unser Held, wie er doch mit großem Tempo durch das Weltenalle schnellt."

Ahne surft auf einer anderen Welle als das Land, in dem er lebt:

Artikel 25 Abs. 4 der Verfassung der DDR:
"Alle Jugendlichen haben das Recht und die Pflicht, einen Beruf zu erlernen."

Nach der Schule macht Ahne aus Mangel an Alternativen eine Ausbildung zum Drucker:

"Ein Beruf, der überhaupt nicht zu mir gepasst hat."

Es folgt der Militärdienst bei einer Vermessungseinheit in Prenzlau. Ausgerechnet hier trifft Ahne auf Gleichgesinnte – Künstler, Punkfreunde:

Zu diesem Zeitpunkt schreibt er längst Kurzgeschichten, aber nur für sich – auch als er nach dem Militärdienst einen Job als Drucker beim "Neuen Deutschland" antritt.

Ahne ist unzufrieden mit der DDR. 21 ist er, als sich die Wende ankündigt. Er ist bei einer Hausbesetzung dabei – zur gleichen Zeit engagiert er sich im Neuen Forum. Ahne will die DDR verändern und lässt sich zum Bezirksverordneten in Lichtenberg wählen.

"Ich war dann auch eine kurze Zeit Vorsitzender des Sicherheitsausschusses in Lichtenberg, und als Hausbesetzer gleichzeitig auch Vorsitzender des Sicherheitsausschusses zu sein, wenn es um Hausbesetzungen ging – das war wahrscheinlich auch nur in dieser Zeit vorstellbar."

Unvorstellbar ist es ihm, mit seinen Geschichten eines Tages Geld zu verdienen.

Mitte der 90er-Jahre nimmt ihn ein Freund zur Reformbühne "Heim und Welt" mit. Von da an wird alles anders:

"Und da hab ich einmal einen Text vorgelesen, und ab da war ich festes Mitglied und musste jede Woche neue Texte schreiben."

Oft sind es innere Dialoge, in denen Ahne als Gesprächspartner einem sehr bodenständigen Gott gegenübertritt.

"Was mich auch besonders interessiert, weil die Frage, warum jemand glaubt, mich interessiert, weil ich eben schon so aufgewachsen bin, dass ich nie mit Gläubigen näher zu tun hatte und ich mir deswegen gar nicht vorstellen kann, wie man überhaupt glauben kann."

Seine "Zwiegespräche mit Gott" liest der Lesebühnenautor mittlerweile auch in Gemeindehäusern. Gelegentlich kommen sogar Anfragen, ob er direkt in der Kirche lesen möchte:

"Das habe ich bisher immer abgelehnt, werde ich auch weiter ablehnen, weil ich mir da vorstellen kann, dass es Leute verletzt."

Jeder braucht schließlich einen Rückzugsort. Und den hat Ahne in dem einstmals besetzten Haus in Berlin-Pankow, von dem er jeden Sonntagabend mit neuen Geschichten und auch mal alten Liedern zur Reformbühne "Heim und Welt" ins Kaffee Burger loszieht.

Ahne: "Zwiegespräche mit Gott: Unser täglich Brot". Verlag Voland & Quist, Dresden 2011, 14,95 Euro, incl. CD

Link zum Thema: www.ahne-international.de

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