Der alte Mann und das Schaukelpferd

Von Tobias Wenzel · 16.07.2007
Oft lässt sich der New Yorker Autor Paul Auster durch den Zufall zu einem Roman anregen. Bei seinem neuen Roman "Reisen im Skriptorium" war es ein Bild, das er mit einem Mal im Kopf hatte: Er sah einen alten Mann auf seiner Bettkante sitzen. Und er interpretierte: "Das bin ich selbst, nur zwanzig Jahre älter als jetzt."
Ein zweistöckiges Haus im feineren Viertel Park Slope in Brooklyn. Paul Auster führt seinen Gast über eine steile Holztreppe, vorbei an zahlreichen Fotos, in ein gemütliches Zimmer im ersten Stock: Gefüllte weiße Bücherregale mit einer schwarzen Bibliotheksleiter, an einer Wand hängen übereinander drei kindliche Variationen desselben Bildmotivs: Eine Person steht, Baselitz lässt grüßen, auf dem Kopf.

Paul Auster, unrasiert und unauffällig gekleidet mit seiner grauen Strickjacke, versinkt in einem breiten blauen Sessel, zündet sich ein Zigarillo an und stellt sich gut gelaunt den Fragen zu seinem neuen Roman "Reisen im Skriptorium". Darin begegnet der Leser Mr. Blank, einem alten, verwirrten Mann, der in einem kargen Zimmer mit Bett, Schreibtisch und Stuhl lebt. "Das Wort alt ist ein dehnbarer Begriff", heißt es gleich zu Beginn des Romans:

Paul Auster (lacht): "Ich habe geschrieben, alt ist man zwischen 60 und 100 Jahren. Ich wollte also Mr. Blank kein exaktes Alter geben. Aber vorgestellt habe ich ihn mir als ungefähr 80-Jährigen. Na ja, ich selbst falle nun auch schon in die Kategorie alt, weil ich ja vor wenigen Monaten 60 geworden bin. Aber ehrlich gesagt, fühle ich mich sehr gut, jung und agil, eigentlich genauso, wie ich mich fühlte, als ich noch etwas jünger war."

Paul Auster massiert mit dem rechten Zeigefinger die Partie über der Augenbraue und sieht mit seinen großen Augen sein Gegenüber konzentriert an. Was er nicht weiß, eben dieser Journalist war schon einen Monat zuvor in seinem Haus, um seine Frau Siri Hustvedt und Paul Auster selbst zu interviewen. Siri Hustvedt bat damals ihren Mann, zum Interview zu kommen. Aber Paul Auster wollte sein Zimmer nicht verlassen - ganz so wie die Hauptfigur seines neuen Romans. Mr. Blank hat nämlich Angst, draußen könnte etwas Unangenehmes lauern. Fühlt auch er, Paul Auster, sich manchmal zu wohl und zu sicher in seinem Zimmer, um es verlassen zu wollen?

"Normalerweise arbeite ich gar nicht in diesem Haus. Ich besitze ein kleines Apartment in der Nachbarschaft. Und da gehe ich jeden Tag hin, wenn ich gerade an einem Roman schreibe. Dort fühle ich mich sehr wohl. Es ist kein gemütlicher Ort. Aber mein Schreibtischstuhl ist dafür umso gemütlicher. Wenn ich auf ihm sitze, verliere ich mich in den Worten, die ich gerade schreibe. Die Zeit vergeht dann im Fluge. Wenn ich morgens den Raum betrete, ist es so, als würde ich nur einmal blinzeln - und schon ist es Zeit, nach Hause zu gehen, sechs oder acht Stunden später."

Mr. Blanks Schreibtischstuhl ist ebenfalls sehr bequem und außerdem ein Mittel, um auf Reisen zu gehen. Reisen in die Vergangenheit. Mr. Blank rollt mit seinem Stuhl durch sein Zimmer - vielleicht das Zimmer einer Psychiatrie oder eines Altenheims - und denkt dabei an Whitey, das weiße Schaukelpferd seiner Kindheit:

"Alte Menschen neigen dazu, sehr viel über ihre Kindheit nachzudenken. Es bewegt mich noch immer, wenn ich daran denke, wie im Jahr 1979 mein 85-jähriger Großvater im Sterben lag. Ich besuchte ihn jeden Tag im Krankenhaus. Er wollte damals nur über seine frühe Kindheit sprechen und erinnerte sich an alle möglichen Details, zum Beispiel an das Brot, das er als Kind auslieferte. Und was meine Erinnerung betrifft [lacht]: Ich hatte selbst ein Schaukelpferd namens Whitey. Es war ein Pferd aus Metall mit Rädern unter den Hufen. Wenn man die Füße gegen die zwei Metallstangen drückte, trieb das die Räder an. So reiste ich unaufhörlich mit meinem Pferd Whitey durch die Wohnung. Whitey war einige Jahre lang ein wichtiger Teil meines Lebens."

Heute, erzählt Paul Auster weiter, gehören zu seinem Leben seine Familie und seine Freunde ebenso wie seine Romanfiguren. Immer realer seien die im Laufe der Jahre geworden und hätten ihn immer wieder heimgesucht. Ganz besonders in seinem neuen Roman. In "Reisen im Skriptorium" tauchen viele von ihnen auf. Anna Blume aus "Im Land der letzten Dinge", Daniel Quinn und Fanshawe aus der "New York-Trilogie", Benjamin Sachs aus "Leviathan" und viele andere. In "Reisen im Skriptorium" hat der alte Mr. Blank diese Personen auf eine "Mission geschickt". Ist Mr. Blank schuldig? Geben wir die Frage an Paul Auster weiter: Fühlt er sich schuldig, weil er seine Romanfiguren hat leiden und manchmal sogar sterben lassen?

"Nein, ich fühle mich überhaupt nicht schuldig. Schließlich weiß ich ja, dass es sich um Romane handelt. Allerdings ist es ein riskantes Unterfangen. Schreiben ist mehr als nur Spaß und Spiel. Es ist eine moralische, philosophische und künstlerische Herausforderung. Man erschafft etwas, aber will gleichzeitig die Wahrheit schreiben. Und die Wahrheit über die Welt ist manchmal schwer zu verkraften. Schreiben kann richtig schmerzhaft sein. Ich fühle mich also nicht schuldig, wenn ich schreibe, aber dafür fühle ich mich sehr häufig wachgerüttelt."

Besonders, wenn es um die US-Politik geht. Die bringe ihn zur Weißglut, seit George Bush an der Macht sei. Der Krieg im Irak, die Änderung, oder wie er es nennt: das "Untergraben" der US-Verfassung - Paul Auster mag gar nicht daran denken.

"Ich glaube wirklich, dass wir uns gerade selbst zerstören. Der Mythos der Amerikaner ist, wir seien das auserwählte Volk und seien fehlerlos. Aber wir machen einiges falsch, und heute mehr denn je. Mein lieber Freund, der Künstler Art Spiegelman, und ich sagen manchmal im Scherz, dass wir auswandern, weil wir so unglücklich über die US-Politik sind. Und wir fragen uns dann: 'In welches Land sollen wir emigrieren?' Und unsere Antwort ist: 'Vielleicht ist Deutschland ein geeigneter Ort.' Da sehen Sie, wie sich die Welt im Laufe der Jahre verändert hat."

Paul Auster lässt seine rechte Hand auf die breite Lehne seines Sessels fallen. Alt wirkt er im Gegensatz zu seiner neuen Romanfigur nun wirklich nicht, dieser smarte, charmante Autor und Intellektuelle. Als es schließlich in Strömen regnet, holt Paul Auster aus der Küche für den Journalisten einen ganz besonderen Regenschirmersatz: den Finanz- und den Gastronomieteil der New York Times. Geld und Restaurants interessieren ihn nun wirklich nicht. Bücher, Musik und Zigarillos - viel mehr braucht Paul Auster nicht zum Leben.

Hinweis:
Paul Austers Roman "Reisen im Skriptorium" erscheint auf Deutsch am Freitag im Rowohlt Verlag.
Das Schriftstellerehepaar Siri Hustvedt und Paul Auster in New York
Das Schriftstellerehepaar Siri Hustvedt und Paul Auster in New York© AP Archiv