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Thema / Archiv | Beitrag vom 08.09.2011

Der 11. September 2001 im Spiegel der Popmusik

Die Reaktion amerikanischer Musiker auf 9/11

Klaus Walter im Gespräch mit Matthias Hanselmann

"Neil Young hat mit 'Let’s roll' den Song zum Krieg geliefert." (AP Archiv)
"Neil Young hat mit 'Let’s roll' den Song zum Krieg geliefert." (AP Archiv)

Musikjournalisten Klaus Walter erklärt, wie sich die Ereignisse des 11. September 2001, wie sich die Terroranschläge und auch die Reaktionen der amerikanischen Politik niedergeschlagen haben in den Songs, im Verhalten amerikanischer Pop- und Rockstars.

Matthias Hanselmann: Make love, not war – Mach Liebe, keinen Krieg, das war das Motto der jungen Leute in den 60er-Jahren. Der Vietnamkrieg tobte und Songs wie "Give Peace a Chance", "Masters of War" Oder "Vietnam Blues" gaben ganz und gar unmissverständlich die Meinung auch vieler Rock-, Pop- und Folkmusiker wieder, nämlich: Stoppt den Vietnamkrieg, und überhaupt – alle Kriege sind sinnlos. Aber wie war das nach den Terroranschlägen in New York und Washington vom 11. September 2001, wie hat sich 9/11 ausgewirkt auf Sänger und Songwriter und ihre Songs? Wie haben sie reagiert? Darüber spreche ich jetzt mit dem Musikjournalisten Klaus Walter. Guten Tag und herzlich willkommen beim "Radiofeuilleton"!

Klaus Walter: Guten Tag!

Hanselmann: Sie haben diverse Musikbeispiele mitgebracht, die ganz eindrücklich zeigen, wie sich 9/11 in der Musikszene Amerikas ausgewirkt hat, wir hören als erstes Neil Young, und zwar mit einem Song von John Lennon, Lennons Friedenshymne überhaupt, nämlich "Imagine". Wofür steht der Song?

Walter: Ja, ich glaube, nach dem 11. September ging es ja auch darum, so eine symbolische Ordnung wieder herzustellen, das heißt, man musste einen Umgang finden mit den Erschütterungen, mit den Verletzungen, und dazu braucht man Worte, man braucht Bilder, aber man braucht auch Musik, Töne. Und die Radiostationen haben ihre Archive durchstöbert nach Musik, die passt, nach melancholischer Musik, nach feierlicher Musik und nach patriotischen Liedern, und sie haben aber auch gesucht nach möglicherweise unpassender Musik. Das heißt, auf keinen Fall sollten Gefühle verletzt werden, sie haben sozusagen so eine Art Kodex der Pietät zusammengestellt, und das hat eine sehr einflussreiche Firma gemacht, die Firma Clear Channel Communications. Die haben so eine Art schwarze Liste erstellt, 150 sogenannte textlich fragwürdige Popsongs, und dazu zählen natürlich Songs, die die Erinnerungen wecken. "Jump" beispielsweise von Van Halen wegen des Springens von den Türmen oder Musik, wo es um Flugzeuge oder um Feuer geht, aber auch solche Lieder wie zum Beispiel "Obladi Oblada" von den Beatles. Können Sie sich vorstellen, warum?

Hanselmann: Nicht wirklich, ehrlich gesagt. Was …

Walter: Obl … O-B-L, Osama bin Laden.

Hanselmann: Oh, das ist ein bisschen weit hergeholt, oder?

Walter: Ja, da ist auch Paranoia im Spiel, kann man sehen. Und es durfte natürlich keine Antikriegslieder gespielt werden, genau "Imagine" eben, und das paradoxe daran ist, dass Neil Young zehn Tage nach den Anschlägen bei einer Benefizgala, die in 210 Länder übertragen wurde, genau dieses "Imagine" gesungen hat. Also, bei der Heldengedenkfeier, da geht das, da ist es sozusagen Balsam für die Seele, und die eigentliche Botschaft, die Friedensutopie, die überhört man dann fast. Die steht ja in diesem Augenblick quer zur politischen Agenda des Kriegs gegen den Terror. Wenige Stunden vor diesem Konzert, das sehr spektakulär war und sehr viel mediale Aufmerksamkeit bekommen hat, erklärt der Präsident den Krieg gegen den Terror, und Neil Young spielt "Imagine": "Imagine, there’s no heaven" und "Imaging all the people live in peace".

Hanselmann: Neil Young mit seiner Version des John-Lennon-Songs "Imagine" kurz nach den Ereignissen von 9/11 hat er diesen Song wie gesagt auf einer Benefizgala gesungen. Und das Interessante daran ist, dass dieser Song auch auf dieser schwarzen Liste war, nämlich der Lieder, die in Amerika gar nicht im Radio gespielt werden durften. Und er stellt sich auf die Bühne und bringt es.

Walter: Ja, das ist das Absurde daran, aber auch das zwiespältige, dass "Imagine" einerseits sozusagen über die Musik, über das feierliche daran, das träumerische auch so Balsam für die Seele ist, gewissermaßen, aber wenn man auf den Text hört, ist es ein Friedenslied, ein Lied, das den Frieden auf Erden beschwört und das passt dann hinterher nicht mehr so in die Landschaft, in die Radiolandschaft, weil es ja um Krieg eben geht. Und Neil Young – viele kennen ihn als sehr widersprüchliche Figur, He’s a walking contradiction, hat man mal gesagt, also ein wandelnder Widerspruch – Neil Young hat dann gleichzeitig aber auch quasi den Song zum Krieg geliefert, zu dem beginnenden Krieg, nämlich "Let’s roll". "Let’s roll", das war der Schlachtruf der Passagiere des Fluges 93, der Flug, der dann über Pennsylvania abgestürzt ist, durch das Eingreifen der Passagiere. Die haben die Entführer angegriffen und die Maschine dann zum Absturz gebracht und haben wahrscheinlich verhindert, dass die Maschine ins Weiße Haus rast, und dieses …

Hanselmann: Ihr Leben geopfert, um Leben zu retten.

Walter: Genau, genau. Und dieses "Let’s roll", das war der Schlachtruf, das wurde so zum patriotischen Leitmotiv. Es gibt Dutzende von Songs, die diesen Flug 93 besingen, und auch dieses "Let’s roll", und Neil Young hat quasi den bekanntesten Song über dieses Motiv geschrieben und auch aufgenommen. Also einerseits spielt er die pazifistische Utopie, die Hymne "Imagine", und dann nimmt er dieses Stück auf, und das beginnt mit einem Handygeräusch jetzt, und das ist das quasi nachempfundene Handygeräusch dieses Gesprächs von diesem Todd Beamer, der diese Aktion ins Rollen buchstäblich gebracht hat, das letzte Telefonat mit seiner Frau, wo er gesagt hat: Wir greifen jetzt an.

Hanselmann: Neil Young mit "Let’s roll", der damit ja seine innere Zerrissenheit ganz deutlich widerspiegelt. Einerseits singt er "Imagine" als Friedenslied und dann dieses Lied, so, wir müssen jetzt rangehen an die Sache, "Let’s roll" …

Walter: Genau.

Hanselmann: … wie es auch seine Art ist, er bringt alles nach vorne.

Walter: Ja, ja, er kümmert sich nicht so sehr um das, was er vorgestern gesagt hat oder gestern gesagt hat. Er hat ja auch in den 80er-Jahren beispielsweise massiv Ronald Reagan unterstützt, aber dann wiederum hat er sich auf die Seite der Demokraten geschlagen, also, er ist ein sehr, sehr wandlungsfähiger Musiker – auch musikalisch natürlich.

Hanselmann: Aber es gab auch welche, die waren überhaupt nicht so zerrissen, die hatten eine ganz klare Linie, oder?

Walter: Das hat sich dann schon durchgesetzt nach 9/11, dass der Patriotismus starkgemacht wurde, und dass auch dieser Rachegedanke starkgemacht wurde und natürlich auch das Kriegerische betont wurde: Wir sind die Angry Americans! Das bringt uns zu Toby Keith – den kennt in Europa kaum jemand, höchstens so harte Country-Fans –, der hat quasi den Soundtrack zu dieser Stimmung geliefert, das Stück heißt "Angry American", und der zornige Amerikaner, der sagt: "Wir werden euch in den Arsch treten", so heißt es im Text, "it’s the american way". Und das gibt eigentlich die Stimmung ziemlich gut wieder. Wie gesagt, in Europa ist Toby Keith so gut wie unbekannt. In Amerika ist er dadurch zum populärsten Sänger des Landes geworden, und hat, wenn man auf die Gegenwart schaut, vielleicht auch schon so eine Stimmung vorweggenommen, die jetzt die Tea Party zu einer Massenbewegung gemacht hat. Also, man könnte sagen, das ist vielleicht auch die Geburtsstunde der Tea Party, dieses Stück und diese Stimmung.

Hanselmann: Toby Keith, "Angry American"

Hanselmann: Toby Keith mit "Angry American", der wütende Amerikaner nach den Anschlägen von 9/11, der durchaus dafür ist, die Linie George Bushs mitzutragen, nämlich die Achse des Bösen, wie es hieß, zu bekämpfen mit militärischer Gewalt. Und wenn aber dann Künstler aufgetreten sind und in ihren eigenen Programmen es gewagt haben, Friedenslieder zu singen, sind sogar teilweise ihre eigenen Fans abgesprungen.

Walter: Dann haben sie den buchstäblichen patriotischen Arschtritt von Toby Keith bekommen gewissermaßen. Also, einmal muss man sagen, dass auch Leute, die man hier aus europäischer Sicht als kritische Geister so sieht, also jemand wie Tom Petty oder Eddy Vedder von Pearl Jam oder auch Willie Nelson, dass auch diese Leute dann patriotische Lieder angestimmt haben, und andere, wie Sie sagen, beispielsweise Lucinda Williams, die wir gleich hören werden, die hat erzählt, sie hat "Masters of War" gesungen, den berühmten Song von Bob Dylan – sie sagt, es ist der größte Protestsong, der je geschrieben wurde –, und sie wurde von ihren eigenen Fans dafür ausgepfiffen. Die haben gesagt, sie soll diesen Song nicht singen, und ein anderer hat ihr eine Mail geschickt: Das ist antiamerikanisch, so was zu singen! Lucinda Williams.

Hanselmann: Wir hören sie jetzt.

Hanselmann: Lucinda Williams mit Bob Dylans – wie sie sagt – bestem oder überhaupt einzig wahren Antikriegssong der gesamten Popgeschichte "Masters of War". Es gibt da jetzt noch eine sehr interessante Geschichte, nämlich bei diesem Konzert, zehn Tage nach 9/11, ist eine Frauenband aus Texas aufgetreten, nämlich die Dixie Chicks. Dieses Konzert hieß, wie wir schon gesagt haben, Tribute to American Heroes, und wir hören sie erst, und dann erzählen wir, was dann passierte. Die Dixie Chicks mit "I believe in Love"

Hanselmann: Dixie Chicks mit "I believe in Love". Deutschlandradio Kultur, das "Radiofeuilleton", wir sprechen mit dem Musikjournalisten Klaus Walter darüber, wie sich die Ereignisse des 11. September 2001, wie sich die Terroranschläge und auch die Reaktionen der amerikanischen Politik niedergeschlagen haben in den Songs, im Verhalten amerikanischer Pop- und Rockstars. Die Dixie Chicks, Klaus, die wir eben gehört haben, sind ja nicht nur angeeckt, sondern die haben ja einen regelrechten Sturm der Entrüstung hervorgerufen.

Walter: Ja, das ist auch eine schöne Geschichte. Zunächst mal wurden sie eingeladen, bei dieser Gedenkfeier zu singen, dieses rührselige Lied, was wir gerade gehört haben, "I believe in love", haben sie da vorgetragen. Dort wurde nur die Creme de la Creme sozusagen eingeladen, dort zu spielen, also Celine Dion und Willie Nelson und Bruce Springsteen und eben auch die Dixie Chicks. Da waren sie noch sehr beliebt in ihrer Heimat, und zwei Jahre später dann, da kam der Krieg gegen den Terror auch noch nicht so richtig voran, die Stimmung ist etwas umgeschlagen, George W. Bushs Kriegsstrategie wurde kritisiert, und in diesem Klima hat dann Natalie Maines, die Sängerin der – wohlgemerkt! – texanischen Band Dixie Chicks in London beim Konzert einen ziemlich folgenschweren Satz losgelassen. Sie hat nämlich gesagt: Wir schämen uns, dass der Präsident der Vereinigten Staaten aus Texas stammt. Und das ist eingeschlagen buchstäblich wie eine Bombe. Es hat Proteste gegeben, Boykottaktionen, es gab Dixie-Chicks-Platten-Verbrennungs-Veranstaltungen und sogar Morddrohungen, und die Dixie Chicks wurden dann auch beschimpft als Saddam-Angels und auch als Dixie Sluts, also als Dixie Schlampen.

Hanselmann: Und Neil Young, über den wir schon gesprochen haben, hat mal wieder eine seiner berühmten Kehrtwendungen gemacht, oder?

Walter: Ja, genau! Neil Young kommt immer wieder. Er hat ein Album gemacht, das heißt "Living with War", das ist von 2006. 2006 lebte Amerika buchstäblich mit dem Krieg, aber kaum einer hat es in der Popmusik ausgesprochen. Diese Kriege waren bei Weitem nicht so präsent in der Popkultur wie der Vietnamkrieg. Jeder musste in den 60er-Jahren sozusagen einen Anti-Vietnamkrieg im Repertoire haben, während die Kriege in Irak und Afghanistan im Pop kaum zur Sprache kamen. Ausnahme der alte Neil Young, der alte Hippie sozusagen, und der "Hit" auf diesem Album, der heißt "Let’s impeach the President", also lasst uns den Präsidenten absetzen. Da ist Neil Young sozusagen wieder auf der anderen Seite angekommen.

Hanselmann: Wie war es denn eigentlich mit den – sagen wir mal damals etwas moderneren, etwas jüngeren Bands?

Walter: Ja, Gott, es gab natürlich auch da Anti-Kriegs-Songs, es gab Songs, die sich vor allem gegen George W. Bush gerichtet haben, so "Bush Bashing" war in einer bestimmten Szene sehr angesagt, einerseits, aber die sich so explizit damit beschäftigt haben, relativ wenige, und auch da, so wie im Rock die Elder Statesmen, also Springsteen und Neil Young, im Hip-Hop die sozusagen Elder Statesman, Protagonisten des politischen Hip Hops, Public Enemy allen voran, die haben so einen Song gemacht, der heißt "Son of a Bush", also der Sohn eines Bush, spielt natürlich an auf Son of a bitch, also der Sohn einer Hure, Son of a Bush, das haben Public Enemy gemacht. Und auch die Beastie Boys haben sich in einem Song damit auseinandergesetzt, der heißt "In a World gone mad", da gibt es die Textzeile, die wiederum an "Blowin‘ in the Wind" erinnert, von wegen: "How many roads must a man walk down" – da heißt es: Wie viele Menschen müssen getötet werden, damit ein paar Ölfirmen sich die Taschen vollmachen.

Walter: Die Beastie Boys, "In a World gone mad", man sollte eigentlich meinen, dass das eindeutig genug ist, aber die Beastie Boys haben 2003 dann doch es für nötig gehalten, dass sie ein eindeutiges Statement abgeben noch mal auf ihrer Website, wo sie gesagt haben: Dieser Song ist nicht antiamerikanisch, er ist auch nicht pro Saddam Hussein, er ist nur ein Statement gegen einen ungerechten Krieg. Also, da sieht man, wie das Klima war, das niemand in Verdacht geraten wollte, ich bin kein aufrichtiger Patriot, und ich bin nicht antiamerikanisch.

Hanselmann: Wie hat die amerikanische Pop und Rockszene reagiert auf die Ereignisse vom 11. September? Darüber haben wir gesprochen mit Klaus Walter. Danke schön, Klaus!

Walter: Sehr gerne!

Hanselmann: Er ist Musikjournalist, langjähriger Moderator unzähliger Musiksendungen, vor allem der legendären Kultsendung "der Ball ist rund" beim Hessischen Rundfunk.

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