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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.11.2007

Denken mit Eleganz

Ulrike Draesner: "Schöne Frauen lesen", Sammlung Luchterhand, München 2007, 224 S.

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Virginia Woolf ist eine der von Draesner vorgestellten Literatinnen. (AP)
Virginia Woolf ist eine der von Draesner vorgestellten Literatinnen. (AP)

Die Literatur von Ingeborg Bachmann, Annette von Droste-Hülshoff, Friederike Mayröcker und Virginia Woolf steht im Mittelpunkt des Bandes "Schöne Frauen lesen" von Ulrike Draesner. Es geht dabei um die Schönheit von Texten und die Schönheit von Frauen, die Texte schreiben. Aus diesem Stoff schlägt die Autorin überraschende Funken.

Wer Essays schreibt, sollte nicht nur schreiben, sondern auch denken können. Und beides mit Eleganz. Wie so etwas aussehen kann, zeigt die Lyrikerin und Prosaautorin Ulrike Draesner in ihrem nun vorliegenden Essayband. Es geht um Frauen und Literatur, aber dem möglichen, sogar wahrscheinlichen Gähnen, das dieses Thema auslösen mag, kommt ein ironisch anspielungsreicher Titel zuvor. Und ehe man gemerkt hat, worum es wirklich geht, ist man schon amüsiert und unterhalten von einem Spiel mit dem ersten Titelwort: "schön" wird chirurgisch, mathematisch, kulinarisch, militärisch benutzt und gedeutet wie in einem verrückten Lexikon. Mit der Unterhaltsamkeit wächst die Ahnung, dass man auf Überraschungen gefasst sein darf.

Die nicht geringste davon ist vielleicht, dass sich unter all den weiblichen Schriftstellerinnen, von denen die ausführliche Rede ist, auch ein Mann befindet - allerdings einer, der nicht zu trennen ist von einer der berühmtesten Frauen der Literaturgeschichte: "Madame Bovary, c´est moi" soll Flaubert gesagt haben. Und aus dieser Anmaßung, die ja schon im Schreiben selbst liegt, schlägt Ulrike Draesner ihre essayistischen Funken. Denn die Behauptung ist ebenso wahr wie unwahr, ebenso vieldeutig wie schlicht.

Weniger überraschend ist gewiss die Anwesenheit Virginia Woolfs in diesem Band. In dem ihr gewidmeten Text merkt man vor allem etwas von der Genauigkeit der Lektüre, die die Grundlage für Draesners artistische Essayistik bildet.

Es geht in diesem Buch wirklich ums Lesen. Das Lesen der Frauen und von Frauen, über Frauen, durch Frauen. Es geht um die Schönheit von Texten. Die Schönheit von Frauen in Texten und die Schönheit von Frauen, die Texte schreiben.

Da gehört natürlich unbedingt Ingeborg Bachmann hinein, die schöne leidende Dichterin. Ulrike Draesner hält sich an die Prosa und entdeckt - den Schwindel. Und das durchaus auch im doppelten Wortsinn: Die Spiegelungen von Bachmanns eigenem Leben im Erzählen, und damit das Entstehen des eigenen Texts als Leben. Und des Lebens als Text. Die Verwechslungen, die Überlagerungen, die so entstehen, greifen das Gefühl für das innere Gleichgewicht an: Kein Wunder, dass einer da schwindelig wird.

Neun Werke hat Ulrike Draesner gelesen, bedacht und beschrieben. Das Ergebnis mag vielleicht nicht neu sein im Sinne akademischer Forschung. Auch die Essays selber sind es nicht; sie sind fast alle neu bearbeitete Versionen bereits gehaltener Vorträge und publizierter Aufsätze. Aber es ist ein Gewinn und ein Vergnügen, sie alle in einem Buch vor sich zu haben, das der Kunst des Lesens (und des Schreibens) gewidmet ist. Und der Eleganz des Denkens.

Rezensiert von Katharina Döbler

Ulrike Draesner, Schöne Frauen lesen
Über Ingeborg Bachmann, Annette von Droste-Hülshoff, Friederike Mayröcker, Virginia Woolf u.v.a,
Sammlung Luchterhand, München 2007. TB. 224 S. 8,00 €

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