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Sein und Streit | Beitrag vom 19.11.2017

Denken als TherapieBesuch in einer philosophischen Praxis

Von Ania Mauruschat

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Mann denkt nach. (imago/Ikon Images)
Gedanken kreisen lassen - in der philosophischen Praxis von Harry Wolf gehört das quasi zur "Behandlungsmethode". (imago/Ikon Images)

Der Schweizer Philosoph Harry Wolf betreibt eine philosophische Praxis. Bei ihm kann man also eine Stunde philosophische Beratung buchen – an einem "Ort, wo Nachdenken und Vordenken als Mitdenken" praktiziert werden.

"Guten Tag, willkommen in Zürich", begrüßt Harry Wolf mich an der Eingangstür seiner hellen, freundlichen, hochmodernen Stadtwohnung. Der studierte Philosoph mit schütterem, grauen Haar und eckiger, silbergefasster Brille betreibt seit 1994 im Nebenberuf seine philosophische Praxis. Auf seiner Website beschreibt er sie als "Ort, wo Nachdenken und Vordenken als Mitdenken" praktiziert werden. Verschmitzt lächelnd bittet er mich, an dem großen Esstisch Platz zu nehmen, und setzt sich mir gegenüber, die riesige Bücherwand im Dunkeln des Nebenzimmers im Rücken. 

Eine Stunde Philosophie bei Harry Wolf kostet 150 Franken. "Sie haben mir ja eine ganz konkrete Frage gestellt, schauen wir uns das mal an", sagt Harry Wolf. Meine Frage habe ich ihm vorab gemailt:

"Wie kann ich angesichts der tagtäglichen Katastrophen, die in der Welt passieren – von Donald Trump über den  der Vormarsch der Rechten in Europa bis zur Umweltzerstörung und all den Kriegen und Flüchtlingsströmen, von denen die Medien permanent berichten, ein gutes Leben führen? In dem ich selber weder in Depression oder Zynismus versinke, noch in ein eskapistisches Scheinleben voller Konsum oder Gleichgültigkeit flüchte."

"Wie lebe ich ein gutes Leben?"

Die Frage nach dem guten Leben gefällt Harry Wolf. Es sei eine klassische philosophische Frage, die seit Anbeginn der Philosophie, seit Sokrates gestellt werde. "Er hat ja gesagt, ein ungeprüftes Leben ist kein richtiges Leben quasi, also dass man über sein eigenes Leben und wie man es leben will, nachdenken soll. Er sagt sogar, ein ungeprüftes Leben ist nicht wert gelebt zu werden. Also, es geht immer um die Fragestellung: Wie lebe ich ein gutes Leben?"

"Nun haben sich ja die Zeiten etwas seit Sokrates geändert, in den letzten Zwei-, Dreitausendjahren", meine ich: "Was würden Sie denn sagen, angesichts meines Problems oder meiner Verzweiflung, wie kann man heute noch ein gutes Leben führen?" 

"Vielleicht schauen wir uns das mal an im Detail", schlägt Wolf vor. "Sie haben ja ein paar Katastrophen aufgelistet. Also das gibt es zum Beispiel die Wahl von Donald Trump, man könnte jetzt fragen, was ist denn da das Problem, was ist da die Katastrophe?"

"Wo ist mein Wirkungskreis, was kann ich tun?"

Was nun folgt ist ein 60-minütiger Parforce-Ritt durch die Weltpolitik und Philosophie-Geschichte, aber alles in Form eines sokratischen Gesprächs. Harry Wolf fragt mich, wie ich mir zum Beispiel den Erfolg von Trump erkläre. Ich antworte, Harry Wolf hakt nach, fasst zusammen, führt Francis Fukuyama, Friedrich Wilhelm Hegel, Theodor Adorno und andere Denker an, erklärt ihre Positionen und fragt wieder nach:

"Ich meine irgendwie stellt sich ja schon die Frage, warum sollte man nicht verzweifeln", sagt er. Schließlich stelle sich ja schon die Frage: "Ist die Menschheit noch in der Lage, das Ganze noch zu retten, oder? Aber dann könnte man evolutionsbiologisch sagen, eine Spezies ist ausgestorben, das wäre dann ja auch nicht so tragisch, die Natur würde sich dann ja wahrscheinlich auch wieder erholen."

Sind wir also quasi die Dinosaurier der Zukunft? – "Ja, genau", meint Wolf. "Das könnte ja sein, aber das muss nicht sein. Und jetzt ist die Frage: Wo ist mein Wirkungskreis, was kann ich tun?  Und ich meine, wenn man die schönen Seiten der menschlichen Entwicklung anschaut, dann ist das ja etwas, was erhaltenswert ist, also es gibt Sachen, für die es sich lohnt, sich einzusetzen."

So stelle ich mir das gute Leben vor

Nun folgt die Frage nach meinen Werten und Überzeugungen – was auch nochmal ans Eingemachte geht. Am Ende der Sitzung komme ich zu der Erkenntnis, dass es keine eindeutige, klare Antwort gibt. "Sondern ich muss mein Leben lang, eigentlich, so wie Sokrates es gesagt hat, mein Leben und meine Wertvorstellungen prüfen."

"Ja, find ich gut so", sagt Wolf. Auf dem Heimweg in der Tram lächle ich wahrscheinlich so verschmitzt wie Harry Wolf bei der Begrüßung. Wie ein hervorragendes Glas Rotwein, wie eine intensive Massage für das Hirn war diese Stunde philosophische Praxis. So stelle ich mir das gute Leben vor.

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