Denise Mina: "Totstück"

Jack the Ripper in Schottland

03:00 Minuten
Das Cover von Denise Minas "Totstück" zeigt ein kleines Herz, vermutlich aus Stein, vor schwarzem Hintergrund.
© Ariadne Verlag

Denise Mina

Übersetzt von Karen Gerwig

TotstückAriadne Verlag, Hamburg 2022

320 Seiten

23 Euro

Von Sonja Hartl · 21.01.2022
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Eine Frage der Aufmerksamkeit: Denise Minas Thriller „Totstück“ erzählt vom Alltag von Prostituierten in Glasgow – und ist gleichzeitig ein kluger Kommentar zum Umgang mit Gewalt gegen Frauen auch in der Kriminalliteratur.
Im Nachttisch ihrer sterbenden Adoptivmutter hat die Ärztin Margo Briefe gefunden, die ihr endlich den Kontakt zu der Familie ihrer leiblichen Mutter ermöglichen. Sie trifft sich mit ihrer Tante Nikki, einer ziemlich lauten, quirligen und überdrehten Person – und Margo erfährt, dass ihre Mutter Susan als Prostituierte gearbeitet hat und ermordet wurde.
Und nicht nur sie: Vor über 30 Jahren wurden mehrere Prostituierte von einem Glasgower Jack the Ripper ermordet, der von der Polizei gedeckt wird, weil er vermutlich selbst Polizist war. Und Margo soll Nikki nun helfen, den Täter endlich zu überführen.

Morde an Prostituierten interessierten keinen


„Totstück“ heißt Denise Minas kluger Kriminalroman. So wurden tote Prostituierte von der schottischen Polizei bezeichnet: In ihren Augen waren sie keine Menschen, sondern Dinge - und demnach niemals lebendig.
Deshalb hat sich die Polizei mit den Ermittlungen kaum Mühe gegeben, deshalb hat sich die damalige Öffentlichkeit erst für die Morde interessiert, als ein Mädchen aus heilem Elternhaus ermordet wurde.
Auch Margos erste Reaktion besteht aus Abwehr: Sie will von dem grausamen Ableben ihrer Mutter nichts wissen und fragt sich, ob ihre Tante überhaupt zurechnungsfähig ist. Dann erhält sie anonyme Briefe, die vom damaligen Täter geschrieben sind, und forscht nach.

Die Vorurteile der Ermittlerin

Erzählerisch bleibt Denise Mina dicht an Margos Perspektive, die eine bisweilen anstrengende und äußerst gelungene Hauptfigur ist. Margo ist gebildet, emanzipiert und sich ihrer Privilegien von Anfang an bewusst. Sie ist bemüht, Verständnis zu zeigen und andere nicht zu verurteilen.
Dennoch verurteilt sie ihre Mutter, ihre Tante und viele der Frauen, denen sie im Verlauf des Romans begegnet, und sie wird dabei gleichzeitig immer wieder mit ihren eigenen Vorurteilen konfrontiert.
Denise Mina erzählt so von der vielfältigen Gewalt gegen Frauen in einer patriarchalen Gesellschaft – und wie sehr weiterhin die gesellschaftliche Klasse der Familie, in die man hineingeboren wird oder in der man aufwächst, über das Leben und letztlich das Sterben bestimmt.

Ein perfides Spiel mit der Aufmerksamkeit

Letztlich erweist sich der gesamte Roman als ein perfides Spiel mit der Aufmerksamkeit. Auch er macht nicht mit dem Mord an der einzelnen Prostituierten auf, sondern verweist auf einen Serienkiller. Nur dann – so zeigt es die Erfahrung – interessiert sich die Öffentlichkeit, interessieren sich Menschen wie Margo und womöglich auch Krimileser:innen für eine tote Prostituierte.
Es wird Zeit, dass sich daran etwas ändert.

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