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Frühkritik | Beitrag vom 30.08.2019

Denise Mina: "Klare Sache"Wahrheit im Ohr

Von Sonja Hartl

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Buchcover zu "Klare Sache" von Denise Mina. (Ariadne)
Rasanter Krimi mit aktuellen Themen: "Klare Sache" von Denise Mina. (Ariadne)

Die schottische Autorin Denise Mina erzählt in "Klare Sache" einen mitreißenden Road-Trip rund um einen True-Crime-Podcast. Ein klug geschriebener Kriminalroman, der zeigt, wie Geschichten Wahrheit ans Licht bringen - oder verschleiern können.

"Der Tag, an dem mir mein Leben um die Ohren flog, fing gut an", bekennt Ich-Erzählerin Anna McDonald zu Beginn von Denise Minas "Klare Sache". Sie ist ohne Wecker aufgewacht und hat vor dem Frühstück mit Ehemann und Töchtern noch Zeit für einen neuen True-Crime-Podcast. Es folgt der erste Schock: Der Podcast handelt von der Ermordung eines Mannes, den sie kannte. Dann steht ihre beste Freundin vor der Tür, die mit Annas Ehemann und Kindern ein neues Leben beginnen wird.

Dadurch werden unzählige weitere Wendungen, Überraschungen und Katastrophen in diesem mitreißenden Road-Trip-Kriminalroman ausgelöst, in dem gar nichts eine "Klare Sache" ist – noch nicht einmal der Name der komplexen, gleichermaßen schroffen wie empathischen Hauptfigur Anna, die zuvor ein anderes Leben mit anderem Namen geführt hat.

Hetzjagden, Geldwäsche und Verschwörungstheorien

Klug bindet die schottische Autorin in diesem rasanten Krimi allerhand gegenwärtige Themen ein: Die Faszination für True-Crime-Podcasts verbindet sie mit einer differenzierten Medienkritik und verweist auf die zwei Seiten von Öffentlichkeit und sozialen Medien, die sowohl Hort der Solidarität als auch Plattform für Hetzjagden sein können. Sie kritisiert den Umgang mit Opfern sexueller Gewalt, macht aber ebenso deutlich, dass sich durch #Metoo etwas geändert haben könnte.

Mina erzählt von Immobilienspekulationen und Geldwäsche, von Horrorfilmen und Verschwörungstheorien und spürt dem unsichtbaren Einfluss der reichen Elite nach. Ihre Sympathie gehört indes immer den Abgerissenen, die sich durchs Leben schlagen – und noch nicht einmal der magersüchtige, vegan lebende Ex-Boygroup-Sänger, der Anna auf ihrem Trip begleitet, wird der Lächerlichkeit preisgegeben, sondern mit Tiefe ausgestattet.

Die Macht von Geschichten

Bei Annas rasanter Jagd durch Europa ändern sich Schauplätze und Ton, der mühelos zwischen düster-brutal und komisch-slapstickhaft changiert, und es gibt allerhand launige Episoden, Einfälle und Figuren. Dabei handelt "Klare Sache" vor allem von der Macht von Geschichten.

Ein Podcast hat den Einfluss, die Wahrheit ans Licht zu bringen oder sie zu verschleiern. Eine Erzählung kann bestimmen, wer Opfer und wer Täter ist, wie mit einer Tat umgegangen wird und welche Bedeutung ihr beigemessen wird. Geschichten sind Ablenkung, Betäubung, Selbstbetrug und Verführung – und manchmal der einzige Weg, eine schmerzhafte Wahrheit auszusprechen.

Denise Mina: "Klare Sache"
Aus dem Englischen von Zoë Beck
Ariadne, Hamburg 2019
352 Seiten, 21 Euro

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