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Frühkritik | Beitrag vom 30.10.2020

Denise Mina: "Götter und Tiere"Politik, Korruption und eine stillende Polizistin

Von Tobias Gohlis

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Buchcover Denise Mina "Götter und Tiere" (ariadne Verlag /Deutschlandradio)
Ein Tattoo am Hals eines Studenten ergibt den Titel: In "Götter und Tiere" bezieht sich Denise Mina auf ein Zitat von Aristoteles. (ariadne Verlag /Deutschlandradio)

Ein Raubüberfall in Glasgow: Die neue Folge der Krimireihe um die Polizistin und junge Mutter Alex Morrow beginnt blutig und ist nicht gleich durchschaubar. Denise Mina erzählt virtuos vom Chaos unter den Menschen.

"Götter und Tiere", der von Fans und Liebhabern lange erwartete Kriminalroman von Denise Mina, beginnt mitten drin. Im Chaos. Im Chaos nach einem Raubüberfall auf eine Postfiliale in Glasgow.

Ein junger Mann hockt blutüberströmt auf dem Pflaster, ein kleiner Junge klammert sich an ihn "wie ein Koalabär". Als der bewaffnete Räuber in den Schalterraum eindrang, alle zwang, sich auf den Boden zu werfen, hatte ein alter Mann seinen Enkel dem jungen Mann zugeschoben, als solle er auf ihn aufpassen, war aufgestanden, hatte mit dem Räuber einige Worte gewechselt und liegt jetzt erschossen vor dem Postgebäude.

Die Polizistin ist eine stillende Mutter von Zwillingen

Unmittelbare Erfahrung, Szenen, die auch nach mehrmaligem Durchdenken nicht verständlich sind: Damit eröffnet Mina ihren dritten Roman der Serie mit Alex Morrow, Detective Sergeant der Strathclyde Police, stillende Mutter von vier Monate alten Zwillingen. "Götter und Tiere" treibt die Idee, dass alles mit allem verbunden sei, auf die Spitze.

Scheinbar ohne Zusammenhang erzählt Mina nach dem Auftakt in der Bank von einem alternden Labour-Politiker, der von seiner Frau verdroschen wird. Sie erzählt von der Suche Morrows nach einem passenden Taufpaten für ihre Zwillinge und von ihrem Bruder, der einer der Gangsterbosse Glasgows ist.

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Sie erzählt von einem reichen Erben, der seinen Reichtum sinnvoll loswerden will, von Polizisten, denen Hunderttausende Pfund zugespielt werden, von Krankenschwestern, die von ihrem Lohn kaum leben können und von Taxifahrern, die von kriminellen Unternehmen erpresst werden. Kurz, in "Götter und Tiere" erzählt Mina von einer ganz normalen Stadt am Beginn des 21. Jahrhunderts.

Eine ganze Stadt als Thema der Kriminalliteratur

Seit Eugène Sue 1843 "Die Geheimnisse von Paris" verfasste, ist die Beschreibung einer ganzen Stadt ein zentrales Thema der Kriminalliteratur. Besonders mit "Götter und Tiere", aber auch mit den vier anderen Romanen der Serie, fügt Mina dieser großen alten Tradition ein weiteres imponierendes Kapitel hinzu.

Der Student, der den kleinen Jungen zugeschoben bekam, hat ein Zitat von Aristoteles auf den Hals tätowiert. "Gods and Beasts" – Götter und Tiere: Das sind nach Aristoteles jene Lebewesen, "die nicht in Gemeinschaft leben oder ihrer bedürfen". Aber die Menschen brauchen Gemeinschaft. Diesen Gedanken lässt Mina unausgesprochen. Stattdessen erzählt sie virtuos vom Chaos unter den Menschen. Das schließt das Erzählen von losen Fäden selbstverständlich mit ein.

Denise Mina: "Götter und Tiere"
Aus dem Englischen von Karen Gerwig
Ariadne, Hamburg 2020
352 Seiten, 21 Euro

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