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Religionen / Archiv | Beitrag vom 11.12.2010

Den Teufelskreis der Armut durchbrechen

Der namibische Bischof Kameeta will ein Grundeinkommen für alle

Von Bettina von Clausewitz

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Bischof Kameeta kämpft gegen die Armut in Namibia. (AP)
Bischof Kameeta kämpft gegen die Armut in Namibia. (AP)

In Namibia engagiert sich der lutherische Bischof Zephania Kameeta für mehr Gerechtigkeit: früher im Kampf gegen Apartheid und jetzt gegen die Armut. 2008 haben er und seine Mitstreiter erstmals ein ganzes Dorf mit einem bedingungslosen Grundeinkommen versorgt – ein weltweit viel beachtetes und einzigartiges Pilotprojekt.

Kameeta I.: "Ich sage den Menschen immer: Ihr könnt den Teufelskreis der Armut unterbrechen, indem ihr den Armen direkt gebt. Das ist das ganze Anliegen von BIG. Wir geben den Armen direkt 100 namibische Dollar. Und indem wir das tun, sagen wir: Du bist genau so viel wert wie jeder andere. Du kannst selbst das Richtige mit diesem Geld machen. Das unterbricht den Kreislauf der Armut.""

BIG ist wie ein Zauberwort, der Code für eine mutige Idee, die zeigen will: Armut ist kein auswegloses Schicksal, sondern ein Feind, den man in die Knie zwingen kann. Das "Basic Income Grant" - abgekürzt BIG - steht für ein bedingungsloses Grundeinkommen: alle Menschen (mit Ausnahme der Renter) in dem 1000 Einwohner-Dorf Otjivero nahe der Hauptstadt Windhuk haben seit Anfang 2008 monatlich 100 namibische Dollar bekommen. Umgerechnet sind das knapp zehn Euro. Zwei Jahre lang ohne Kontrolle und Gegenleistung.

Für viele das Startkapital in ein neues Leben, wie Bischof Kameeta erzählt.

""Nehmen wir etwa die Frau, die jetzt eine kleine Bäckerei aufgemacht hat. Sie hat von den 100 Dollar Brot gebacken und es verkauft. Schon im ersten Monat hat sie 3-400 Dollar pro Woche verdient, jetzt sind es mehr als 1000 Dollar und sie beschäftigt noch einige andere Frauen."

Der Unterschied ist überall sichtbar. Hütten, die früher nur aus Pappe, Holz und ein bisschen Wellblech bestanden, werden jetzt aus Ziegel neu gebaut. Aber diese Ziegel kommen nicht aus einer Fabrik in Windhuk, sondern sie werden direkt in Otjivero hergestellt. Von einem Mann, der auch 100 Dollar bekommen hat und jetzt andere beschäftigt, die mitarbeiten. Sie verdienen jetzt alle mehr.

Der bedächtig wirkende 65-jährige Befreiungstheologe kennt viele solcher Geschichten. Belegt durch wissenschaftliche Begleitstudien: 90 Prozent der Kinder beenden jetzt die Grundschule, vorher waren es nur halb so viele, die Unterernährung ist von 42 auf 10 Prozent gesunken ist, Gewalt und Kriminalität sind zurückgegangen.

Jetzt nutzt Kameeta seine Popularität als Kirchenmann, als Antiapartheid-Kämpfer und führender Politiker nach der 1990 erreichten Unabhängigkeit von Südafrika, um weiter für die BIG-Idee zu werben. In Namibia ist er ebenso bekannt wie Desmond Tutu in Südafrika. Auch weil er dicht an den Menschen ist: Amüsiert erzählt Kameeta etwa von zwei jungen Frauen aus Otijivero, die sich von Aschenputteln in moderne Teenager verwandelt haben:

Kameeta I.: "Eine von den beiden, die jetzt in einer Ferienanlage arbeitet, hat mir zum Beispiel erzählt, dass sie sich für die 100 Dollar ein neues Kleid und Schuhe gekauft hat. Sie hat sich hübsch zurecht gemacht und verdient mit ihrem Job 800 Dollar im Monat. Dafür ist sie dankbar und sagt: Ich kümmere mich jetzt um meine Familie, um den Großvater, der mich aufgezogen hat, meine Mutter ist schon gestorben ist, und um die anderen Enkelkinder. Also das hilft schon sehr viel."

Berührende Geschichten. Aber auch kritische Stimmen melden sich vermehrt zu Wort.

"Wir können doch kein Geld an Menschen verteilen, die nichts tun."

... so wird etwa der namibische Präsident Pohamba in der Presse zitiert. Deutlicher Gegenwind für ein Pilotprojekt, das auch aus Deutschland finanziert wird: von den evangelischen Landeskirchen im Rheinland und Westfalen etwa.

Träger vor Ort ist ein großes Bündnis von Kirchen und Nicht-Regierungs-organisationen – die sog. BIG-Koalition. Auch der mächtige Gewerkschaftsdachverband NUNW, ursprünglich Teil der Koalition, machte kürzlich eine Kehrtwende: BIG sei der "falsche Weg", hieß es. Im September allerdings wurden die Funktionäre von der Basis wieder zurückgepfiffen.

Der übliche Machtkampf, meint Bischof Kameeta, der zehn Jahre lang Parlamentsdebatten leitete und für seine Geduld bekannt ist:

"Wenn die Regierung sagt, BIG ist zu teuer und wird den Haushalt viel zu sehr belasten, dann sage ich: Das Geld löst sich doch nicht in Luft auf, wenn man es den Armen gibt. Es fließt zurück in die Gesellschaft! Insbesondere auf dem Land."

Denn die Landflucht kommt dadurch vielleicht zum Stillstand oder sie wird zumindest reduziert. Wenn die Menschen Geld haben und dort überleben können, wo sie sind, dann bleiben sie. Man muss ihnen nur helfen, sich selbst zu entwickeln - das will BIG tun.

Sprungbrett in ein neues Leben oder soziale Hängematte, ein Freifahrtschein für Faulenzertum ohne die Ursachen der Armut zu bekämpfen? Diese Diskussion geht quer durch Politik und Entwicklungsorganisationen. "Gib dem Armen keinen Fisch, sondern lehre ihn zu fischen", sagen viele. Der Kirchenmann Kameeta hält ein anderes Menschenbild dagegen:

"Das Problem ist ja nicht nur, dass jemand fischen lernt, sondern dass er auch eine Angel braucht, ein Netz oder ein Boot. Ich würde sagen, wenn du meinst, dass er oder sie nicht fischen kann, zeigst du dadurch, dass du denkst: Nur weil sie arm sind, sind sie dumm. Aber das stimmt doch gar nicht! Anzunehmen, dass die Armen als erstes etwas beigebracht bekommen müssen, zeigt, wie sehr Arme in unserer Gesellschaft diskriminiert werden!

Wir sagen dagegen, dass die Armen sehr gut wissen, wie man fischt, und wir wollen ihnen die Möglichkeit geben, es selbst zu tun."

Mittlerweile ist die zweijährige Pilotphase in Otjivero beendet. Trotzdem bekommen die Menschen dort von der BIG Koalition weiterhin 80 namibische Dollar im Monat, ein "Überbrückungsgeld" für etwa zwei Jahre – solange die Spenden aus dem In- und Ausland noch reichen. Oder bis die Regierung einlenkt.

"Wir halten weiter an unseren Träumen fest. Die Regierung hat die Frage aufgeworfen, ob sich BIG wirklich für alle einführen lässt, auch für die Reichen. Und wir haben erklärt, dass die Reichen das Geld dann über die Steuern zurückzahlen würden. Das scheint aber sehr schwer verständlich zu sein."

Während die einen noch den Erfolg oder Misserfolg von Otijivero begutachten, ist Kameeta schon dabei, weitere Schritte zu planen. 100 arme Dörfer im Norden sollen mit BIG ausgestattet werden, so seine Vision, und zeigen, dass die Idee funktioniert. Um alle 1,9 Millionen Einwohner Namibias mit einem Grundeinkommen zu versorgen, wären nur knapp sechs Prozent des Jahreshaushalts nötig, argumentiert die BIG-Koalition, auch wenn der Internationale Währungsfond das Projekt für illusorisch hält.

Für Zephania Kameeta geht es einmal mehr darum, seine Vision von Gerechtigkeit zu leben und den Menschen ihre Würde wieder zu geben. In Apartheidzeiten hat er deshalb Gefängnis und Verfolgung erlitten. Heute wird der Kirchenmann, der auch schon Psalmen geschrieben hat, von manchen als Traumtänzer belächelt.

"Ich bin wahrscheinlich durch den Unabhängigkeitskampf für Namibia trainiert worden. Damals haben wir dieselben Argumente gehört: die südafrikanische Regierung ist so stark, die Armee ist so groß. Glauben Sie wirklich, dass Namibia eines Tages frei sein wird? ... Ich habe damals daran geglaubt, und dass wir dafür sorgen, dass es keine Diskriminierung mehr gibt. Diese Argumente schrecken uns nicht ab.

Die Erfahrungen, die wir jetzt mit den angeblich Schwachen und Armen in Otjivero gemacht haben, sind so stark - da geht es nicht um Ideologien und Theorien – es ist eine Realität. Wenn solche Veränderungen in Otjivero möglich sind, sind sie im ganzen Land möglich."

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