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Thema / Archiv | Beitrag vom 03.09.2009

Dem SED-Regime ein Dorn im Auge

Karl Wilhelm Fricke im Gespräch mit Jürgen König

Zelle in einem DDR-Gefängnis (AP)
Zelle in einem DDR-Gefängnis (AP)

Der Journalist Karl Wilhelm Fricke wurde 1955 nach Ostberlin verschleppt und verurteilt. Vier Jahre saß er im Gefängnis. Rückblickend berichtet er von verbaler und körperlicher Gewalt, von "kafkaesken" Situationen während des Prozesses und von seiner Sicht auf die DDR.

Jürgen König: Etwa 700 Menschen wurden zu Zeiten des Kalten Krieges aus der Bundesrepublik und Westberlin in die DDR entführt – im Regierungsauftrag von Spezialeinheiten des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Einer der spektakulärsten Fälle trug sich 1955 zu, als der Journalist Karl Wilhelm Fricke in die DDR verschleppt wurde, wegen seiner kritischen Berichte über die DDR stufte die SED ihn als gefährlich ein. Das oberste Gericht der DDR verurteilte ihn wegen – wie es hieß – Boykott und Kriegshetze zu vier Jahren Haft, die Karl Wilhelm Fricke auch wirklich in Brandenburg und in Bautzen absaß. Dann wurde er aus der Haft entlassen, kehrte in die Bundesrepublik zurück, wurde leitender Redakteur beim Deutschlandfunk in Köln und wurde einer der Journalisten, die jahrzehntelang versuchten, die Öffentlichkeit über das Unrecht, über die Verbrechen des SED-Staates aufzuklären. Heute wird Karl Wilhelm Fricke 80 Jahre alt. Am Abend wird er in Berlin bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur zu einem Vortrags- und Gesprächsabend zu Gast sein. Wir haben ihn heute Vormittag in seinem Berliner Hotel besucht.
Herr Fricke, Sie werden die Geschichte früher schon Hunderte Male erzählt haben, gleichwohl, weil sie unglaublich erscheint, erzählen Sie ein weiteres Mal: Wie ging diese Entführung damals vonstatten?

Karl Wilhelm Fricke: Ich hatte mich am Nachmittag des 1. April 1955 mit einem inoffiziellen Mitarbeiter der Staatssicherheit verabredet, den ich für einen politischen Flüchtling aus Potsdam hielt. Und der hat für mich gelegentlich als Informant auch gearbeitet, indem er mir aus seiner bewegten Vergangenheit – er war also sowohl in der Sowjetunion als auch in Sachsenhausen in der Nazizeit in Haft, mit prominenten Kommunisten zusammen. Insofern war das damals für mich schon ein interessanter Zeitzeuge. Und der wollte mir an dem Tag ein Buch überbringen, und wir hatten uns ursprünglich um 15 Uhr im Postamt Geisbergstraße in Berlin-Schöneberg verabredet, aber als wir uns dann trafen, sagte er: Ach, kommen Sie, ich wohne ja hier in der Nähe, meine Frau würde Sie auch gerne mal kennenlernen, kommen Sie doch mit zu mir in die Wohnung, ich hab da das Buch. Und dort wurde mir dann eine Tasse Kaffee angeboten und ein Cognac, und der Letztere war präpariert. Mit einem Betäubungsmittel. Ich hab gar keinen Verdacht geschöpft. Ich habe also das Zeug getrunken, und nach ungefähr zehn Minuten wurde mir übel, ohne dass ich Verdacht schöpfte, muss ich noch mal betonen. Ich glaube, das sei eine Herzinsuffizienz, was weiß ich. Ich hab mich noch entschuldigt bei meinen Gastgebern und hab gefragt, wo kann ich denn hier mal zur Toilette gehen, hab mich dann etwas frisch gemacht, bin wieder ins Zimmer zurückgewankt – und dann bin ich bewusstlos geworden.

König: Und wachten wo wieder auf?

Fricke: Und wachte auf in einem Raum, um mich herum etwa sechs oder sieben Leute, zum Teil in Uniformen, zum Teil in Zivil. Ich saß auf einem Stuhl, die brüllten auf mich ein: Weißt du, wo du bist, du Schwein? Ich hab natürlich geglaubt, ich bin im falschen Film …

König: Du Schwein?

Fricke: Ja. Es war ein merkwürdiger Zustand, in dem ich mich befand. Ich war einerseits schon unter der Nachwirkung des Betäubungsmittels noch in meinem Wahrnehmungsvermögen gestört, das heißt, ich konnte meine Wahrnehmungen rational noch nicht verarbeiten. Aber ich wusste andererseits, was passierte – ich machte visuelle und akustische Wahrnehmungen, an die ich mich auch hinterher erinnern konnte –, aber ich merkte dann, dass ich in einer feindlichen Umwelt war. Ich hab dann ja in völliger Verkennung der Situation – sozusagen, ja, wenn ich euch nicht passe, kann ich ja gehen –, das hat natürlich ein homerisches Gelächter ausgelöst. Dann geh doch, brüllten sie mich an. Ich bin dann auf eine Tür zugetaumelt, und da wurde ich dann zurückgerissen. Und dann merkte mich, dass also ich in irgendeiner akuten Gefahr war, verlor aber dann das Bewusstsein. Ich wurde dann in bewusstlosem Zustand noch mal entkleidet und unter eine Dusche gebracht und bin dann schlafen gelegt worden, auf einer Pritsche mit Decke und so. Und die erste rationale Wahrnehmung, in der ich wirklich klar erkannt hatte, was passiert war, passierte morgens am 2. April, 7 Uhr, da begann nämlich meine erste Vernehmung. Und das genaue Datum weiß ich eben, weil es auf dem Vernehmungsprotokoll stand. Da stand ja nicht nur das Datum, sondern auch die Uhrzeit.

König: Sie wurden dann vom Obersten Gerichtshof der DDR verurteilt wegen Boykott und Kriegshetze, wie es offiziell hieß. Was hat man Ihnen gesagt? Ich meine, das ist ja nur sozusagen eine Floskel gewesen. Wie hat man diese Entführung begründet?

Fricke: Man hat natürlich gar nicht von Entführung gesprochen, im Gegenteil, man hat es auch vermieden, sowohl mein Pflichtverteidiger als auch der Staatsanwalt, die haben natürlich nicht davon gesprochen, das Oberste Gericht auch nicht. Ich habe lediglich in meinem Schlusswort vor Gericht darüber gesprochen und habe natürlich auch nicht von Menschenraub gesprochen, sondern von einem illegalen Gewaltakt über die Sektorengrenze. Ich wollte ja meine Situation nicht verschlechtern. Die Formulierung Boykotthetze, die bezieht sich auf Artikel 6 Absatz 2 der Verfassung der DDR, der ersten Verfassung der DDR. Da war der Begriff der Boykotthetze in das deutsche Recht eingefügt, und das war dann lange Jahre als Generalklausel – rechtsstaatswidrig übrigens – eine Handhabe, weil man das damalige Strafrecht noch nicht hatte, um Klassenfeinde wie mich, Gegner, Spione, Agenten, was weiß ich, zur Rechenschaft zu ziehen.

König: Der tatsächliche Grund war ja, dass man Sie in Ihrer kritischen Berichterstattung mundtot machen wollte. Hat man ernsthaft daran geglaubt, dass das möglich wäre, dass nicht andere sofort an Ihre Stelle rücken würden, die gerade über Ihren Fall auch berichten würden?

Fricke: Ja, also es ist vielleicht nicht ganz richtig gedeutet. Das eigentliche Motiv meiner Entführung bestand in der falschen – wohlgemerkt falschen – Vermutung der Staatssicherheit, dass ich in Ostberlin oder in der DDR illegale Informationsbeziehungen unterhalte, das heißt also zu Informanten, was weiß ich, im ZK oder im Ministerium. Und man hatte geglaubt, meine Artikel beruhen auf solchen Informationen. Das war nicht der Fall. Und ich hatte auch tatsächlich keine, weil es war ja für die Betroffenen viel zu gefährlich, hab es also nie versucht. Aber die haben es mir nicht geglaubt. Mit der Logik stalinistische Geheimpolizei musste sein, was sein sollte. Und sie hatten mich dann für einen besonders bösartigen und hartgesottenen Gegner und Feind der DDR gehalten, der keinerlei Aussagebereitschaft bekundet. Und das erklärt dann auch die überlange Dauer meiner Untersuchungshaft. Ich bin ja bis Julei 56 in Untersuchungshaft gewesen, immer in Einzelhaft, bis auf die ersten paar Wochen. Und dann passierte am 11. Juli 1956 – um 9 Uhr begann die Hauptverhandlung vom Obersten Gericht, der Strafprozess – und es passierte also folgende kafkaeske Szenerie: Es war niemand da, kein Zuschauer, nichts. Es war nur das Gericht, der Staatsanwalt, der Pflichtverteidiger und drei Bewacher von der Staatssicherheit. Und jetzt beginnt die Verhandlung – ich hatte darum gebeten, natürlich vergeblich, man möge doch bitte die Presse informieren –, und dann stellt der Staatsanwalt den Antrag auf Ausschluss der Öffentlichkeit, die nicht vorhanden war. Und das Gericht zieht sich zurück, verkündet hinterher, nach zehn Minuten, was weiß ich, mit todernster Miene: Der Antrag wird abgelehnt. Das heißt, die nicht anwesende Öffentlichkeit war nicht abwesend.

König: Unglaublich.

Fricke: Es ist kafkaesk.

König: Ja.

Fricke: Und vom Protokoll her war es eine öffentliche Verhandlung. Ich spreche von Geheimverhandlung, dies ist in der Tat wahr, aber das ist juristisch kein definierter Begriff.

König: Sie waren dann vier Jahre in Haft, in Brandenburg und in Bautzen. Bautzen gilt immer so als Synonym für den Ort des Schreckens schlechthin in der DDR in dieser Zeit. Wie haben Sie Bautzen erlebt?

Fricke: Ja, Bautzen II war seit August 1956 eine Sonderhaftanstalt unter besonderer Kontrolle der Staatssicherheit. Die Hauptabteilung IX hatte dort das Sagen und nicht das Innenministerium der DDR, das sonst dafür zuständig wäre. Und dort war ich dann vom ersten bis zum letzten Tage auf Weisung des Ministeriums für Staatssicherheit in Ostberlin in Einzelhaft und hatte also auch keinerlei Beschäftigung, weil man mich nicht mit anderen Gefangenen zusammenbringen lassen wollte. Und eine stumpfsinnige Arbeit in Einzelhaft habe ich umgekehrt verweigert. Das hat man sogar akzeptiert, im Gegenteil, man hat mir sogar Papier und Bleistift für Studienzwecke zur Verfügung gestellt und gesellschaftswissenschaftliche Literatur, wie man sagte. Also ich habe im Gefängnis Marx gelesen und Engels und Lenin, und unter den Bedingungen, unter denen ich das dann getan habe, war das für mich eine faszinierende Lektüre, denn ich begriff, wie so etwas geschieht. Also gerade das Verhältnis von Legalität und Illegalität in der Gewaltanwendung, das war, wenn man Lenins "Staat und Revolution" liest, wird einem das klar. Ja, so habe ich dann die Zeit bis zum 31. März 1959 zugebracht und bin dann legal entlassen. Ich bekam also einen Freifahrtschein nach Berlin und einen Entlassungsschein, auf dem übrigens folgender Hinweis stand: Der Inhaber dieses Scheines hat die DDR in der vorgeschriebenen Zeit auf dem vorgeschriebenen Wege zu verlassen. Na, das brauchte man mir nicht extra zu sagen. Ich bin dann über Dresden nach Berlin gefahren.

König: In diesem Jahr erinnern wir uns an den Fall der Mauer vor, von heute aus gesehen, knapp 20 Jahren. Wir haben inzwischen sehr verschiedene Sichtweisen erlebt im Umgang mit der DDR-Vergangenheit. Wir haben auf der einen Seite eine kontinuierliche Aufarbeitung der Stasiunterlagen erlebt, wir haben ostalgische Kinofilme gesehen, wir haben eine – ja, man muss es so nennen – nackte Verklärung erlebt, dass damals doch nun wirklich alles nicht so schlecht gewesen sei. Was ging Ihnen, mit Ihrer Geschichte im Kopf, was ging Ihnen, welche Gedanken hatten Sie so bei alledem?

Fricke: Ja, mich hat natürlich schon irritiert, dass seit einigen Jahren Altkader des SED-Regimes und speziell auch der Staatssicherheit den Versuch unternehmen, die Geschichte zu verklären, sie leugnen, was Realität war, wobei ich weit davon entfernt bin, nun alles, was in der DDR geschehen ist, unter dem Begriff Unrechtsstaat zu subsumieren. Es gab auch in der DDR sozusagen das richtige Leben im falschen System. Das muss man sehen, die Alltagsgeschichte darf nicht ausgeblendet werden. Aber zur Alltagsgeschichte gehört natürlich auch die Repression, die Geschichte der Opposition, und da ist meines Erachtens ein Defizit in der öffentlichen Wahrnehmung zu beklagen. Und deshalb bin ich also, wenn ich das so sagen darf, sehr froh, dass in der Stiftung Aufarbeitung zur Geschichte der SED-Diktatur die Arbeiten Enquête-Kommission des Bundestages fortgeführt werden. Und ich bin dankbar, dass ich noch in meinem Alter daran mitwirken kann.

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