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Religionen / Archiv | Beitrag vom 27.11.2010

"Dem Glauben an Gott einen schönen Auftritt verleihen"

Die Geschichte von "Gottes Häusern" im Buch

Von Adolf Stock

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Dom in Worms (Sabine Korsukéwitz)
Dom in Worms (Sabine Korsukéwitz)

Früher gingen die Menschen in Kirchen, um zu beten - heute kommen sie oft, um etwas zu lernen. Mit seinem Buch über "Gottes Häuser" versucht der Hamburger Theologe Johann Heinrich Claussen, zwischen Glauben und Wissen zu vermitteln.

Obwohl Johann Hinrich Claussen, Hauptpastor der Hamburger St. Nikolai-Kirche, soeben ein Buch mit dem Titel "Gottes Häuser" vorgelegt hat, räumt er gleich zu Beginn mit einem weit verbreiteten Irrtum auf. Nein, Gott braucht keine Wohnung, sein Geist weht, wo er will:

"Wir im alten Europa haben uns so an unsere großen Sakralbauten gewöhnt, dass wir uns gar nicht mehr vorstellen können, dass es einen christlichen Glauben ohne Kathedralen geben kann. Da muss man nur mal nach Afrika fahren oder nach Asien, wo eben die Gemeinden zusammenkommen in Privathäusern, in den alten Hauskirchen der Urchristen auch, auch in China oder im Wohlstands-Südostasien in Shopping Malls. Und all unser Gefühl, dass man dafür alte auratisch aufgeladene Kirchen braucht, haben die dort gar nicht."

Theologisch betrachtet sind Gotteshäuser gar nicht so wichtig. Im Gegenteil, prunkvolle Kathedralen können den Blick auf den wahren Glauben sogar trüben. Der Bau des gewaltigen Petersdoms war für Luther und seine Weggenossen einer der Gründe, sich wieder auf den wahren, ursprünglichen Glauben rückzubesinnen.

Johann Hinrich Claussen:
"Wenn man mal bei Luther nachguckt, der benutzt das Wort Nutzen ganz unkompliziert. Der Gottesdienst soll auch den Menschen nützen und natürlich müssen die Kirchen dann dem Gottesdienst nützen, sie sollen auch irgendwie funktionieren. Insofern sind sie Mittel zu einem bestimmten Zweck, aber dieser Zweck ist kein ökonomischer, kein bürokratischer, keiner der sich so einsinnig durchziehen lässt. Das Interessante ist ja auch gerade bei Kirchen, dass sie, auch wenn Zwecke veralten oder hinfällig werden, sie neue Zwecke für sich entdecken."

Dem katholischen Prunk und der Augenlust haben die Protestanten das Ohr als Medium für Gottes Wort entgegengesetzt. Die Predigt und der Gesang bestimmen die Liturgie, und die Kanzel rückt architektonisch in den Mittelpunkt.

Nicht nur der Baustil, auch die Größe der Kirchen sagt für Claussen einiges aus. Die urchristlichen Gemeinden hatten zunächst keine eigenen Gotteshäuser, erst seit dem 4. Jahrhundert wurden prächtige Kirchen gebaut:

"Solange das Christentum eine Minderheitenangelegenheit ist, braucht man das nicht, so sie dann aber Mehrheitsreligion wird oder gar Staatsreligion, greifen die Herrscher zu und bauen dann die entsprechenden Basiliken. Aber ich glaube, es gibt auch innere gute Gründe dafür, große Kirchen zu bauen, und das hat damit zu tun, dass der christliche Glaube, der christliche Gottesdienst am Ende auch eine öffentliche Angelegenheit ist. Und noch einen weiteren guten Grund gibt es, dass auch der christliche Glaube eine Gestalt braucht, die schön ist, also auch eine ästhetische Ausdrucksform braucht. Und die zeigt sich in der Liturgie, in den Gebeten und in den Gesängen, aber eben auch in den Räumen, in denen das stattfindet. Und das finde ich, ist schon eine wichtige und gute Aufgabe, dem Glauben an den Gott, der schön ist, auch einen schönen Auftritt zu verleihen."

Das Buch "Gottes Häuser" stellt in neun Kapiteln berühmte Andachtsorte vor und erzählt dabei zugleich die Geschichte des christlichen Kirchenbaus. Die Spannweite reicht von der Grabeskirche in Jerusalem über die frühen Basiliken, die Hagia Sophia, den römischen Petersdom bis hin zur Kathedrale von Brasilia, einem expressiven Betonbau, der einem bizarr geschnitzten Blütenkelch gleicht. 1970 wurde die Kathedrale geweiht. Der Architekt Oskar Niemeyer hat mit ihr ein kaum nachahmbares Unikat geschaffen. Exemplarisch ist nur der Beton, der zum Erkennungsmerkmal zeitgenössischer Kirchen wurde.

Claussen berichtet von christlichen und weltlichen Würdenträgern, die ganz besondere Gotteshäuser bauen ließen: weitläufige Hallenkirchen, gotische Kathedralen, deren Türme weit in den Himmel ragen, und prunkvolle Barockbauten mit vergoldeten Putten und Engeln als Ausdruck der Freude und Gottesfurcht.

In Byzanz, dem heutigen Istanbul, wurde im 6. Jahrhundert die Hagia Sophia zur Sensation. Der erhabene Kuppelbau trat mit einem völlig neuen Raumprogramm in Konkurrenz zur altrömischen Basilika, die bis dahin den Kirchen als Muster diente. Später nahmen Muslime die Hagia Sophia zum Vorbild für ihre Moscheen.

Claussens Buch verfolgt die Baugeschichte chronologisch, doch sein Text erzählt mehr. Im Laufe der Zeit gab es immer wieder radikale Momente der Rückbesinnung auf die Ursprünge des Glaubens: Altgläubige aus Böhmen, Protestanten und die Reformer der Zweiten Vatikanischen Konzils gingen diesen Weg:

"Dieser alte Widerspruch zwischen Priestern und Propheten, das ist ja schon im Alten Testament so angelegt, dass es die Tempel und die Priester gibt und dagegen protestieren die Propheten, gehen zurück zu ihren Privathäusern, zu ihren Hauskirchen, aber da können sie auch nicht ewig bleiben, sondern kommen dann langsam da wieder hinaus und bauen dann doch größere, größere Kirchen wieder, bis sie wieder von vorne anfangen."

Das Buch "Gottes Häuser" ist mehr als ein Kirchenführer, der sehr lesbare Text behandelt zugleich grundsätzliche Glaubensfragen, die an der Architektur der Kirchenbauten ablesbar sind. Ein Kapitel befasst sich mit der Einrichtung der Kirchen. Skizzen, Grundrisse und eine exzellente Bildauswahl machen das Buch zu einem sinnlichen Vergnügen, zumal ein gestrenger Zeigefinger zwischen den Buchdeckeln vollständig fehlt.

Johann Hinrich Claussen: Gottes Häuser oder Die Kunst, Kirchen zu bauen und zu verstehen. Vom frühen Christentum bis heute
C.H. Beck Verlag, München 2010
228 Seiten, 48 Abbildungen, 24,95 Euro

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