Dem Geheimnis des 68er-Vaters auf der Spur

Der Vater ist zen-buddhistisch abgeklärt - der Sohn möchte das auch sein. © AP
21.04.2010
Ein junger Mann um die Dreißig besucht in diesem Roman seinen Altachtundsechziger-Vater. Dieser, der seine Geliebten eher abschüttelt als pflegt, lebt sein Leben - und das beeindruckt den Sohn, der sich als verklemmt empfindet.
Björn Kern ist einer der wenigen jüngeren Autoren, die auf das Grelle und den allzu deutlichen Verweis auf einen Abgrund oder eine Untiefe verzichten. Der kurze, leichte Roman "Das erotische Talent meines Vaters" des schon vielfach preisgekrönten Autors ist ein rundherum sympathisches Buch. Es ist frei von Überhebung, frei von sprachlicher Gewagtheit, frei von hanebüchenen, extremen Gedanken – es ist also angenehm frei von Überspanntheit. Ernsthafte literarische Arbeit ohne allzu viel Obsession.

Ein junger Mann um die Dreißig besucht seinen Altachtundsechziger-Vater. Der Sohn ist nicht etwa Broker oder Jurist, sondern Krankenpfleger, also der neo-liberalen Perversionen zunächst unverdächtig. Aber er empfindet sich gegenüber seinem erotisch ausstrahlenden, gleichsam zen-buddhistisch abgeklärten Vater als eng und verklemmt. Er will dem Geheimnis seines Vaters auf die Spur kommen.

Dieser, der seine Geliebten eher abschüttelt als pflegt, "lebt sein Leben" – und das beeindruckt den Sohn. So ist es auch ein klein wenig verwunderlich, dass dieser Reflexionsprozess, oder besser gesagt Erfahrungsprozess, so spät erfolgt. Aber ansonsten ist in dieser Novelle alles psychologisch kohärent. Zum guten Ende bewahrt der Sohn sein Erbe und lässt es wachsen, ganz wie in der vielfältigen Tradition der Vater-Sohn-Erzählungen der Weltliteratur, in deren Resonanzraum sich der Autor mutig begibt.

Und man muss sagen, das ist unterhaltsam und elegant gelungen: Fundamentaler Houellebecq'scher Weltekel ist Kern fremd – der Ekel vor dem allzu Körperlichen ist bei ihm eher ein Durchgangsstadium. Die Achtundsechziger kommen sozusagen besser weg als im Durchschnitt der Gegenwartsliteratur der Jüngeren. Bemerkenswert ist die handwerkliche Zurückhaltung – es gelingen ihm sehr eindrückliche Sätze ohne Prätention. Eine angenehme Abwechslung in all der Achtundsechzigerzertrümmerungswut des Zeitgeistes.


Besprochen von Marius Meller

Björn Kern: Das erotische Talent meines Vaters. Roman.
Verlag C. H. Beck, München 2010. 189 Seiten, 18,95 Euro