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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 10.03.2009

Dem Bagger folgte der Biber

Die Revitalisierung der Haseauen im Emsland

Von Ita Niehaus

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Hase-Hochwasser 1998: Damwild steht auf einer überfluteten Wiese bei Haselünne im Emsland. (AP Archiv)
Hase-Hochwasser 1998: Damwild steht auf einer überfluteten Wiese bei Haselünne im Emsland. (AP Archiv)

In den 50er- und 60er-Jahren wurde die Hase im Emsland eingedeicht und begradigt. Streckenweise glich der Fluss einem Kanal. 1995 wurde mit der Renaturierung begonnen. Seitdem sind auch die alten Bewohner der Flußauenlandschaften zurückgekehrt: Biber, Eisvogel und Nerz.

Das Hasetal im Emsland. Langsam kommt es wieder zu sich.

Over: "Der Patient Hase ist auf dem Weg der Genesung, kann aufatmen. Die Hase kann in ihrem Bett wieder spielen und wir können zuversichtlich in die Zukunft blicken, dass sich da sehr viel Schönes entwickeln wird in der Natur."

Vor zehn Jahren war die Zukunft noch eine andere. Jutta Over vom Naturschutzbund Emsland erinnert sich.

Over: "Dem Patienten Hase drohte wirklich die Zwangsjacke."

Die Hase hat mehrere Quellen. Sie kommen am Rande des Teutoburger Waldes ans Tageslicht, unweit von Osnabrück. Die Hase ist kein berühmter Fluss, aber auf 168 Kilometer bringt sie es doch. In Meppen ist ihr Kilometerstein 168, dort mündet sie in die Ems.

Bevor die Hase in die Ems mündet, sucht sie sich ihren Weg entlang an Wiesen und Wäldern, Mooren und Heideflächen und gibt einem idyllischen Flecken ihren Namen: Hasetal. Dort lebt seit fünf Generationen die Landwirtsfamilie Schulte. Auf dem Hof in Haselünne-Lahre, der liegt direkt hinter dem Deich. Und seit 53 Jahren lebt Hermann Schulte auf dem Hof und an der Hase.

Schulte: "Hochwasser war Alltag. Da haben unsere Vorfahren auch mit gelebt. Diese alten Hasedörfer wie Lahre, Huden, da sind die absichtlich hingezogen, um diese Hochwasserflut zu nutzen als Dünger. Das waren sehr begehrte Bauernhöfe hier an der Hase oder an der Ems. Heute ist das eher ein Nachteil."

Häufig machte das Hochwasser am Dorfrand halt, zog sich langsam wieder zurück. Häufig, aber nicht immer. Der 30. Oktober 1998 war so ein Nicht-immer-Tag.

Schulte: "Da haben wir abends schon die ersten Tiere evakuiert. Diese Situation konnte sich mein Vater damals gar nicht vorstellen, sagt, das habe ich noch nicht erlebt. Und ich habe es auch nicht erlebt, dass mein Vater davon erzählt hat, dass wir so ein starkes Hochwasser haben."

Immer und wieder hat der Mensch eingegriffen, die Hase reguliert, um sich vor Hochwasser zu schützen. Im 20. Jahrhundert gab er einige Millionen Mark für den Ausbau der Hase aus. Vor allem in den 50er- und 60er-Jahren wurde der Fluss eingedeicht und begradigt, wurden Flussschleifen abgetrennt. Streckenweise glich die Hase einem Kanal. Und einem Abfluss. Intensive Landwirtschaft und Abwässer führten zu einer immer stärkeren Verschmutzung. Flora und Fauna konnten nicht lange gegenhalten, ihre Vielfalt verschwand nach und nach.

Stopp. Umkehr. Langsam, aber hartnäckig machte diese Erkenntnis die Runde. Zahlreiche Revitalisierungsprojekte wurden entlang der Hase angelegt. 1995 schließlich begannen die Planungen für eine der größten Umweltschutz- und Renaturierungsmaßnahmen bundesweit: das Erprobungs- und Entwicklungsvorhaben Hasetal zwischen Haselünne und Meppen. Ludger Pott, Leiter des Kreisamtes für Naturschutz in Meppen, leitete das Projekt der Besinnung, der Umkehr.

Pott: "Wir wollten nur die Initialzündung geben und dann beobachten, was die Natur aus dieser ganzen Landschaft hier macht und möglichst wenig selbst eingreifen."

Es war eine ziemlich heftige Initialzündung. Zeitweilig ähnelte die Flusslandschaft einer riesigen Baustelle.

Naturschutz mit dem Bagger? Der Mensch, der Verursacher, greift ein, beseitigt die Fehler, die er der Hase und der Landschaft zuvor aufgedrückt hatte. Zwei Altarme der Hase wurden wieder angeschlossen, der Flusslauf verlängerte sich so um fast anderthalb Kilometer.

Knapp 17 Kilometer Deiche wurden wieder abgetragen. Dafür wurden landeinwärts sieben Deich-Kilometer neu aufgeschüttet, um die Dörfer vor Hochwasser zu schützen. 300.000 Kubikmeter Erde mussten bewegt werden.

Pott: "Es sind Flussbegradigungen durchgeführt worden nicht mit der Schaufel, sondern mit riesengroßen Gerätschaften. Wer so etwas wieder verändern will, der muss die gleichen Maßstäbe ansetzen, um sie dann sich selbst zu überlassen, diese Natur."

Der Weg dahin war länger als die abgetragenen Deiche. Jahrelanges Tauziehen, Widerstände von mehreren Seiten und die Angst, dass mehr Naturschutz weniger Sicherheit vor Hochwasser bedeutet.

Schulte: "Pure Skepsis, muss man ganz ehrlich sagen."

Landwirt Hermann Schulte dachte damals wie viele – skeptisch. Doch größer noch als die Skepsis waren die unterschiedlichen Interessen. Naturschutz, Tourismus, diverse Ämter, die Landwirte – alle hatten ihre Interessen. Und die waren schwerer zu überbrücken als es die Hase ist. Also wurde ein "Runder Tisch" gegründet. Schließlich sollten alle Betroffenen, ob Landwirt oder Bootsverleiher, dieses Projekt freiwillig mittragen. Aus Betroffenen sollten Beteiligte werden.

Schulte: "Das war das Ausschlaggebende. Es bestand kein Zwang da. Jeder, der nicht davon überzeugt war, der konnte also sagen, nein, ich will meine Flächen behalten so wie sie sind. "

Also machte auch Hermann Schulte mit. Der Landwirt tauschte seine Acker an der Hase und sattelte um: Schweinezucht und Hähnchenmast ade, willkommen sanfter Tourismus. Und so betreiben nun Herr und Frau Schulte seit einigen Jahren ein Hofcafe. Der mal Bauer war, vermietet nun Ferienwohnungen und bietet Biberführungen an.

Inzwischen haben etwa 80 Landwirte ihre Flächen an der Hase getauscht oder verkauft. Der Fluss erhielt so seine natürlichen Überschwemmungsgebiete zurück, die Bauern erhielten Zukunft. Ein hartes Stück Arbeit. Projektleiter Ludger Pott weiß es am Besten.

Pott: ""Alle sind zufrieden. Die Landwirtschaft hat freiwillig Flächen abgegeben, der Tourismus hat sich freiwillig dem Naturschutz untergeordnet - und das ist der große Gewinn, den wir bei diesem Projekt auch erzielt haben, dass wir zeigen, dass das Prinzip der Freiwilligkeit das Erfolgversprechendste ist."

Unberechenbar, weil nicht auflistbar, sind die Summen, die der Eingriff des Menschen in die Natur kostete. Sagbar ist nur, es sind Unsummen. Die Korrektur menschlicher Eingriffe in die Landschaft kostet wieder Geld, viel Geld. Ein Exempel: Allein rund 500.000 Euro kostete es, einen Altarm der Hase wieder dem Fluss anzuschließen. Das ist sehr viel mehr, als ihn abzutrennen. Rund zehn Millionen Euro insgesamt kostete das Erprobungs- und Entwicklungsvorhaben Hasetal. Zwei Drittel des Geldes steuert der Bund bei, den Rest teilen sich der Landkreis Emsland, das Land Niedersachsen und die Europäische Union. Mit dem größten Teil des Geldes wurden 450 Hektar hochwasser- gefährdete Wiesen und Acker an der Hase aufgekauft.

Die Winter an der Hase kamen und gingen. Projektleiter Ludger Pott und Professor Rüdiger Schröpfer, Biologe an der Universität Osnabrück, ebenfalls. Nun ist er wieder auf Exkursion an der Hase. Früher guckten sie hier gegen Deiche und Hybridpappeln. Heute öffnet sich ein weiter Blick auf eine naturnahe Flussaue. Feuchtwiesen und Hartholzauewald, Eschen, Ahornbäume und Eichen.

Auf dem Aussichtsturm geht der Blick noch weiter, ermöglicht einen Überblick. Rüdiger Schröpfer, der die wissenschaftliche Begleitforschung des Projekts leitete, und Ludger Pott wollen ihn sich verschaffen vom Aussichtsturm auf das ehemalige Projektgebiet.

Pott: "Wir haben an der Hase Uferabbrüche, wir kriegen immer mehr Gewässerdynamik in diese Bereich hinein, also Entwicklung in Richtung Auewaldgesellschaften über verschiedene Röhrichtstadien, die nimmt hier ihren Lauf und ich glaube, damit haben wir einen recht großen Wurf getan."

Schröpfer: "Die Initialphase ist sehr gut verlaufen, das heißt, die Hase ist relativ gesund. Wir sind noch auf dem Weg dieser Revitalisierung. Und in 50 Jahren wird man sehen, wie es weiter gegangen ist und vor allem, wie die Anwohner damit fertig geworden sind, inwieweit sie das immer noch akzeptieren. Denn es finden laufend Veränderungen statt."

Auch ohne den Menschen, wenn er die Natur also sich selbst überlässt. Die Hase kann nun wieder fließen, so wie sie will – ganz gemächlich. Noch langsamer als vor Beginn ihrer Renaturierung im Hasetal. Und sie darf ihr Flussbett auch verlassen, über die Ufer treten. Der unregelmäßige Wechsel zwischen niedrigerem und höherem Wasserstand ist wieder typisch für diese Auelandschaft.

Schröpfer: "Für den Menschen ist Dynamik furchtbar. Und in der Auenlandschaft passiert vieles Unerwartete. Man kann es modellartig voraus sehen, und ich glaube, wir müssen uns erst, gerade wenn solche Landschaften geschützt werden, daran gewöhnen, dass es in dem einem Jahr so aussieht und in dem anderen, nach dem Winterhochwasser, wieder anders ausschaut, je nachdem wie die Wasserstände sind. Für uns überraschend, aber die Tierwelt wird damit fertig."

Das war einmal. Fast 40 Jahre war der Altarm Lahre abgetrennt. 1999 wird er als erster Altarm im Hasetal wieder angeschlossen.

In zehn Jahren ist aus einem stehenden Gewässer ein fließendes geworden, wieder ein fließendes geworden. Die Wasserqualität hat sich deutlich verbessert. Und für Tiere und Pflanzen sind neue Lebensräume entstanden, also eigentlich alte, aber manchmal eben auch neue.

Pott: "Das heißt, wir haben ganz andere Pflanzen im Gewässer, nämlich die Flusspflanzen und nicht mehr die eines Teiches, hier haben sich Weidensäume gebildet, Sandbänke, und jetzt durch die Kraft des Wassers werden Ufer unterhöhlt, diese brechen letztendlich ab und bieten dann den Eisvögeln, Uferschwalben und Bibern entsprechenden Lebensraum – das war früher nicht der Fall."

Nun, mit etwas Geduld kann man auch den scheuen Biber beobachten. Besonders groß sind die Chancen in der Dämmerung. 70 Biber haben sich mittlerweile im Projektgebiet angesiedelt. In Ufernähe findet man überall Spuren des zweitgrößten Nagers der Welt, der auch "Landschaftsarchitekt" ist. Biberdämme, Bissspuren an gefällten Bäumen, abgenagte Weidenrinde.

Schröpfer: "Man bleibt immer in Wassernähe, um schnell flüchten zu können, untertauchen zu können, Und wenn man diese Biberzahnfurchen sieht, dann kann man daran erkennen, dass sie vom Biber abgenagt sind."

Und Jutta Over vom Naturschutzbund Emsland freut sich besonders darüber, dass der Eisvogel wieder heimisch geworden ist – ein wichtiger Indikator dafür, dass die Renaturierung gelungen ist.

Natur ist keine problemfreie Zone. Aber es sind andere Probleme. Manchmal gibt es Konflikte, wenn der Biber mal wieder einen Damm baut, wo er es eigentlich nicht sollte. Er kann’s nicht anders, und der Mensch …? Dennoch wird die Revitalisierung der Hase von den Anwohnern akzeptiert. Es wurde sogar ein Verein gegründet, der die Haseauen so weit wie möglich revitalisieren lassen möchte. Von der Quelle bis zur Mündung.

Over: "Wenn man über die Biber erzählt, dann kommen ganz schnell eigene Beobachtungen. Ich habe neulich einen Eisvogel gesehen oder die Leute rufen uns an, erzählen uns, dass sie hier rastende Schwäne gesehen haben. Und so kriegen diese Einzelbeobachtungen einen gemeinsamen Nenner. Die Hase steht für Naturschutz und da passieren interessante Dinge."

Schulte: "Der Silberreiher … oder ist das ... Ja ... Das fällt einem so auf, weil der jetzt wieder da ist seit zwei Jahren. Das ist immer noch eine Augenweide, wenn er so schön weich dahin gleitet."

Ex-Landwirt und Jetzt-Biberführer Hermann Schulte freut sich – nicht nur, weil er mal wieder einen Silberreiher oder Biber sieht. Sein Hofcafe läuft gut, seine Ferienwohnungen sind oft vermietet.

Schulte: "Bis jetzt ist uns das geglückt, dass war doch wohl der richtige Schritt."

Tourismus ist im Hasetal inzwischen ein Wirtschaftsfaktor, ein gewichtiger zumal. Dennoch gibt es immer wieder mal Rangeleien zwischen Naturschutz und Tourismus. Immer mehr Touristen wollen das Hasetal entdecken - zu Fuß, mit dem Fahrrad oder, besonders gerne, mit dem Kanu. Der "Ballermann auf der Hase" erregte die Gemüter. Am runden Tisch trafen sie sich und lösten das Problem.

Pott: "Wir mussten etwas experimentieren, durften es 330 oder 450 Boote sein auf der Hase, wir haben ein gutes Mittelmaß bei 380 gefunden und das funktioniert ganz gut."

"Die Leute gehen schon in die sensiblen Bereiche rein und stören da zum Beispiel den Eisvogel bei seiner Brut oder stören den Haubentaucher, wenn sie mit den Kanus in die Altarme fahren – von daher ist das nach wie vor kritisch zu sehen und wir werden das auch weiter beobachten."

Nur wenige Spaziergänger sind an diesem Wintermorgen unterwegs. Inez Krüger-Mazur findet gerade diese ruhige Jahreszeit besonders reizvoll.

Die Hase kommt wieder zur Ruhe. Um ein Renaturierungsprojekt dieser Größe erfolgreich umzusetzen, braucht man Zeit, viel Zeit, Geld, viel Geld. Und vor allem jene, die mitmachen. Das wurde erreicht, das "Prinzip der Freiwilligkeit" half. Und auch deshalb hat die Revitalisierung der Haseauen schon Signalwirkung für andere Projekte gehabt – zum Beispiel an der Unterems.

Over: "Ne Vision wäre schon, dass der Fluss wieder mäandert und neue Seitenarme bildet."

Pott: "An vielen Stellen innerhalb der Aue der Hase werden einzelne Projekte der Hase realisiert, die jetzt nach und nach langsam zusammenwachsen und irgendwann wird es ein geschlossenes Band werden, was heute noch eine Kette von verschiedenen Perlen ist."

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