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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 10.06.2016

Debatte um VergütungWenig Fairness im Umgang mit Autoren

Von Henry Steinhau

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Verlagsstand auf der Frankfurter Buchmesse (dpa / picture alliance / Boris Roessler)
Wer verdient wie viel an Büchern und Buchkopien? - Streitthema zwischen Autoren und Verlagen (dpa / picture alliance / Boris Roessler)

Der Bundesgerichtshof hat Verlagen den Griff nach der Urhebervergütung versagt. Dies sollten die Verleger akzeptieren, meint Henry Steinhau, und ihre Autoren endlich wieder vertraglich fair behandeln.

Veröffentlichte Texte sind - wie Lieder oder Filme "urheberrechtlich" geschützte Werke. Doch das Gesetz erlaubt es, sie für private Zwecke zu kopieren. Dafür aber ist der Urheber zu "entschädigen".

Konkret bedeutet das: Im Kaufpreis jedes Druckers und Computers, jedes mobilen Telefons und USB-Sticks ist eine Abgabe enthalten. Manchmal nur ein paar Cent, manchmal ein paar Euro. Auch Bibliotheken, Radio- und Fernsehsender entrichten entsprechende Abgaben. Und Copyshops zahlen kleinste Anteile an ihren Kopierumsätzen.

Diese Vergütungen landen zunächst bei sogenannten Verwertungsgesellschaften. Sie fungieren als Treuhänderinnen. Allein die Verwertungsgesellschaft Wort nahm letztes Jahr 300 Millionen Euro ein. Diese Einnahmen verteilt sie weiter an Autorinnen, Journalisten, Übersetzerinnen und Drehbuchschreiber.

Autoren und Verlage streiten um Rückzahlung an VG Wort

Allerdings, und jetzt kommt der Knackpunkt, erhalten auch die Verlage einen Teil der jährlichen Ausschüttung. Und das schon seit Jahrzehnten. Diese Praxis jedoch, so urteilte der Bundesgerichtshof in Karlsruhe, ist nicht mit dem Gesetz vereinbar und deshalb unwirksam. Deshalb muss die VG Wort jetzt von den Verlagen mindestens 500 Millionen Euro zurückfordern – im Namen der Urheber.

Dass gefällt den Autoren und den Verlagen nicht. Also streiten sie weiter um das Geld – und beweisen, dass ihr Verhältnis schon länger gestört ist.

Die meisten Verlage verlangten ihren Autoren lange Zeit viele Entbehrungen ab. Honorare wurden nicht erhöht, dafür unter den ausgehandelten Vergütungssätzen entlohnt, und Aufträge zurückgezogen, ohne bereits geleistete Arbeit zu entschädigen. Ferner sicherten sich die Verleger einzelvertraglich mehr und mehr Verwertungsrechte.

Internet ruinierte das Verhältnis der Buchpartner

Die Kreativen fühlten sich von ihren Geschäftspartnern ausgenutzt und unter Druck gesetzt, weil es ihnen wirtschaftlich immer schlechter ging. Erst recht jetzt, wo sich gerade die Buchverlage freundlich bei ihnen einzuhaken suchen, um eben jene Rückzahlungen zu verhindern. Zwischen ihnen und den Autoren habe es doch stets ein symbiotisches Verhältnis gegeben, stets Einvernehmen in den Gremien der Verwertungsgesellschaften, heißt es.

Nur ist das mit diesen "einvernehmlichen Handlungen" mitunter so eine Sache. Die mag es ja gegeben haben - in den 70ern und 80ern und 90er-Jahren, den besseren Zeiten für Autoren. Als aber das Internet kam, wirbelte es eben auch die Welt der Autoren, Texte und Verlage durcheinander. Die Zeiten änderten sich wirtschaftlich für allen Beteiligten.

Nun aber sollten die Verlage nicht weiter machen wie bisher. Derzeit wünschen sie sich vom Bundestag, er möge das ungeliebte Urteil des Bundesgerichtshofes ungeschehen machen und legalisieren, dass sie künftig an den Ausschüttungen der Verwertungsgesellschaft beteiligt werden.

Verlage brauchen Geschäftsmodelle, nicht Ruin der Schreiber

Besser wäre es, die Verleger würden den Richterspruch respektieren und bereit sein, das Vertrauen ihrer enttäuschten Text-Lieferanten zurückzugewinnen. Wie wäre es, wenn sie den Autorinnen und Autoren faire Verträge vorlegten und sie angemessen bezahlten; ihnen nicht alle Verwertungsrechte auf einmal abluchsten, sie stattdessen hinreichend darüber informierten, was sie mit fremden Inhalten so erwirtschaften?

Verlage sollten ihre Kräfte darauf verwenden, tragfähige Geschäftsmodelle zu entwickeln. Und zwar solche, die nicht darauf angewiesen sind, den Autoren eine Beteiligung an Vergütungen abzuringen.

Dann klappt es vielleicht auch wieder mit dem symbiotischen Verhältnis.

Henry Steinhau (privat)Henry Steinhau (privat)Henry Steinhau, arbeitet als freier Medienkultur-Journalist und Autor in Berlin, dort auch als freier Redakteur bei iRights.info und mobilsicher.de. Daneben ist er als Vortragsreferent sowie als Lehrbeauftragter an Hochschulen tätig. Er gehört zum ehrenamtlich arbeitenden Vorstand des Freischreiber e.V., Berufsverband freier Journalistinnen und Journalisten. Web: hest.de, Twitter: @steinhau

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