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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.02.2010

Debatte um Filmemacher Roman Polanski

Die veränderte Sicht in den USA auf das Verbrechen

Von Kerstin Zilm

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Roman Polanski vor einem Filmplakat von "Oliver Twist" (AP)
Roman Polanski vor einem Filmplakat von "Oliver Twist" (AP)

Wenn Roman Polanski sich vor einem Gericht in Los Angeles erneut wegen Sex mit einer Minderjährigen verantworten muss, kehrt er in ein Land zurück, das sich, was den Umgang mit Sexualstraftätern angeht, seit dem Datum der Tat entscheidend verändert hat. Heute würde ein Straftäter, dessen Opfer so deutliche Aussagen vor Gericht macht, ziemlich sicher nicht ohne harte Strafe davonkommen. Stimmung, Medienberichterstattung und Strafrecht haben sich seit den 70er-Jahren gewandelt.

Dass sich Hollywood-Stars für die Freisprechung Roman Polanskis aussprechen, hat nicht nur positive Effekte auf das Meinungsbild in den USA. In manchen Teilen der Bevölkerung stärkt es vielmehr die Überzeugung, dass die Filmschaffenden in einer Welt weit entfernt von Realität und Werten der Durchschnittsbürger leben. Matthew Dowd, republikanischer Parteistratege in einem ABC-Interview:

"Für mich spiegelt die Sache eine Mehrheit von Hollywood wider, die denkt, dass Menschen, die zu ihrer Clique gehören, in ihrer Kultur erfolgreich sind, außerhalb des Rechts stehen. Sie würden nicht so reden, ginge es um irgendjemanden vom Land in Alabama oder Mississippi. Es spricht für sich, dass sie fordern, jemanden, der so abscheuliche Verbrechen begangen hat, nicht dafür zur Verantwortung zu ziehen."

Noch ist das Thema kein Aufmacher auf den Titelseiten, doch die Los Angeles Times zitierte bereits in mehreren Artikeln ausführlich aus den Gerichtsprotokollen. Die damals 13-jährige Samantha Gailey beschreibt in ihrer Aussage über die Begegnung mit dem 30 Jahre älteren Polanski auf Nachfragen der Protokollanten in teilweise schwer zu ertragendem Detail, wie der Regisseur sie in Whirlpool und Bett bedrängt habe und gegen ihren Willen mehrfach Sex mit ihr gehabt habe. Diese Informationen brachten nicht nur den links-gerichteten Talkshow-Moderator Bill Maher in Rage:

"Ich verstehe das überhaupt nicht. Harvey Weinstein, Woody Allen - Filmemacher, deren Arbeit ich bewundere, sagen: "Ach komm, das ist 32 Jahre her!” Ich meine, er gab einer 13-jährigen Tabletten und hatte Analsex mit ihr! Das ist niemals akzeptabel. Egal wie lang es her ist!"

Selbst die üblicherweise besonnen argumentierende politische Kommentatorin Cokie Roberts verlor beim Thema Polanski die Contenance:

"Roman Polanski ist ein Verbrecher. Er hat ein Kind vergewaltigt und ihm Drogen gegeben, dann ist er geflüchtet, bevor er verurteilt wurde. Wenn es nach mir ginge, würde er gefasst und erschossen!"

Seit Ende der 70er-Jahre hat sich die Einstellung der US-Gesellschaft zu Sex mit Minderjährigen deutlich verändert. Heute wird mehr über das Thema gesprochen als vor 30 Jahren - zum Beispiel in Klassenzimmern oder vor Millionen Zuschauern der Oprah-Winfrey-Show. Gleichzeitig wird Sex mit Minderjährigen als größeres Problem gesehen und schärfer verurteilt. Haftstrafen für Sexualstraftaten sind heute im Durchschnitt mindestens viermal so lang wie 1978, als Polanski vor der gerichtlichen Verfolgung ins Ausland floh. Es wäre heute höchst unwahrscheinlich, dass in einem ähnlichen Fall die Staatsanwaltschaft alle Klagepunkte wegen gewalttätiger Handlungen fallen ließe. Das ergab eine Studie der "Los Angeles Times".

Auch die öffentliche Meinung hat sich seit der Tatzeit deutlich verändert. Soziologieprofessorin Karen Sternheimer von der University of Southern California beschreibt das als Gegenreaktion des Amerikas der Reagan-Ära auf die freizügigen Hippiezeiten. Aus ihrer Sicht hat die Unterstützung der Filmschaffenden für Roman Polanski positive und negative Auswirkungen:

"Einerseits entfernt es den Normalbürger weiter von Hollywood. Andererseits schadet es nie, einflussreiche Leute auf deiner Seite zu haben. Besonders solche mit Geld, die deine Geschichte schönreden. Die meisten, die wegen eines Sexualverbrechens gegen ein Kind angeklagt sind, können nur davon träumen, dass sich mächtige Menschen für sie einsetzen."

In den vergangenen 32 Jahren hat sich auch der Medienmarkt drastisch verändert. Sollte Roman Polanksi an die USA ausgeliefert werden, erwarten ihn rund um die Uhr Berichterstattung von Kabelfernsehen und Bloggern. Paparazzi werden ihm am Flughafen, vor Gericht, Hotels und Restaurants auflauern und ihn gnadenlos verfolgen.

Roman Polanski hat aus Sicht von Soziologieprofessorin Karen Sternheimer im Vergleich zu anderen Sexualstraftätern bisher Glück gehabt: weil er fliehen und seine Karriere in dem von ihm gewählten Beruf fortsetzen konnte. Bis ihn die Geschichte einholte.

"Jetzt wäre die Öffentlichkeit komplett von einem Prozess eingenommen. Nicht nur weil die Neuen Medien aus einem Sex-Skandal soviel Kapital wie möglich schlagen. Die Empörung über die Tat wäre wahrscheinlich auch viel größer."

Roman Polanski wäre vermutlich besser beraten gewesen, sich vor 32 Jahren dem Gericht und der Öffentlichkeit in den USA zu stellen.

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