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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 01.09.2020

Debatte um Cancel CultureDie ängstlichen Intellektuellen

Beobachtungen von Milosz Matuschek

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Eine Illustration zeigt Mikrofone und die Ausrufe "Yes!", "Wow!" und "No!". (imago images / Panthermedia / studiostoks)
Was geht in der Debatte? Milosz Matuschek freut sich über neue Außenseiter-Intellektuelle mit nachlässigem Habitus und provokanten Themen. (imago images / Panthermedia / studiostoks)

Wer im öffentlichen Diskurs zu grell erscheint, droht Opfer der "Cancel Culture" zu werden, beobachtet Milosz Matuschek. Viele Intellektuelle könnten dem nichts entgegensetzen, meint der Journalist. Er sieht aber auch eine neue Lust am wilden Denken.

Der Intellektuelle ist tot. Der Corona-Sommer 2020 hat ihn dahingerafft. Das zumindest schreibt vor Kurzem der Literaturwissenschaftler und Professor an der Universität Stanford, Hans Ulrich Gumbrecht in einem viel beachteten Beitrag für die "Neue Zürcher Zeitung".

Seine These: Intellektuelle machen gerade eine erbärmliche Figur, schaffen sich selbst ab. Während die Menschen nach Reflexion und Orientierung dürsten, lassen staatsbesoldete Langweiler sie am langen Arm verhungern. Sie beten die harmonische Mehrheitsmeinung nach, loben die Regierung, bilden letztlich eine eigene Kirche nicht denkender Konformisten.

Gumbrecht hat mit seiner Kritik sicher einerseits sehr recht, andererseits aber ebenso kolossal unrecht.

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Der wilde Intellektuelle, der ursprünglich "philosophe" genannt wurde und sich auf Diogenes oder die Figur "Rameaus Neffe" von Diderot stützt, ist in der Tat selten geworden, ausgehungert und verdrängt durch die invasive Art der "akademisch-medialen Experten".

Ein Fehltritt und der kühne Denker ist Geschichte

Das gilt umso mehr, als der öffentliche Raum von aktivistischen Gruppierungen mit Tretminen gepflastert wurde. Ein Fehltritt und der kühne Denker ist Geschichte. In dieser Tugend-Olympiade gewinnt am Ende der Langweiligste. Wer es mit dem Denken ernst meint, festgefahrene Denkmuster aufbricht, agiert dagegen wie ein Lebensmüder.

Es ist leicht geworden, Intellektuelle, Künstler, Kabarettisten, Schriftsteller, ja jede öffentliche Person zu stigmatisieren und damit sozusagen im öffentlichen Raum unsichtbar zu machen, sie zu "canceln". Dieter Nuhr und Lisa Eckhart sind nur die Spitze des Eisberges einer aktuell besonders freidrehenden Lösch-, Verhinderungs- und Absagekultur beziehungsweise "Cancel Culture".

Was Gumbrecht jedoch übersieht: Längst ist ein "Strukturwandel der Öffentlichkeit" im Gange, welcher der Figur des Intellektuellen zu ungeahnter Blüte verhilft. Es sind ja längst nicht mehr unbedingt die Zeitungsrezensenten, die öffentlich-rechtlichen Gatekeeper oder die "Tour de Talkshow", welche neue Denker im öffentlichen Raum erschaffen. Die Bücher eines Nassehi, Hübl, Reckwitz oder einer Margarete Stokowski, sie lesen sich ohnehin, als sollten sie eher dem Lektor und Kollegen gefallen, als dem Publikum.

Von unten nach oben gearbeitet

Der Intellektuelle von heute wird nicht "top down" geboren. Er arbeitet sich von unten nach oben hoch. Und ist damit genau dort, wo er vor 250 Jahren angefangen hat, als Pamphlete-Schreiber, Bohemien, einsamer Rufer auf dem Marktplatz der Öffentlichkeit. Nur eben heute mit eigenem YouTube-Channel, Blog und Twitter-Account.

In Deutschland ist zum Beispiel der Philosoph Gunnar Kaiser ein Star dieser neuen Intellektuellen-Szene. Das Ende des Intellektuellen à la Gumbrecht ist in Wirklichkeit eine neue Geburtsstunde.

In den USA haben sich die Außenseiter-Intellektuellen, die kritisch zu Themen des Mainstreams wie "Identitätspolitik", "Political Correctness" und "Cancel Culture" stehen, schon vor Jahren zu einem "Intellectual Dark Web" zusammengeschlossen, einem höchst erfolgreichen losen Verbund von Denkern mit eigenen Medienkanälen.

Jordan Peterson, ein kanadischer Psychologe und Vorkämpfer gegen Political Correctness und Denkverbote, wurde über freie Medienkanäle zeitweise der wirkmächtigste Intellektuelle des Westens.

Ein Hauch von Haschisch in der Luft

Joe Rogan erreicht mit seinem Youtube-Kanal gut und gerne an die 20 Millionen Menschen und das in mehrstündigen Gesprächen. Er moderiert im T-Shirt, raucht dabei Joints, brachte sogar den Tesla-Gründer Elon Musk dazu, einen Zug zu nehmen.

Auch hier Parallelen zu früher: nachlässiger Habitus, provokante Themen, ein Hauch von Haschisch in der Luft, wie zu Balzacs Zeiten. Die neuen Intellektuellen des "Intellectual Dark Web" sind die "nouveaux philosophes" einer neuen medialen Ära und nah an ihren Vorbildern aus der Zeit der Aufklärung dran.

Der Kulturbetrieb heutigen Zuschnitts steht damit vor einem massiven Paradigmenwechsel. Denn erstmals verfügen die Philosophen der Gegenkultur über gleichwertige Produktionsmittel. Frei nach Marx: jeder ein Händler des freien Wortes, jeder ein eigener Kanal. Und sie zeigen damit:

Die Lust am wilden Denken, an überraschenden Einsichten und am Prozess der Urteilsfindung ist groß wie nie. Nicht die Nachfrage danach fehlte. Sondern das Angebot. Und das ist jetzt da. Und wird auch zu uns kommen.

Porträt von Milosz Matuscheck in einem Uni-Hörsaal. (Bild: Enno Kapitza)Milosz Matuschek (Bild: Enno Kapitza)Milosz Matuschek ist stellvertretender Chefredakteur des liberalen Magazins "Schweizer Monat" sowie NZZ-Kolumnist. Zuletzt veröffentlichte er die Bücher "Kryptopia" und "Generation Chillstand". Er ist Mit-Organisator eines Appells gegen "Cancel Culture" und für freie Debattenräume, der in wenigen Tagen Tausende Unterstützer gefunden hat, u. a. Götz Aly, Necla Kelek, Harald Martenstein, Vince Ebert und Günter Wallraff.

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