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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 10.10.2015

Debatte über EinwanderungWie wird die Fremde zum Zuhause?

Farhad Dilmaghani und Alina Bronsky im Gespräch mit Matthias Hanselmann

Kleiderhaken mit Namen von Kindern in einer Kita in Berlin. (picture alliance / dpa / Volkmar Heinz)
Migration? In dieser Kita in Berlin ist das ganz normaler Teil der Realität. (picture alliance / dpa / Volkmar Heinz)

Das Einwanderungsland Deutschland zu einer Einwanderungsgesellschaft zu machen, das hat sich "DeutschPlus"-Gründer Farhad Dilmaghani vorgenommen. "Ich bin auch ein Teil von Deutschland", sagt die Autorin Alina Bronsky. "Im Gespräch" erzählen sie, wie die Fremde zum Zuhause wird.

Nie zuvor waren weltweit so viele Menschen auf der Flucht. Für die Aufnahmeländer ist dies zum einen eine große Herausforderung, es kann aber auch eine Chance sein – für beide Seiten. In der  Reihe "Neues Zuhause. Geschichten vom Ankommen" stellt Deutschlandradio Kultur noch bis zum 12. Oktober Menschen vor, die einst ihre Heimat verlassen mussten und längst Deutschlands Gesicht mitprägen. Bereits jetzt leben hier mehr als 16 Millionen Menschen, die selbst aus einem anderen Land kommen, oder deren Eltern oder Großeltern eingewandert sind - rund ein Drittel von ihnen kam hier zur Welt.

Wie aber wird die Fremde zum Zuhause?

Farhad Dilmaghani, Vorsitzender von "DeutschPlus – Initiative für eine plurale Republik" (Privat)Farhad Dilmaghani, Vorsitzender von "DeutschPlus – Initiative für eine plurale Republik" (Privat)

"Wir wollen, dass dieses Einwanderungsland zu einer Einwanderungsgesellschaft wird", sagt Farhad Dilmaghani, Gründer des interkulturellen Netzwerks "DeutschPlus – Initiative für eine plurale Republik". Seine Großeltern flohen in den 50er-Jahren aus dem Iran nach Deutschland; 1971 geboren gehört er zur nunmehr dritten Einwandergeneration und hat in Deutschland Karriere gemacht. Unter anderem war er Staatssekretär für Arbeit und Integration im Berliner Senat und Referent für Grundsatzfragen im Bundeskanzleramt. Dennoch muss er sich bis heute Fragen gefallen lassen wie: "Wie ist das bei euch im Iran?". Die Unterscheidung zwischen "richtigen Deutschen" und anderen müsse endlich aufhören.

"Auch wir sind das Volk, wir sind da, wir sind deutsch und wir wollen mitentscheiden."

Auch ihn beschäftigt die aktuelle Flüchtlingsfrage:

"Das Wichtigste ist, dass sie so früh wie möglich mit den Menschen arbeite, dass sie Zugang zur Gesellschaft bekommen. Integrationskurse sind gut, aber nur die halbe Miete. Darüber hinaus muss es eine berufliche Qualifikation geben, man muss etwas gegen die relative Netzwerkarmut tun, wie sie bei meinen Eltern gewesen ist. Und dafür muss man Ressourcen zur Verfügung stellen: Wohnungen, Arbeit, Gesundheitsversorgung. Eine wichtige Frage ist, dass die Leute auch gleichberechtigt behandelt werden – und das ist ein langer Prozess."

Die Schriftstellerin Alina Bronsky, aufgenommen 2014 auf der Buchmesse Frankfurt (picture alliance / dpa / Susannah V. Vergau)Die Schriftstellerin Alina Bronsky, aufgenommen 2014 auf der Buchmesse Frankfurt (picture alliance / dpa / Susannah V. Vergau)

"Ich habe mich lange Zeit gewunden und musste stocken, wenn ich sagte: 'Ja, ich bin Deutsche'",sagt die Schriftstellerin Alina Bronsky."Aber dieses Bewusstsein wächst, zu sagen: 'Ich bin auch ein Teil von Deutschland'.Die Autorin kam Anfang der 90er-Jahre im Alter von zwölf Jahren mit ihrer Familie aus der zerfallenden Sowjetunion nach Deutschland. Der Vater – ein Physiker jüdischer Abstammung – folgte einer Einladung, so konnte die Familie ausreisen. Sie erinnert sich noch gut an die erste Schulzeit in Darmstadt:

"Ich konnte nichts sagen und nichts verstehen. Und ich ging dort in eine ganz normale Klasse, als einzige Ausländerin. Heute in Berlin lache ich mich kaputt, das ist hier alles so normal – dort war es nicht so."

Bekannt wurde Alina Bronsky 2008 durch ihren Debütroman "Scherbenpark". Darin erzählt die Autorin von der 17-jährigen Sascha, einer Russlanddeutschen, die sich durchkämpft und ausbrechen möchte aus ihrer engen Spätaussiedler-Siedlung. Ihr aktueller Roman "Baba Dunjas letzte Liebe" erzählt von einer Heimkehrerin nach Tschernobyl. "Ich habe früher behauptet, die Bücher hätten nichts mit mir zu tun. Das ist Quatsch."Sie habe viel von dem auch selbst erlebt: Die Sehnsucht, dazuzugehören, die Minderwertigkeitskomplexe, wenn man aus einem fremden Land kommt. Diese Hürden hätten ihre vier Kinder heute nicht – zum Glück:

"Hier in Berlin finden sie es besonders gut, weil das eine Einwandererstadt ist. Meine Tochter sagte unlängst: 'Die Kinder, die nur deutsche Eltern haben, tun mir leid.'"

Informationen im Internet:
Über den Verein "DeutschPlus"

Literaturhinweis:
Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015
Alina Bronsky: Scherbenpark, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008

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