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Zeitfragen | Beitrag vom 04.09.2019

DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier"Es wird immer mehr auf die Westler geschoben"

Freya Klier im Gespräch mit Winfried Sträter

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Eine historische schwarz/weiss Aufnahme von der letzten Montagsdemo in Leipzig 1989. Die Menschen stehen mit Kerzen in den Händen in einer Gruppe zusammen. (dpa / Volkmar Heinz)
Leipziger Montagsdemonstration im Dezember 1989: Es läuft etwas schief, warnten zu Zeiten der untergehenden DDR die Bürgerrechtler, erinnert sich Freya Klier. (dpa / Volkmar Heinz)

Die Autorin und ehemalige Bürgerrechtlerin Freya Klier stammt aus Dresden. Für die Stärke der AfD - besonders in Sachsen - sei auch ein unaufrichtiger Umgang mit der DDR-Geschichte verantwortlich, sagt sie.

Freya Klier, Buchautorin, Regisseurin, ist geboren in Dresden. Ihre unfreiwillige Ausreise als DDR-Bürgerrechtlerin, zusammen mit Stephan Krawczyk, erregte 1988 großes Aufsehen. Für sie ist heute der unaufrichtige Umgang mit der DDR-Geschichte mitverantwortlich für den Aufschwung der AfD.

Winfried Sträter: Was wir heute in Sachsen erleben, ist auch eine Form von Politisierung eines Gefühls, eines Unwohlseins, das im Westen und verstärkt im Osten vorhanden ist. Ist das, was in Sachsen in der Form gemacht wird, Ausdruck demokratischen Streits oder auch eine Verrohung der Sitten?

Ihre Wähler haben keine Erwartung an die AfD

Freya Klier: Ich würde Letzteres im Moment vorziehen in der Beschreibung, weil sich das sehr, sehr viel im Netz abgespielt hat und da unsägliche Sachen passiert sein müssen an Beleidigungen, Verleumdungen – und das ist etwas anderes, als wenn man einander gegenüber sitzt und sich trefflich streitet.

Ich selber kenne sechs Leute, übrigens alles Männer, die die AfD gewählt haben, in meinem privaten Umfeld, unter anderem auch mein Skatpartner aus Dresden. Aber es gibt keinen, der sich irgendetwas erhofft, was sich wirklich für die Menschen umsetzt. Diese Erwartung wird gar nicht mit der AfD verknüpft, sondern es hat sich was ergeben: Es den anderen zeigen. Und: Ich hab es satt. Und: Wir kommen nicht zu Wort. Und da ist so eine Stimmung, die hat sich noch mal potenziert durch dieses Netz, wo ich selber nicht drin bin.

Porträt von Freya Klier, sie lächelt in die Kamera. (dpa / Nadja Klier)Freya Klier schrieb im Jahr 1986 in der DDR einen Essay über den Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit dort. (dpa / Nadja Klier)

Die haben sich dann so festgehakt an einer Geschichte, eben Flüchtlinge 2015. Und nun hab ich das Buch von Thomas de Maizière mal ran geholt, das er geschrieben hat, "Regieren", ein sehr gutes Buch. Und dort steht noch einmal präzise ein ganz anderer Vorgang. Der war ja Innenminister zu der Zeit und hat das eigentlich zusammen mit den bayerischen Grenzern zu verantworten gehabt, das Einströmen. Und das hatte auch eine Logik.

Er hat geschrieben, dass man zur Identifikation eines Menschen an der Grenze eine halbe bis Dreiviertelstunde braucht. Es hatten sich viele tausend Menschen angestaut nach hinten, und dann hatten die ausgerechnet, wie lange es dauern würde, wie viele Kinder leiden würden - und kein Wasser, kein Essen, und so weiter. Wenn die das jetzt durchziehen würden, dass jede einzelne Identifikation geprüft wird, und da haben die gesagt: Los, Türe auf und erst mal alle rein. Und dann waren sie alle drin, und dann haben die Städte gestöhnt, zu Recht: Das schaffen wir hier ja alles gar nicht. Und dann erst hat die Bundeskanzlerin den Satz gesagt: Doch, das schaffen wir!

Und jetzt hab ich das AfD-Leuten erzählt: Sie wollen es nicht hören. Sie wollen sich nicht mit der Wahrheit auseinandersetzen. Weil das ist ihre Lanze, mit der sie losgehen. Und das ist auch ein bisschen kleinlich und beschämend.

Ein Essay über Rassismus - in der tiefen DDR verfasst

Wobei ich sagen muss, das begrenzt sich auch nicht auf Sachsen. Ein Lehrer aus Greifswald – die wählen gerade nicht – hat eine Probewahl gemacht mit seinen 17-jährigen Schülern, und da haben 60 Prozent AfD und 20 Prozent NPD gewählt.

Es kommt dazu, im ganzen Osten, was sicher auch vergessen wird, dass wir in den 50er-Jahren, die scheinen sehr weit zurückzuliegen, da haben wir fast unsere gesamte kritische Intelligenz Richtung Westen verloren. Das ist immens gewesen. Davon hat sich auch die DDR nie wieder erholt. Ich hab meinen ersten Essay über den Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit im Osten geschrieben im Jahre 1986, also in der tiefen DDR.

Sträter: Würden Sie sagen, dass diese spezifische DDR-Geschichte eine Wirkung auf das hat, was heute eine Welle in Richtung Rechtspopulismus ausmacht?

Klier: Auf jeden Fall! Es hat sich so eine Stimmung angebahnt in den Kleinstädten vor allem, in den Dörfern und Kleinstädten in Sachsen – ich kenne einen Lehrer in der Sächsischen Schweiz, der kommt nicht aus Sachsen, der sagt: Da, wo ich Lehrer bin, sind alle so. Sowohl die Lehrer, als auch deren Schüler, als auch deren Eltern.

Als es losging, hab ich es immer die alte Männerkrankheit genannt, weil ich gesehen habe, dass das so Leute sind, die sind irgendwie nicht mitgenommen worden, die fühlen sich zu wenig geliebt im Leben. Und dann kamen die Flüchtlinge und die kriegten alles – und jetzt hat es so eine rechtsradikale Dimension gekriegt, wofür ich mich auch schäme.

Und ich denke, da fehlen die Auseinandersetzungen – das hat der Kretschmer, der hat sie gesucht und deswegen hat er es auch geschafft, was ich gut finde. Aber in der Breite müssen andere Leute mit in die Diskussion.

Alarm der Bürgerrechtler: Hier läuft viel schief

Sträter: Nach 1989 sind unerfreuliche Erfahrungen gemacht worden im Ost-West- beziehungsweise West-Ost-Verhältnis, die eigentlich schon damals die Leute auf die Palme bringen mussten oder hätten bringen müssen. Und plötzlich geht es mit einer merkwürdigen Zeitverzögerung – das ist ja schon über 20 Jahre her, es hätte sich ja auch die Stimmung beruhigen können – plötzlich geht es jetzt noch mal auf eine ganz andere Weise rund.

Klier: Ja, wobei ich bestreite das überhaupt, dass das so gewesen ist, weil ich mich gerade jetzt auch zum 30. Jahrestag mit meinem Buch "Und wo warst Du? 30 Jahre Mauerfall" damit befasse, was eigentlich wirklich los war, danach. Es hat Probleme gegeben. Was jetzt nicht wahrgenommen wird, oder richtig aus der Geschichte verdrängt worden ist: Dass die Genossen, ihre Partei, ihre Geheimdienste, et cetera.

Die haben zwischen Januar und April 1990 massenhaft Volksvermögen in ihre Taschen umgeleitet, mittels GmbH, die haben wie verrückt Geld gedruckt und solche Dinge. Wir haben damals den Verfassungsschutz angerufen, wir Bürgerrechtler, und haben gesagt, die müssen unbedingt in den Osten kommen. Hier läuft ganz viel schief. Hier gibt es Massen von GmbH-Gründungen.

Das ist alles gelaufen und hat in der Öffentlichkeit einen Widerhall gefunden. Im Laufe der Jahre konnte man sehen, es geht immer weiter zurück, es wird immer mehr auf die Westler geschoben.

Großer Jubel für Biedenkopfs CDU

Sträter: Trotzdem ist es ja so: Wir haben in den Zeitfragen Ende letzten Jahres unseren sächsischen Landeskorrespondenten gebeten, dass er über Land zieht und Stimmen einfängt. Und dieses Motiv, wie sind die Westler damals nach dem Untergang der DDR umgegangen als Beschwerde, ist ein dominantes Motiv in den Köpfen.

Klier: Ja, das ist ein dominantes Motiv in den Köpfen, aber so dominant geworden. Man muss sehen, als das losging, um in Sachsen zu bleiben, mit Biedenkopf: Es hat einen großen Jubel gegeben und jahrzehntelang ist die CDU dafür gelobt worden.

Das gesamte sächsische Justizwesen ist übrigens aufgebaut worden von Juristen, die in der DDR nicht studieren durften, da komme ich wieder auf diese kritische Intelligenz der Nachkriegszeit, weil sie bürgerlich waren oder christlich. Die sind abgehauen in den Westen, Bayern, Baden-Württemberg.

Und die hingen ja alle an ihrer Heimat noch, und die haben in Sachsen ein tolles Justizwesen aufgebaut, was heute noch gut funktioniert.

Eltern und Großeltern nicht kritisch befragt

Sträter: Mir ist manchmal der Gedanke durch den Kopf geschossen, wurde ja in der Bundesrepublik West der demokratische Staat aufgebaut, und es dauerte ungefähr 25 Jahre, und dann explodierte was. Da gab es die Studentenbewegung und so einen Generationenkonflikt, der letztlich dazu geführt hat, dass die Demokratie in der Bundesrepublik wirklich erst ankam.

Und ich hab mich gefragt nach 1990, als die DDR untergegangen ist, irgendwie sowas wird sich wahrscheinlich auch nach 25 bis 30 Jahren ereignen. Und manchmal denke ich: Das ist es jetzt.

Klier: Nein, das ist genau der Unterschied. Ich sehe das, was im Westen passiert ist, genauso wie Sie. Die 68er-Bewegung hat uns gefehlt. Es ist etwas ganz anderes passiert. Und das habe ich auch vor 30 Jahren angekündigt. Durch diese verschobene Gemengelage, es sind ja auch in der Wendezeit noch mal Massen von Menschen, von guten, wichtigen Menschen, geflohen.

Die trifft man alle im Westen wieder. Die gehören für mich eigentlich auch immer noch zur DDR, aber die Gemengelage ist dadurch verschoben. Und da hab ich vor 30 Jahren angekündigt, dass genau das nicht passieren wird, sondern die Medien, die Ost-Medien dann das so drehen, dass die Kinder nicht kritisch ihre Eltern und Großeltern hinterfragen, sondern die werden so getrimmt, dass die Westler an allem schuld sind: Vorher war es schön und so. Da ist das Bewusstsein von jungen Leuten noch so geprägt, wie es trauriger Weise in der DDR gewesen ist. Aber da müssen die Ursachen auch mal ans Licht.

Vorbild 1919 und eine neue Chance für Sachsen

Sträter: In Ihrem Buch "Dresden 1919" haben Sie zurückgeblickt auf eine Zeit, da gab es solche Umbrüche. Von der machen wir uns heute keinen Begriff. Und trotzdem ist man in Sachsen vergleichsweise – mit einem furchtbaren Ausreißer, wo ein Minister in die Elbe geworfen und ermordet wird – ruhig umgegangen.

Klier: Es ist so gewesen nach dem Ersten Weltkrieg, die Menschen waren tief erschöpft. Eigentlich wollte man Ruhe haben, in Ruhe etwas Neues aufbauen. Und damals ist die alte SPD geleitet worden von Georg Gradnauer, der hat das versucht, was auch der Bürgermeister von Dresden damals, Blüher, versucht hat. Nämlich, etwas Konservatives, nicht gegen jemand gerichtet, sondern etwas Konservatives, was alle bürgerlichen Kräfte einband.

Das ist das, was ich im Moment auch als Chance in Sachsen sehe, dass die drei Parteien, die sich jetzt zusammenfügen, ist für mich eigentlich auch ein bisschen eine Chance. Ich seh das nicht alles negativ.

Da ergibt sich was, was sich sonst nicht ergeben hätte. Und 1919 gab es diejenigen, die wirklich Stunk gemacht haben, obwohl alle Menschen erschöpft waren, es gab keine Freikorps in Sachsen im Unterschied zum Ruhrgebiet oder Berlin zum Beispiel, die etwas kämpfen oder niederkämpfen wollten. Sondern – da waren in Leipzig die ganz linken Sozis, die unbedingt sowas wie Lenin machen wollten. Sonst relativ milde, ruhig, konservativ – so wie die Menschen gestrickt waren.

Wenn das weitergelaufen und nicht immer diese ideologischen Kämpfe begonnen hätten, wäre Anfang der 30-er Jahre vielleicht wirklich die Chance gewesen, dass Hitler und sowas gar nicht an die Macht gekommen wäre.

Sträter: Wenn man diesen Gedanken weiter spinnt, dann steht Herr Kretschmer mit seiner sehr eigenen Umgangsweise mit der Aufregung in Dörfern und Städten in einer eigentlich ganz guten sächsischen Tradition.

Das würde ich sagen. Ich finde, dass er das gut gemacht hat.

Literatur
Freya Klier: "Dresden 1919. Die Geburt einer neuen Epoche"
Herder Verlag, Freiburg 2018
384 Seiten, 26 Euro

Freya Klier: "Und wo warst Du? 30 Jahre Mauerfall"
Herder Verlag, Freiburg 2019
272 Seiten, 20 Euro

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