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Kompressor | Beitrag vom 30.10.2020

"Dawn of the Dead" im KinoEingeweide, frisch serviert

Rajko Burchardt im Gespräch mit Max Oppel

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Zombies stürmen durch eine Tür in Richtung Kamera und greifen scheinbar mit den Händen nach dem Betrachter (imago/Dawn Associates/AF Archive/Mary Evans)
Auch als Zombie noch im Konsumrausch: Szene aus dem Film "Dawn of the Dead" von George A. Romero. (imago/Dawn Associates/AF Archive/Mary Evans)

"Dawn of the Dead" von 1978 ist einer der großen Horrorklassiker - und jetzt wieder im Kino zu sehen. Jahrzehnte war es verboten, ihn zu zeigen. Warum der Zombiefilm nun genau zum richtigen Zeitpunkt kommt, erläutert unser Filmkritiker Rajko Burchardt.

Die USA werden von einer Zombieplage heimgesucht, die öffentliche Ordnung bricht zusammen. Polizei und Militär gehen brutal gegen die wandelnden Toten, aber auch gegen überforderte Bürger vor. So beginnt "Zombie – Dawn of the Dead" von Regisseur George Romero, ein Horrorklassiker aus dem Jahr 1978. Der ist bis heute populär, war aber Jahrzehnte in Deutschland nicht zu sehen. Pünktlich zu Halloween erlebt der Film jetzt seine Wiederaufführung in den deutschen Kinos.

Max Oppel: Warum ist der Film so besonders – und warum war er mehr als 40 Jahre nicht im Kino?

Rajko Burchardt: "Dawn of the Dead" gilt als einer der einflussreichsten Filme des Genres und hat eine weltweite Fangemeinde, auch und vielleicht sogar besonders in Deutschland. Als er 1979 in der Bundesrepublik angelaufen ist, haben ihn mehr als drei Millionen Menschen im Kino gesehen, was eine bemerkenswerte Zahl für einen Splatterfilm ist.

Mit dieser Popularität hat zugleich eine außergewöhnliche Zensurgeschichte begonnen. Der hierzulande bereits gekürzte Film wurde nicht nur auf den Index und damit die Liste der jugendgefährdenden Medien gesetzt, sondern schließlich 1991 wegen Gewaltdarstellung mit einem Vertriebsverbot belegt.

Erst im letzten Jahr ist es dem hiesigen Rechteinhaber gelungen, dieses Verbot aufzuheben. Nach fast drei Jahrzehnten kann "Dawn of the Dead" somit in Deutschland wieder in seiner ganzen – heute sicher vergleichsweise harmlosen – Pracht erlebt werden. Dieser Erfolg wird jetzt mit der Wiederaufführung gefeiert, bevor demnächst auch neue Heimkino-Editionen erscheinen.

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Oppel: Dafür könnte es kaum einen besseren Zeitpunkt geben, wenn man sich die Handlung des Films vor Augen führt. Geschildert wird ein Quarantäneszenario, bei dem Menschen sich in einem Kaufhaus verschanzen, um der unbekannten Seuche zu entgehen.

Bilder von Abriegelung, Isolation und Ungewissheit

Burchardt: In seinen gezielt unübersichtlichen Bildern von Abriegelung, Isolation und Ungewissheit wirkt "Dawn of the Dead" tatsächlich sehr gegenwärtig. Immer wieder zeigt der Film hitzige TV-Debatten, die von den Figuren am Fernseher verfolgt werden und in denen allerhand Experten den richtigen Weg zur Lösung der Situation zu kennen glauben. Schon am Beginn fordert ein Wissenschaftler, es müsse mit aller Konsequenz gegen die Bedrohung vorgegangen werden, und eine verärgerte Frau kritisiert die Regierungspolitik.

Zombiefilme wie "Dawn of the Dead" sind gewissermaßen das epidemiologische Kino schlechthin. In kürzester Zeit mutieren Menschen darin zur hochinfektiösen und tödlichen Gefahr. Die Zombie-Pandemie markiert den sofortigen Beginn einer Endzeitstimmung, in der Gesellschaften rasch hinter zivilisatorische Errungenschaften zurückfallen. Auf diesem Motiv basierte schon George Romeros wegweisender Klassiker "Die Nacht der lebenden Toten", dessen thematische Fortführung "Dawn of the Dead" ist.

Oppel: Was macht "Dawn of the Dead" im Vergleich zu all den ähnlichen Filmen und Serien noch heute so besonders?

Romeros Filme sind dezidiert politisch

Burchardt: Gegenüber den Nachahmern, die besonders im Zuge von "Dawn of the Dead" eine ganze Lawine ins Rollen gebracht haben, können Romeros Filme zum einen dezidiert politisch genannt werden. Mittels der Zombieapokalypse artikulieren sie eine Unzufriedenheit über die Zustände in der Welt. So entwirft "Dawn of the Dead" die Shoppingmall als ein Konsumparadies im kapitalistischen Endstadium: Als warenförmigen Wohlstandstempel, an dessen Eingangstoren die Untoten wie Ausgestoßene ihren Einlass fordern – und nach Menschenfleisch zehren, aber im übertragenen Sinne gewissermaßen auch nach Teilhabe.

Zum anderen sind Romeros Filme aber auch sehr komisch, ohne gleich parodistisch zu sein. In "Dawn of the Dead" finden sich zahlreiche witzige Momente: eine Tortenschlacht, bei der Zombies mit Sahne eingerieben werden, oder Bilder von Untoten, die durch die Mall torkeln und verbliebenen Kaufimpulsen nachzugehen scheinen.

Oppel: Das heißt, am Ende sollen wir uns vor den gefräßigen Zombies im Film gar nicht fürchten, sondern über sie nachdenken oder sogar lachen?

Spannend, aber auch bitter und nüchtern

Burchardt: Obwohl der Horror in "Dawn of of the Dead" spannend und zum Teil augenzwinkernd daherkommt, ist es letztlich ein bitterer und darin wiederum sehr nüchterner Film. Denn Romero macht sich keine Illusionen: Ein Zombieangriff ist bei ihm niemals so grausam wie die menschliche Reaktion auf den Angriff. Am Ende scheitern die Lebenden an der sozialen Herausforderung und beginnen, sich unter Beobachtung der Zombies selbst zu zerfleischen.

Die Figuren schaufeln sich also ihr eigenes Grab, weil sie im Angesicht der gemeinsamen Bedrohung alte Konflikte nicht beilegen können, sondern noch verschärfen müssen. An solchen Kippmomenten war George Romero über insgesamt sechs Zombiefilme hinweg in stets neuen Konstellationen interessiert. Er hat damit ein bis heute einzigartiges Gesamtwerk geschaffen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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