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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.03.2020

David Runciman: “So endet Demokratie”Wie ein Mann in der Midlife-Crisis

Von Jens Balzer

(Campus Verlag)
"Die Krise ist zwar real, aber in gewisser Weise ist sie auch ein Witz", findet der Politikwissenschaftler David Runciman. (Campus Verlag)

Die Demokratie ist in einer Phase der Richtungslosigkeit und Erschlaffung, meint der britische Politologe David Runciman. Doch sie bleibt für ihn auch in der Krise die beste Regierungsform, die sich zu verteidigen lohnt.

Welche Zukunft hat die Demokratie? Diese Frage beschäftigt gegenwärtig viele, angesichts der autoritären Entwicklungen in weiten Teilen der Welt, angesichts der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA und des erstarkenden Rechtspopulismus in unserem eigenen Land. Aber auch – das ist die neueste Entwicklung – angesichts einer globalen Katastrophe wie der Corona-Pandemie, bei deren Bekämpfung viele demokratische Rechte und Entscheidungsprozesse außer Kraft gesetzt werden, ohne dass sich dagegen nennenswerter Widerstand regt.

"So endet die Demokratie", heißt der Essay, in dem der britische, in Cambridge lehrende Politikwissenschaftler David Runciman seine Gedanken zur Lage versammelt. Es ist ein anregendes und – obgleich im Original schon vor zwei Jahren erschienen – gerade jetzt hoch aktuelles Buch.

Die Demokratie ist nicht am Ende: So lautet – trotz des schrillen Titels – Runcimans These. Eher befindet sie sich in einer Phase der Richtungslosigkeit und Erschlaffung. Am ehesten könne man sie mit einem Mann in der "Midlife-Crisis" vergleichen, der sich plötzlich ein Motorrad kauft oder irgendwelche anderen albernen Sachen anstellt, um sein Ungenügen an der eigenen Existenz zu übertünchen.

Jemand wie Donald Trump ist in dieser Analogie das Motorrad. Wenn es schlecht läuft, endet sein Rumgeknatter in einem Feuerball. Aber die Chancen stehen auch gut, dass man auf diese Motorrad-Phase nach einer Weile zurückblickt wie auf eine peinliche Verirrung, oder wie Runciman schreibt: "Die Krise ist zwar real, aber in gewisser Weise ist sie auch ein Witz."

Die Krise als Witz

Was bedeutet es, die Krise als Witz zu betrachten? Für Runciman bedeutet es zunächst, dass sich die gegenwärtig gern gezogenen Vergleiche mit den 1930er Jahren verbieten. Trump ist ein Hasardeur und ein Clown, aber er ist kein neuer Hitler. Die westlichen Demokratien sind zu alt und zu gefestigt, als dass sie sich durch einen autoritären Umsturz beseitigen ließen. Diese These untermauert Runciman durch eine ausführliche Betrachtung von Putschen in der europäischen Nachkriegsgeschichte, denen langfristig nie Erfolg beschieden war.

Wer die wahren Gefahren verstehen will, die der Demokratie heute drohen, muss seiner Ansicht nach eher auf den technologischen Wandel blicken, auf die wachsende Bedeutung der sozialen Netzwerke für den Meinungsbildungsprozess – und ihre Neigung dazu, Verschwörungstheorien zu befördern und Paranoia.

Weit gefährlicher als Trump ist also Mark Zuckerberg. Aber auch er ist für Runciman kein neuer Hitler, sondern jemand, der – vielleicht – sogar grundgute demokratische Absichten hegt. Bloß hat sich der digital befeuerte Wandel der Öffentlichkeit, der diese von den überkommenen demokratischen Instutionen entfremdet, längst schon seiner und jedermanns Kontrolle entzogen.

Skepsis gegenüber der Expertenherrschaft

Was in großem Maßstab gegen diese Arten der Demokratiezersetzung zu tun ist, weiß Runciman auch nicht so recht. Immerhin fallen ihm ein paar Beispiele ein, bei denen die digital vermittelte Willensbildung auf lokaler Ebene zu guten Ergebnissen führte. "Die Kontrolle über die Maschinenwelt ist noch möglich", glaubt er. Ansonsten spricht manches für ein Fortbestehen der Demokratie, weil sie allen anderen Formen der Herrschaft durch die Fähigkeit überlegen ist, eigene Fehler zu korrigieren und auch mit unerwarteten Ereignissen umzugehen, wie mit der Pandemie, mit der wir gegenwärtig konfrontiert sind. Wer angesichts ihrer einen Virologen zum Kanzler machen möchte oder sonstwie nach einer "Epistokratie", einer Herrschaft der Wissenden, ruft, dem führt Runciman in einem historischen Abriss vor Augen, warum die Vertreter einer solchen Idee – von Plato bis zu den Wirtschaftswissenschaftlern der Gegenwart – niemals bessere Regierungskonzepte anzubieten hatten als die Demokratie.

So läuft sein luftig geschriebener, gut lesbarer, manchmal vielleicht etwas zu verplauderter Essay auf die Feststellung hinaus, dass die Euphorie der demokratisch regierten Völker für die Demokratie zwar gerade gering sein mag – es aber keine Regierungsform gibt, die als Ersatz taugen könnte. Das ist an und für sich keine sonderlich starke These.

Freilich gewinnt sie eine eigene, interessante Stärke durch den melancholischen Ton, in dem Runciman sie begründet. Er modelliert gewissermaßen eine Art der emotionalen Beziehung zur Demokratie, mit der sie sich wertschätzen und – zur Not entschlossen – verteidigen lässt, auch wenn man sich keine Illusionen mehr darüber macht, dass ihre heroische Zeit der Vergangenheit angehört.

David Runciman: So endet Demokratie
Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff
Campus Verlag, Frankfurt am Main 2020
232 Seiten, 19,95 Euro

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