Seit 18:05 Uhr Wortwechsel
Freitag, 24.09.2021
 
Seit 18:05 Uhr Wortwechsel

Buchkritik | Beitrag vom 26.07.2021

David Ranan: "Sprachgewalt"Blick hinter die Fassade politischer Kampfbegriffe

Von Arno Orzessek

Buchcover zu "Sprachgewalt. Missbrauchte Wörter und andere politische Kampfbegriffe" (Deutschlandradio / Verlag Dietz Nachf.)
Täuschung, Verwirrung und Manipulation: Wie politische Kampfbegriffe missbraucht werden, davon handelt das Buch "Sprachgewalt". (Deutschlandradio / Verlag Dietz Nachf.)

Mit Begriffen orientieren wir uns in der Wirklichkeit – aber was, wenn diese Begriffe selbst zu schillernden Schlagwörtern werden, die mehr Verwirrung stiften, als Klarheit bieten? Ein Sammelband nimmt solche "missbrauchten Wörter" unter die Lupe.

Elite, Gender, Nazi, Extremismus, Kolonialismus, Fake News, Heimat, Volk – geläufige Begriffe, die man schon unzählige Male gehört und benutzt hat, und deren Bedeutung man folglich zu kennen glaubt. Wer das Buch "Sprachgewalt" zur Hand nimmt, riskiert, von diesem Glauben abzufallen. Denn es zeigt sich: Bei genauer Untersuchung ihres historischen und aktuellen Bedeutungsrahmens (neumodisch: Framing) verlieren viele Begriffe ihre scheinbare Griffigkeit.

Politisches Chaos durch sprachlichen Verfall

Einige erweisen sich geradezu als sprachliche Joker, die zugleich etwas und das Gegenteil davon bedeuten können, je nachdem, wer mit ihnen zu welchem Zweck hantiert. Die 29 Begriffe, um die es in "Sprachgewalt" geht, nennt der Politikwissenschaftler David Ranan "charismatische Wörter": Sie alle haben das Zeug zu politischen Schlagwörtern und taugen zur Täuschung, Verwirrung und Manipulation.Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Herausgeber Ranan verfolgt die gleichen Absichten, zu denen sich George Orwell vor 70 Jahren bekannt hat: "Man sollte begreifen, dass das gegenwärtige politische Chaos mit dem Verfall der Sprache zusammenhängt und dass sich eine Verbesserung wahrscheinlich dadurch erreichen ließe, bei seinem verbalen Ende anzufangen."

Begriffe, die an der Gegenwart vorbeigehen

Naturgemäß kommen Etymologiefans in fast allen Essays auf ihre Kosten. Die Gelehrsamkeit ist teils imposant. Aber in der Hauptsache wird man hineingezogen in die Stürme und Krawallzonen der politischen Debatte. David Ranan selbst analysiert die Konjunktur des Begriffs "Terrorismus" und die Schwierigkeiten, die der ehemalige US-Präsident Ronald Reagan auf den Punkt gebracht hat: "Des einen Terroristen ist des anderen Freiheitskämpfer."

Zum Stichwort "Antisemitismus" erläutert Amos Goldberg, Experte für jüdische Geschichte, warum die Erinnerung an den Holocaust und das postkoloniale Narrativ vom westlichen Rassismus in einem inneren Konflikt stehen. Ebenso kompliziert ist es mit der Bewertung des "Zionismus", der für Yair Wallach eine "Zombie-Kategorie" im Sinne Ulrich Becks ist: Er ist aufgeladen mit den Vorstellungen des 20. Jahrhunderts und geht an der heutigen Realität oft komplett vorbei.

Sprachpolitik von rechts und links

Für die Migrationsforscherin Marion Detjen hat "Patriotismus", den viele für den "gut erzogenen Bruder des bösen Nationalismus" halten, keinen erkennbaren "Mehrwert", nicht einmal als Habermas'scher Verfassungspatriotismus. Und Gregor Gysi darf auch ran. Sein Essay über "Kommunismus" sät erhebliche Zweifel, ob zumindest Elemente der kommunistischen Idee demokratiefähig sind, wenn schon die historische Realität mörderisch war. Und was ist mit "Fake News"? Der Begriff kann im Grunde weg, seit auch Donald Trump, der Fake-News-Superspreader, seinen Gegnern die Verbreitung von Fake News vorgeworfen hat.

"Sprachgewalt" verknüpft Begriffsgeschichte mit Realgeschichte, blickt kritisch auf den Medienhype, in dem manche Wörter jeden präzisen Sinnes verlieren, entlarvt die sprachpolitischen Strategien von Rechten und Linken, von Konservativen und Revoluzzern, von Israel-Freunden und -Feinden. Ein Hinweis lässt sich aus allen Essays herauslesen: Die äußerlich imposanten, innerlich jedoch labilen Großbegriffe alias "charismatische Wörter" lassen sich oft durch präziseres, unspektakuläreres, handfesteres Vokabular ersetzen. Wer sie benutzt, muss allerdings mit Einbußen in puncto Sprachgewalt rechnen. Ein hoher Preis!

David Ranan (Hg.): "Sprachgewalt. Missbrauchte Wörter und andere politische Kampfbegriffe"
Verlag Dietz Nachf. GmbH, Bonn 2021
384 Seiten, 26 Euro

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur