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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.10.2015

David G. Haskell: "Das verborgene Leben des Waldes"Partnerschaften der Waldbewohner

Von Johannes Kaiser

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Morsche Bäume sind im Wald bei Sorge im Oberharz mit dichtem Moos überzogen. (dpa / picture alliance / Reinhard Kaufhold)
Der Wald ist ein faszinierendes Ökosystem: Morsche Bäume im Oberharz sind mit dichtem Moos überzogen. (dpa / picture alliance / Reinhard Kaufhold)

Nur mit einer Lupe bewaffnet hat David Haskell Fauna und Flora beobachtet. Leicht verständlich und oft amüsant erklärt der amerikanische Biologe, wie sich Baumriesen, Großwild, Vögel und mikroskopisch kleine Organismen gegenseitig beeinflussen.

Es ist verblüffend, was man alles auf einem Waldboden von gut einem Meter Durchmesser im Laufe eines Jahres entdecken kann: symbiotisches Miteinander, heftige Konkurrenz, solidarisches Verhalten und puren Egoismus. Man muss nur genau hinschauen.

Das hat David Haskell, Biologieprofessor an der University of the South, getan. Ein Jahr lang hat er jede Woche in einem Bergwald in Tennessee einen kleinen Flecken Erde einen Tag lang besucht und beobachtet, wie sich dessen Natur im Laufe der Jahreszeiten verändert. So wie die Buddhisten aus farbigem Sand einen großen Kreis mit Figuren und Linien schaffen, ein Mandala, das die Flüchtigkeit des Lebens ebenso symbolisiert wie seine Vielfalt, so hat auch der Biologe seinen Bodenkreis Wald-Mandala getauft. In ihm spiegelt sich das ganze Waldleben wieder.

In kurzen Kapiteln beschreibt der Autor anhand einzelner Pflanzen und Tiere, wie sie entstehen und vergehen. Sein einziges Hilfsmittel: die Lupe. In einer Mischung aus persönlichem Erlebnisbericht und wissenschaftlicher Analyse schildert er bildhaft und metaphernreich, wie Baumriesen, Großwild und Vogelwelt seine Scholle ebenso beeinflussen wie mikroskopisch kleine Organismen. Er findet oftmals amüsante Vergleiche:

"Frühblüher sind die Fast-Food-Junkies des Waldes. Sie stopfen alles hastig in sich hinein, bevor die Bäume ihnen das Licht nehmen."

Partnerschaften im Verborgenen

Leicht verständlich erklärt Haskell die erstaunlichen Überlebensstrategien der Waldbewohner. So setzen sich die scheinbar simplen Flechten aus zwei Lebewesen zusammen: einem Pilz und einer Alge oder einer Bakterie. Beide gehen eine Zweckgemeinschaft ein: die Alge oder Bakterie liefern dem Pilz Zucker und andere Nahrung. Der bietet ihnen dafür Schutz. Solche Partnerschaften finden sich immer wieder im Wald, auch wenn wir die meisten nie zu Gesicht bekommen, denn sie existieren im Verborgenen.

So wimmelt es rund um die Wurzeln der Pflanzen geradezu an Leben. Die Nahrungshülle, die sie umgibt, enthält Zucker, Fette und Proteine und das lockt Mikroben, Fadenwürmer, winzige Insekten und Pilze an. Was sie als Gegenleistung bekommen, weiß man nicht. David Haskell konstatiert nüchtern:

"Wir sind Forscher, die vor einem düsteren Dschungel stehen, die seltsamen Gestalten im Erdreich beglotzen, einige unserer auffälligsten Entdeckungen benennen und ansonsten reichlich ahnungslos sind."

Bisweilen herrschen kuriose Fortpflanzungsmethoden. So ahmt ein Glühwürmchenweibchen nach erfolgreicher Paarung die Leuchtsignale anderer Glühwürmchenarten nach, um deren Männchen anzulocken. Sobald die sich nähern, schnappt sich das Weibchen das arme Männchen und frisst es.

David Haskell lässt uns über den Einfallsreichtum der Waldnatur staunen. Auch wenn die Biologen schon viele ihrer Geheimnisse entschlüsselt haben, so bleiben doch noch viele Rätsel zurück, die es zu lösen gilt. Ihm ist eine auf- und anregende Erkundung des Waldes gelungen. Ein Glücksfall für uns Leser.

David G. Haskell: Das verborgene Leben des Waldes. Ein Jahr Naturbeobachtung
Verlag Antje Kunstmann, München 2015
325 Seiten, 22,95 Euro

Mehr zum Thema:

Urwald oder Holzfabrik - Der deutsche Wald als Reformprojekt
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 6.10.2015)

Inventur in der Natur - Vor lauter Wald die Bäume nicht gesehen
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 3.9.2015)

Die freie Landschaft - Wenn die Natur zum Politikum wird
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 10.6.2015)

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