Musikgeschichte
Die Kunst der Verwandlung: Auch optisch erfand sich David Bowie immer wieder neu © picture alliance / PA Wire / Owen Humphreys
David Bowie - der Meister der Neuerfindung

Ziggy Stardust, Aladdin Sane und der Thin White Duke. David Bowie schlüpfte im Laufe seiner fast 50-jährigen Karriere in zahlreiche Rollen. Sein Schaffen war geprägt von der ständigen Suche nach Neuem - bis zuletzt.
David Bowie war ein rastloser Erfinder seiner selbst. Ein Allrounder, dessen Lebenswerk weit über Welthits wie „Space Oddity“ (1969) und „Let’s Dance“ (1983) hinausreicht. Musik, Film, Mode: Bowie war ein Gesamtkunstwerk. Einer, der in Rollen schlüpfte und sie auf der ständigen Suche nach dem Neuen bald wieder abstreifte.
Ein Meister der Inszenierung – selbst sein Tod am 10. Januar 2016 wurde zur Performance. Das zwei Tage zuvor erschienene Album „Blackstar“ markierte das Ende seiner musikalischen Reise. David Bowies größtes Vermächtnis aber bleibt seine Wandelbarkeit.
Inhalt
Die vielen Facetten des David Bowie
Im Laufe seiner fast 50-jährigen Karriere erfand sich David Bowie immer wieder neu: Musikstil, Identität, Sound. Manchmal irritierend, stets seiner Zeit voraus. Jede Platte revoltierte gegen die vorherige – ganz gleich, wie erfolgreich diese gewesen war. Was dabei herauskam, sind 26 höchst unterschiedliche Studioalben: von Folk über Glamrock, Soul und Punk bis hin zu Disco, Elektronik und Jazz-Elementen.
Er versuche, seine Musik so spannend wie möglich zu gestalten, erklärte er sich im Jahr 1999. „Jedes neue Album bricht mit dem Ansatz seines Vorgängers. So arbeite ich nun einmal. Ich entferne mich immer ein bisschen von meiner vorherigen Position.“ Stillstand oder „immer denselben Boden zu beackern“, wie er sagte, war für ihn keine Option. Und das ging weit über die Musik hinaus – Design, Mode, Schauspiel: David Bowie war ein Verwandlungskünstler, ein Chamäleon, sagen manche, obgleich das Bild nur teilweise greift. Denn nicht er war es, der sich seiner Umgebung anpasste. Er bestimmte die Farben.
Konstant scheint im Lebenswerk des 1947 als David Jones im Londoner Stadtteil Brixton geborenen Künstlers nur eines gewesen zu sein: die ständige Suche nach dem Neuen. Im Laufe seiner Karriere schuf Bowie unterschiedliche Alter Egos, stand mal als exzentrischer Aladdin Sane auf der Bühne, mal als düsterer Thin White Duke. Seine aber wohl bekannteste Kunstfigur ist Ziggy Stardust, ein androgyner Alien-Rockstar.
Ziggy Stardust und die neue Männlichkeit
David Bowies Konzeptalbum „The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars“ (1972) war ein avantgardistischer Gegenentwurf zu den gängigen Rockklischees und schlug im spießigen, tristen Großbritannien der 1970er-Jahre ein wie ein Blitz.
Die Geschichte klingt wie aus einem Science-Fiction-Film: In einer apokalyptischen Zukunft kommen Aliens auf die Erde, um die Menschheit vor einer Naturkatastrophe zu retten. Angeführt werden sie von einem außerirdischen Messias mit knallrotem Vokuhila, der den Weltuntergang durch Liebe zu verhindern versucht – und schließlich an seiner Mission scheitert.
Bowies Bühnenfigur vereinte verschiedene Stile: Sie verband Glamrock und Science-Fiction, brachte Theatralik, Tanz und Pantomime in die Rockmusik – und traf damit den Nerv der Zeit. Die extravaganten und androgynen Outfits, Glitzerkostüme und lacklederne Plateaustiefel, seine schrille Schminke und die auffällige Frisur machten Bowie alias Ziggy Stardust zur zentralen Figur der Glamrock-Ära der Siebzigerjahre.
Und in der wurden auch die sexuellen Karten neu gemischt: Die Grenzen verschwammen, Bowie und Stars wie Lou Reed oder Iggy Pop kokettierten mit ihrer Bisexualität und öffneten den Raum für ein neues, fluides Bild von Männlichkeit und Sexualität.
Zwischen Kunstfigur und Konsens-Popstar
Ziggy Stardust wurde zur Identifikationsfigur für Millionen – und David Bowie zur queeren Ikone. Er spielte mit Geschlechterzuschreibungen und lotete die Grenzen des Sagbaren aus. Er machte jungen queeren Menschen Mut, „zu ihrer Sexualität zu stehen, ihr Coming-out zuzulassen“, meint Musikkritiker Jens Balzer. Pophistoriker Bodo Mrozek sagt, Bowie habe sich stets als Gegenfigur zu den „Machos der Rockmusik“ begriffen.
Dabei war David Bowie eine „extrem artifizielle Kunstfigur“, sagt Mrozek – und zugleich ein Konsens-Popstar. Der Musikhistoriker führt das auf seine vielen Rollenwechseln zurück. Bei David Bowie ist – salopp gesagt – für jeden etwas dabei. Er war „der Andy Warhol der Popmusik“, sagt Mrozek: Kein anderer außer Warhol habe die Sphären von Pop und Kunst so versöhnt wie David Bowie.
Leben und Sterben als Performance
Rund ein halbes Jahrhundert nach seinem Debüt – schlicht „David Bowie“ (1967) betitelt –, mehr als 20 Alben und diverse Kunstfiguren und Stilwechsel später erschien an Bowies 69. Geburtstag seine letzte Platte: „Blackstar“ (2016). Düster und verstörend wirkt sein neues Werk.
Ein „grandioser, fulminanter Albtraum“, umgesetzt mit einem Jazzquartett, sagt Frank Schätzing, der das Buch „Spaceboy“ über sein Idol verfasst hat. Fans und Kritiker überschlugen sich mit Lobeshymnen. Nur zwei Tage nach seinem Erscheinen, am 10. Januar, wurde das Album zum Vermächtnis: Die Nachricht von Bowies Tod überraschte die Musikwelt.
Er selbst wusste längst, dass „Blackstar“ sein Abschiedsalbum sein würde. Eineinhalb Jahre lang lebte er mit seiner weitgehend geheim gehaltenen Krebsdiagnose und entwarf ein persönliches Requiem. „Er hat es geschafft, selbst über seinen Tod und sein Sterben noch die Hoheit zu behalten“, sagt Schätzing. „Das, was die Welt sehen sollte und was sie nicht sehen sollte, hat er in den Händen gehalten.“
David Bowie, der Meister der Selbstinszenierung. „Look up here, I'm in heaven“, singt er im Song „Lazarus“ auf seinem letzten Album. Auch sein Abgang von der großen Bühne wird zur Performance. Bowies Freund und Produzent Tony Visconti schreibt auf Facebook: "Sein Tod war nichts anderes als sein Leben – ein Kunstwerk.“
Wandelbarkeit als Vermächtnis
Sein Vermächtnis lebt weiter: David Bowie prägte die Poplandschaft über Generationen hinweg. Er inspirierte Stars wie Madonna und Lady Gaga, wurde zuletzt dank der US-Science-Fiction-Mysteryserie „Stranger Things“ zum Gen-Z-Star. Die Credits der letzten Folge waren mit Bowies Klassiker „Heroes“ (1977) untermalt, was ihm einen enormen Streaming-Anstieg bescherte.
„Es gibt so viele verschiedene Facetten von Bowie, und genau deshalb lieben ihn so viele unterschiedliche Menschen“, sagt Madeleine Haddon, Kuratorin im 2025 eröffneten David-Bowie-Center im „Victoria & Albert Museum“ in London. Dort lagert ein Fundus mit mehr als 90.000 Objekten aus dem Leben des Ausnahmekünstlers. Darunter der Schlüssel zu jener Wohnung, die sich David Bowie und sein Kollege Iggy Pop in den 1970er-Jahren in West-Berlin teilten, Liedtexte, Fanpost – auch ein Brief von Lady Gaga – und natürlich seine extravaganten Bühnenoutfits.
Schon in den 1990er-Jahren sammelte David Bowie für das Archiv seines Lebens. „Seine Weitsicht, all das aufzubewahren, um es mit der Öffentlichkeit zu teilen, macht ihn außergewöhnlich“, sagt Haddon. Und das Interesse am Leben und Schaffen von David Bowie scheint auch zehn Jahre nach seinem Tod ungebrochen: Schon vor der Eröffnung des Museums waren die Tickets über Wochen ausverkauft.
irs

















