Dave Eggers: "Contrapposto"
© Kiepenheuer & Witsch
Die Kunst als Schule der Aufmerksamkeit

Dave Eggers
Aus dem Englischen von Andrea O'Brien
ContrappostoKiepenheuer & Witsch, Köln 2026496 Seiten
25,00 Euro
Nach seinen Tech-Dystopien hat Dave Eggers nun einen warmen, altmodischen Künstlerroman geschrieben: über einen stillen Zeichner und die Kunst als Übung im genauen Hinsehen. "Contrapposto" ist ein Gegenentwurf zur digitalen Raserei der Gegenwart.
Der KI-Experte Nate Soares geht gerade mit einem Witz viral. Wer einen normalen Tech-Job verlässt, sagt: „Ich hatte eine großartige Zeit hier, jetzt geht es weiter zum nächsten Abenteuer.“ Wer aber einen KI-Job verlässt, der sagt: „Ich habe in den Abgrund geblickt. Jetzt gehe ich in den Ruhestand, um Gedichte zu schreiben. Bitte verbringt Zeit mit euren Familien!“
Der Witz beschreibt erstaunlich genau, welche Wendung auch Eggers Schreiben genommen hat. Er war zwar nie Teil der Tech-Welt, hat ihre Versprechen und Zumutungen aber in den Dystopien “The Circle” (2013) und “Every” (2021) wirkmächtig beschrieben. Nun kehrt der technikverdrossene Chronist unserer Gegenwart den Rücken. Mit seinem neuen Buch „Contrapposto“ hat Eggers einen emphatischen, stellenweise fast pathetischen Künstlerroman geschrieben, in dem digitale Geräte kaum noch vorkommen.
Zum Künstler geboren
Cricket heißt der naiv-gutmütige Held der Geschichte. Der Roman folgt ihm durch sein Leben, wirft immer wieder Schlaglichter auf Stationen, in denen Cricket sich als Künstler weiterentwickelt. Denn dass er als ebensolcher geboren wurde, ist selbst unter den prekären Bedingungen im Mittleren Westen der USA, wo Cricket mit seiner alleinerziehenden Mutter und einem prügelnden Stiefvater aufwächst, unübersehbar.
Als Gegenfigur zum weltentrückten, immer obsessiver malenden Cricket kommt Olympia ins Spiel. Sie erkennt sofort das Talent des stillen Außenseiters und weiß es als Freundin, spätere Geliebte und Regisseurin seiner Künstlerwerdung wirkmächtig in Szene zu setzen. Olympia kuratiert eine erste Ausstellung mit Crickets Aktzeichnungen, die prompt zum Kleinstadt-Skandal eskaliert. Sie überredet Cricket zum Kunststudium und katapultiert ihn mitten hinein in einen Streit um gegenständliche oder performative Kunst.
Kunst als Übung in Geduld
Lesend begleiten wir Olympia und Cricket durch New York und Europa, durch Galerien und Künstlerkolonien, durch den internationalen Kunstbetrieb und durch ihr Leben. Es ist keine reine Freundschaft, die beide Figuren verbindet. Sie lieben sich und schlafen miteinander, entfernen sich voneinander und finden sich neu, wie in einer lebenslangen geistig-künstlerischen Partnerschaft.
Dabei verweist Eggers Romantitel auf eine klassische Pose in der Bildhauerei: Beim “Contrapposto” ruht das Körpergewicht auf einem Bein, dadurch entsteht Spannung. Im Roman sind es Gegensätze wie Handwerk und Konzept, Beobachtung und Selbstdarstellung oder Kunst und Markt, die Eggers immer wieder nebeneinander stellt, ohne sich eindeutig für eine Seite zu entscheiden.
Besonders überzeugend sind die Passagen, in denen Eggers, der selbst zeichnet und einige Arbeiten von sich in diesen Roman integriert, über das Zeichnen und Malen schreibt. Kunst folgt in diesem Roman keiner Inspiration, sondern ist ein Akt geduldiger Erkenntnis. Das Malen wird, selbst vermittelt durch das bloße Nachlesen dieser Tätigkeit, zu einer Übung im genauen Hinsehen – und damit gleichzeitig zur Einübung einer aufmerksamen und geduldigen Haltung gegenüber der Welt.
Eggers nimmt sich Zeit
Wahrscheinlich ist es das, was “Contrapposto” so altmodisch wirken lässt: Dave Eggers nimmt sich Zeit. Er schreibt keine spektakuläre Geschichte, riskiert im Gegenteil sogar erzählerische Längen. Denn Cricket wird gerade kein gefeierter Künstler. Er bleibt einfach jemand, der leidenschaftlich gern zeichnet und sein Wissen um Kunst und um Körper schließlich an andere weitergibt.
Mitunter zeichnet Eggers seine Liebe zu Kunst, Leben und Langsamkeit zu weich. Aber in seinen besten Momenten verteidigt “Contrapposto” die Geduld unseres Blicks und ist nach Eggers digitalen Albträumen ein wohlig warmer Gegenentwurf: ein Roman über Kunst als Schule der Aufmerksamkeit.










