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Interview / Archiv | Beitrag vom 18.10.2018

Datenschutz im DigitalenAchtung, App hört mit!

Petra Grimm im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Mobiltelefon mit Logos von WhatsApp (picture alliance / Revierfoto/Revierfoto/dpa)
Mobiltelefon mit Logos von WhatsApp (picture alliance / Revierfoto/Revierfoto/dpa)

Für die Hersteller von technischen Geräten oder App-Anwendungen seien Privatsphäre-Einstellungen noch keine Selbstverständlichkeit. Doch immer mehr Kundinnen und Kunden zeigten sich "datensensibel", meint die Medienforscherin Petra Grimm.

Liane von Billerbeck: Man kennt das: Ein neues Smartphone, auf dem schon so viel vorinstalliert ist, dass man sich fragt, brauche ich den ganzen Krempel eigentlich? Wer aber schon mal versucht hat, das loszuwerden, was da wie angetackert drauf zu sein scheint, weiß, wie schwierig das ist. Daran könnte sich was ändern bei künftigen Smartphones, seit Google angekündigt hat, seine Dienste nicht mehr kostenlos an die Hersteller von Geräten zu geben. Hintergrund ist ja die Forderung der EU-Kommission an Google wegen einer möglichen Wettbewerbsverzerrung.

Wir wollen jetzt aber nicht darüber reden, sondern über Ihre Verantwortung, unsere Verantwortung für die Nutzung dieser Apps, für all die Daten, die wir da oft sehr freiwillig abgeben, wenn wir uns bei WhatsApp und Co. bewegen. Und wir wollen darüber reden mit Petra Grimm. Sie ist Professorin für Medienforschung an der Hochschule der Medien in Stuttgart, wo sie das Institut für Digitale Ethik leitet. Schönen guten Morgen, Frau Grimm!

Petra Grimm: Schönen guten Morgen, Frau von Billerbeck!

von Billerbeck: Vorinstallierte Apps sind für viele ja ein großes Ärgernis. Nun hat Google also angekündigt, dass ihre Apps wohl künftig wohl nicht mehr einfach so standardmäßig vorinstalliert sein werden. Das klingt ja erst mal gut, also nach einer guten Nachricht von einem Internetkonzern.

Grimm: Das würde ich jetzt dann auch sagen, dass das sehr begrüßenswert ist, wenn die technische Vorkonfiguration – was wir ja so unter dem Stichwort Privacy by default nennen und versuchen, auch von den Unternehmen stärker einzufordern –, wenn es dem Nutzer, also uns als Verbrauchern, überhaupt eine Alternative und Option lässt, dass ich eben auch wählen kann zwischen den verschiedenen Angeboten.

"Ein Produkt, das datenökologisch entwickelt wurde"

von Billerbeck: Es geht also darum, auch die eigenen Daten zu schützen. Man müsste ja dieses Datensammeln, dem wir ja alle irgendwie ausgesetzt sind, wenn wir uns nicht explizit wehren, irgendwie auch politisch reglementieren. Da ist die neue Datenschutzgrundverordnung sicher durchaus wegweisend. Aber man kann uns Nutzer und Nutzerinnen ja nicht freisprechen von der Verantwortung. Und gerade bei Smartphones, wir wissen es, da sind sehr viele allzu sorglos. Wo muss man da ansetzen?

Grimm: Ich sag ja immer, dass es so eine Art Dreiklang ist. Wir können nicht die volle Verantwortung jetzt uns als Nutzer und Verbraucher überlassen. Wir sind sozusagen auch in einem System, und dieses System hat bestimmte Rahmenbedingungen. Aber vielleicht dazu später. Wenn wir von uns ausgehen, dass wir natürlich auch ein Stück weit noch handlungsfähig sind, dann sage ich immer, ich hab ja zumindest in bestimmten Bereichen auch noch die Chance, durch meine Kaufentscheidung oder letztlich durch meine Nutzungsentscheidung hier auch auf das System einzuwirken.

Also, ganz schlicht und einfach ausgedrückt: Ich könnte statt WhatsApp auch Signal oder Threema nutzen, also ein Kommunikationstool, das mir ein Mehr an Privatsphäre und Datenschutz zusichert. Und damit bin ich quasi wie so ein Verbraucher oder Kunde, der auch im Supermarkt steht und entscheidet, nehme ich ein Produkt, das vielleicht nachhaltig entwickelt wurde, das eben datenökologisch entwickelt wurde, oder nutze ich das Produkt, das meine Privatsphäre überhaupt nicht schützen will, weil es nämlich ein ganz anderes Geschäftsmodell hat. Und diese Entscheidungsbefugnis, die habe ich. Und wenn ich halbwegs sozusagen vernünftig und auch sorgsam mit mir selbst umgehen möchte und bestimmte Folgen eben ausschließen möchte, dann müsste ich mich so entscheiden.

"Ein gewisser Gruppendruckeffekt"

von Billerbeck: Sie haben jetzt eben 50 Millionen Deutsche für unvernünftig erklärt, Frau Grimm, das ist Ihnen schon klar? Denn bei mir rennen Sie offene Türen ein. Ich bin nicht bei WhatsApp, ich bin bei Threema, genau. Aber 50 Millionen Deutsche nutzen WhatsApp. Und immer, wenn man Leute davon zu überzeugen versucht, dann sagen die, na ja, bei deinem Ding, da sind ja nicht genug, das lohnt sich ja nicht.

Grimm: Es ist natürlich alles in der Theorie schön, in der Praxis eben auch schwierig. Das hängt damit zusammen, dass natürlich hier auch ein gewisser Gruppendruckeffekt entsteht. Solange alle sich dort bewegen, ist das schlagende Argument, na ja, wenn ich jetzt zu einem anderen Anbieter gehe, dann ist da ja niemand. Und dann sage ich natürlich immer, aber wenn niemand anfängt, dann wird sich an der Situation auch nie etwas ändern. Und ich kann ja nicht mit diesem Lemminge-Argument, also alle rennen in eine Richtung, in den Abgrund, meine Entscheidung begründen.

Also ich denke – und im Übrigen, meine Erfahrung ist, weil ich ja auch relativ viel unterwegs bin, dass sich die Anzahl derer durchaus erhöht, die hier mehr Sensibilität zeigen und eigentlich auch sich tatsächlich zum Teil überlegen, in Gruppen eben dann doch mal zu wechseln. Es ist halt auch eine, muss man sagen, von der Zeit her gesehen, eine wahnsinnig kurze Zeit, wo dieses Thema Datenschutz, Datensensibilisierung, Privatsphäre für uns jetzt überhaupt erst mal so wichtig wird. Ich bin da recht optimistisch. Ich glaube, dass wir …

von Billerbeck: Wirklich, ja?

Grimm: Ja, doch. Ich glaube, dass, umso mehr das auch jetzt, wie wir gerade darüber sprechen, umso mehr es Aufklärung gibt auch in den Medien und umso mehr man eben hier sich auch vielleicht mehr mit dem Thema beschäftigt, dann auch entscheidet, zumindest in dem Bereich, wo man kann, dann doch das eher Privacy-orientierte Produkt zu wählen. Wir sind ja zum Beispiel im Smart-Home-Bereich sehr sensibel. Da ist es vielleicht noch am deutlichsten, dass wir sagen, wir möchten in nicht in unsere Wohnung irgendeinen Spion oder so einlassen. Da ist vielleicht auch für uns das ganze Thema nicht so abstrakt, sondern ein bisschen besser greifbar.

Geräte per Knopfdruck auf "privat" schalten

von Billerbeck: Sie haben das schon ein paar Mal erwähnt, dieses Konzept Privacy by Design. Was versteht man darunter?

Grimm: Das ist ganz einfach zu erklären. Das ist ein Begriff, der auch in der Datenschutzgrundverordnung wieder auftaucht. Es geht eigentlich darum, dass man in der Entwicklung von Technologien schon berücksichtigt, dass man – ich sag es mal einfach ausgedrückt – Privatheit schützt und dass man im Zweifel vielleicht auch einen Knopf hat, wo man das Gerät wieder ausschalten kann. Nehmen Sie zum Beispiel Sprachassistenten.

Die werden ja mehr und mehr in vielen Umgebungen, zum Beispiel im Auto, aber natürlich bei Alexa oder so was angeboten. Und die Frage ist natürlich, was nehmen die alle auf. Stellen Sie sich vor, Sie sprechen mit jemandem, Ihrem Partner, über Beziehungskonflikte oder schimpfen über Ihren Chef. Dann würden Sie doch gern einen Knopf haben, wo Sie sagen, nein, also jetzt bitte nicht aufnehmen. Und das sind quasi Privacy-by-Design-Entwicklungen, dass man schon in der Entwicklung dran denkt, überhaupt diesen Knopf mit einzubauen.

von Billerbeck: Ihr Wort in Gottes Gehörgang. Kann man das verordnen, das nur kurz zum Schluss gefragt?

Grimm: Die Datenschutzgrundverordnung sagt eigentlich, dass, wenn neue Technologien, Produkte entwickelt werden, man diesem Kriterium, diesem Gedanken auch entsprechend Rechnung tragen muss.

von Billerbeck: Die Medienforscherin Professor Petra Grimm war das von der Hochschule der Medien in Stuttgart. Wir haben gesprochen über unsere Verantwortung und auch die Verantwortung der Entwickler solcher Apps. Frau Grimm, herzlichen Dank für das Gespräch!

Grimm: Bitte schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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