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Fazit / Archiv | Beitrag vom 27.07.2013

Daten der NASA werden Kunst

Schloss Moyland widmet Katharina Sieverding eine Schau

Von Ulrike Gondorf

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Museum Schloss Moyland lädt zur Sieverdíng-Ausstellung ein (Stiftung Museum Schloss Moyland / Maurice Dorren)
Museum Schloss Moyland lädt zur Sieverdíng-Ausstellung ein (Stiftung Museum Schloss Moyland / Maurice Dorren)

Die Fotografin Katharina Sieverding befasst sich seit den 70er-Jahren abstrahierend mit Zeitfragen wie der Globalisierung oder dem Verhältnis zwischen Individuum und Gemeinschaft. Das Museum Schloss Moyland widmet der politischen Künstlerin eine große Retrospektive.

Körperhaft scheint die leuchtend blaue Kugel im Raum zu schweben, von einer hellen Aura umgeben, übersät mit Kratern und Gebirgen, durchzogen von grellen Blitzen und unaufhörlich auf- und untertauchenden Inseln aus Licht. Die Erde, der blaue Planet, denkt man auf den ersten Blick, aber so einfach sind die Dinge nicht bei Katharina Sieverding. "Die Sonne um Mitternacht schauen" heißt der zweistündige Film. Auf diesen Zielpunkt hin hat die Künstlerin die ganze Retrospektive auf Schloss Moyland am Niederrhein angelegt. Die Arbeit ist neu, der Titel nicht.

Sieverding: "Das Ganze wird gekrönt durch diese neueste Arbeit der Sonne, die eine blaue Sonne ist, die den Titel visualisiert, den ich schon von Anbeginn seit dem Studium benutzt habe: die Sonne um Mitternacht schauen."

In diese Formel hat die Künstlerin schon in den Siebziger Jahren ein zentrales Anliegen ihrer Arbeit geprägt: Sozusagen durch die Erde hindurch die Sonne sehen, um Mitternacht, also während sie die andere Hemisphäre beleuchtet. Eine ganze Reihe von Arbeiten mit diesem Titel hat Katharina Sieverding bereits vorgelegt. Denn er beschreibt die beiden Pole, die ihr Werk ausrichten: Eine visionäre, ins Transzendente gerichtete Idee, zugleich aber der Blick auf und durch die Wirklichkeit unserer Welt hindurch. Katharina Sieverding ist erklärtermaßen eine politische Künstlerin, und die beeindruckende Retrospektive zeigt die Konsequenz, mit der sie dieses Thema verfolgt.

"Sie ist einfach eine Künstlerin, die sich mit dem Zeitgeschehen auseinandersetzt"," sagt Museumsleiterin Bettina Paust. ""Mit Themen, die die Gesellschaft, die Welt betreffen: atomare Bedrohung, Revolutionen. Das sind zentrale Themen, die viele Menschen bewegen sollten und die nicht aktueller sein könnten als jetzt. Das macht auch die Bedeutung des Werkes aus. Sie hat einen historisch rückwärts gewandten Blick und gleichzeitig formuliert sie damit aktuelle politische Statements."

"Weltlinie 1968 bis 2013" ist der Titel der Ausstellung. Auch der Begriff "Weltlinie", der der Relativitätstheorie entstammt, begleitet Sieverding schon seit Jahrzehnten. Er bezeichnet den Punkt eines Ereignisses auf den Koordinaten von Raum und Zeit - und damit wohl genau den Ort, an dem sie künstlerisch intervenieren will. Die Jahreszahlen markieren die immerhin 45 Jahre, die die gezeigten Arbeiten umspannen. Zwei von drei Sälen allerdings hat die Künstlerin bei dieser Ausstellungsinstallation ganz neuen Arbeiten vorbehalten. Es sind Einblicke in ihr privates Archiv, die sie in zwei gegenüberliegende Bildfriese gefasst hat: der eine zeigt Titelbilder des "Spiegel" mit Protagonisten von Adenauer bis Gorbatschow, von der RAF bis zum Außerirdischen "E.T." – der andere zeigt Blicke aus der Vogelperspektive auf das malerische Durcheinander von Einladungskarten zu Kunstausstellungen, die sie nach Jahrgängen sortiert in Pappkartons aufgehoben hat.

"Ich sehe das alles im Zusammenhang. In diesem Umlauf mit den neuesten Statements kann man sehen, wie sich die Themen immer wiederholen, die Energiefrage, die Fragen zu den globalen, wirtschaftlichen Zusammenhängen."

Den eigentlichen Rückblick auf ihr Werk hat die Fotokünstlerin Katharina Sieverding noch einmal raffiniert medial aufbereitet. Sie gilt als Pionierin dieser Kunstgattung, weil sie bereits seit den 70er-Jahren mit wandgroßen Schwarzweiß- oder Farbfotografien arbeitet und sich in ihrem Werk ausschließlich auf die Medien Foto und Film konzentriert. Im Schloss Moyland hat sie nun vier große Projektionen eingerichtet, in denen ihre Bilder als Endlosschleife aufscheinen, entmaterialisiert, nur noch in der Existenzform des Lichts vorhanden.

Diese Fotoarbeiten sind sehr komplexe, in vielen Schichten komponierte, oft stark verfremdete oder bis auf das Grafische reduzierte Kompositionen. Die Themen, die ihre Archivbilder aufblättern, hat Katharina Sieverding in diesem Werk vieldeutig kommentiert. Oft ist sie selbst zu erkennen auf ihren Bildern, aber neben Originalaufnahmen hat sie vorgefundenes Material eingesetzt, von Pressefotos bis zu Röntgenaufnahmen; inzwischen nutzt sie auch Material aus dem Internet, wie im überwältigend schönen Film über die blaue Sonne, der etwa 100.000 von der NASA ins Netz gestellte Aufnahmen montiert. In den Chancen und Gefahren des Cyberspace hat die Medienkünstlerin Katharina Sieverding ein neues Thema gefunden, das den Schlusspunkt dieser ersten großen Retrospektive auf ihr Werk markiert.

"Es hat Vor- und Nachteile, aber das wirklich zu steuern und über die Kunst klar zu machen, das hat mein Anliegen und meine Fähigkeiten noch mal in eine Turbulenz gebracht. Ich versuche, damit intensiv umzugehen, die Sonne ist jetzt ein Produkt aus dem Internet. Das sind circa 100.000 Bilder über die Sonne von 2010 bis 2013, die sind aneinander montiert und ergeben diese sich drehende Sonne mit all den Eruptionen und Stürmen, es ist ein unglaubliches Portrait der Sonne aus diesem zweieinhalbjährigen Zeitraum."

Kulturpresseschau

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