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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 31.05.2019

Dashka Slater: "Bus 57"Ein Rock ist Provokation genug

Von Sylvia Schwab

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Buchcover Dashka Slater: BUS 57. Eine wahre Geschichte. Im Hintergrund ein amerikanischer Schulbus (Loewe Verlag / Hintergrund: picture-alliance / Frank Dünzl)
Eine wahre Geschichte: Das Buch "Bus 57" ist ein einfühlsames Porträt zweier junger Menschen, die an den Rand der Mehrheitsgesellschaft gedrängt sind. (Loewe Verlag / Hintergrund: picture-alliance / Frank Dünzl)

Schwarz-weiß, männlich-weiblich, Täter-Opfer: Entlang dieser Logik funktioniert in den USA die Gesellschaft mit ihrem Justizsystem, ihrem Geschlechterbild und ihrer Moral. Das Jugendbuch "Bus 57" bricht mit dieser binären Welt.

Im November 2013 zündet in Oakland, Kalifornien, ein Junge den Rock eines als Mädchen gekleideten Jungen an, in einem Bus. Die US-amerikanische Jugendbuchautorin Dashka Slater hat aus diesem brutalen Attentat eine psychologisch hochinteressante Geschichte entwickelt, die die Strukturen des US-amerikanischen Gesellschaftssystems freilegt, die Veränderungen im Jugendstrafrecht analysiert und einen wichtigen Beitrag zur Gender-Debatte liefert. Ein fesselnder Jugendroman, der furios beginnt und niemanden unberührt lassen wird, ist so entstanden.

Sasha geht in die 12. Klasse einer privaten High School. Sie ist weiß, hochintelligent, eigenwillig, kreativ, ein brillanter Kopf mit verrückten Ideen und Interessen. Körperlich ein Junge, empfindet und definiert sie sich als "agender" oder "genderqueer" und  kleidet sich in einem bunten Mix aus Röcken, Hüten, Uniformen und Krawatten. Richard kommt aus einem sozial schwachen Milieu. Der Afroamerikaner ist fröhlich, sympathisch und gutmütig, gerät mit seiner Clique aber permanent in Schlägereien und verübt kleinkriminelle Delikte. Richard hat deshalb schon ein Jahr in einem geschlossenen Jugendhaus verbracht.

Konservative Moral kennt keine Zwischentöne

Die beiden Teenager treffen aufeinander, als Richard nach der Schule mit seinen Freunden in den Bus steigt, in dem Sasha auf der Rückbank schläft. Provoziert durch Sashas schrägen Look, zündet er Sashas langen weißen Rock an. Sasha erleidet schreckliche Verbrennungen, muss mehrmals operiert werden, und Richard kommt in U-Haft. Für beide beginnt eine Leidenszeit, die mit dem Prozess nicht zu Ende ist.

Erstaunlich ist nicht nur, wie die einfühlsamen Portraits der beiden Jugendlichen und ihrer Familien und die dramatische Tat zu einer stimmigen Geschichte verschmelzen, sondern auch wie viel Gesellschaftskritik die Autorin in ihren Roman einfließen lässt. Etwa indem sie zeigt, dass weder das konservative Geschlechterbild noch das westliche Justizsystem mit der ihm zugrunde liegenden Moral keine Zwischentönen kennt. Alles ist fest eingeteilt: Männlich-weiblich, schwarz-weiß, gut-böse, Täter-Opfer, schuldig-unschuldig. Weil Sasha aber in keins dieser Schemen passt, ist sie/er schrecklich verletzlich.

Pointierte Dialoge, poetische Beschreibungen

"Bus 57" ist – zudem literarisch gesehen – auch "genderqueer": Akribische Recherchen, Aktenauszüge, Zitate aus Interviews, Briefen, Blogs und Protokollen verbinden sich gekonnt mit pointierten Dialogen und poetischen Beschreibungen. Roman und Dokumentation, Bericht und Erzählung sind nicht voneinander zu trennen.

Dieser ungewöhnliche Jugendroman stimmt nachdenklich. Macht die Autorin doch mehr als deutlich, wo die gesellschaftlichen Defizite liegen. Einerseits im unsensiblen Umgang mit Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau einordnen lassen. Anderseits im Umgang mit  jugendlichen Straftätern. Denn auch Richard ist wie Sascha letztendlich ein Opfer der gesellschaftlichen Umstände. Ein rundum überzeugender Roman.

Dashka Slater: "Bus 57. Eine wahre Geschichte"
Aus dem Amerikanischen von Ann Lecker
Loewe Verlag 2019
390 Seiten, 18,95 Euro

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