Donnerstag, 03.12.2020
 

Interpretationen | Beitrag vom 14.06.2020

Das Zweite Klavierkonzert von Sergej ProkofjewFuturistenmusik oder Zukunftsmusik?

Gast: Juri Lebedev, Dirigent; Moderation: Julia Smilga

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Der russische Komponist Sergej Prokofjew bei der Arbeit (imago)
Alles andere als Matt: Zwischen zwei Schachpartien komponiert Sergej Prokofjew (imago)

Nachdem der junge Sergej Prokofjew die Uraufführung seines Zweiten Klavierkonzerts 1913 gespielt hatte, setzte ein Kritiker das Wort Konzert in Anführungszeichen. Das Werk erschien so radikal, dass ihm prompt der Kunstcharakter abgesprochen wurde.

Wenn ein Pianist für sich selbst komponiert, wohnen zwei Seelen in einer Brust – das spürte auch Sergej Prokofjew, als er sich beim Spiel seines zweiten Klavierkonzerts über die pianistischen Schwierigkeiten der eigenen Musik ärgern musste.

Immerhin, dass Sergej Prokofjew sein eigenes Konzert in den Griff bekam und aufführungsreif beherrschte, spricht für sich. Das Werk ist mit Schwierigkeiten gespickt, die lange Kadenz im ersten Satz gilt als eine der technisch anspruchsvollsten Passagen der Klavierliteratur.

Hier geht es zur Playlist der Sendung.

Die Reaktionen auf die Uraufführung 1913 in Pawlowsk waren gemischt, neben einzelnen positiven Stimmen gab es vernichtende Kritiken wie diese: "Es ist, als würde er [Prokofjew] die Tasten abstauben und probieren, welche höher und welche tiefer klingen." Das Werk sei "ein rhythmischer Haufen von Tönen", im Saal habe es Rufe gegeben wie "Zum Teufel mit dieser Futuristenmusik!"

Der Komponist Sergej Prokofjew (l.) und der Regisseur Sergej Eisenstein, 1931 (imago / Mary Evans / AF Archive)Das Klavier als Instrument und Mittel zum Zweck: Der Komponist Sergej Prokofjew (l.) und der Regisseur Sergej Eisenstein, 1931 (imago / Mary Evans / AF Archive)

Man kann festhalten, dass dieser "Futuristenmusik" tatsächlich die Zukunft gehörte – eine Zukunft, die allerdings mit Schwierigkeiten aufwartete, denn als Prokofjew nach der Russischen Revolution emigrierte, ging das Manuskript verloren, so dass der Komponist das Werk Mitte der 1920er Jahre in Paris aus dem Gedächtnis noch einmal neu schrieb. Große Erfolge hatte das Werk nicht, und als Jorge Bolet das Konzert 1949 spielte, war es die erste Aufführung nach rund zwei Jahrzehnten.

Unverwüstlicher Klassiker

Dann aber war die Stunde gekommen, denn seitdem gehört Prokofjews g-Moll-Konzert op. 16 neben dem Dritten Klavierkonzert und den beiden Violinkonzerten zu den beliebtesten Stücken des Komponisten, ja überhaupt zu den unverwüstlichen Klassikern der Moderne. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass das Werk auch eine umfangreiche Diskographie aufweisen kann, die von Jorge Bolet bis hin zu jüngeren Pianisten unserer Tage wie Yuja Wang und Kirill Gerstein reicht.

Unser Studiogast Juri Lebedev hat die Musik Prokofjews seit seiner Jugend in sich aufgesogen; er stammt aus St. Petersburg, studierte am dortigen Konservatorium und an der Weimarer Musikhochschule, wo er heute als Dozent im Fach Partiturspiel tätig ist. Als Dirigent ist er an deutschen und russischen Konzert- und Opernhäusern aktiv.

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