Dienstag, 16.10.2018
 

Essigs Essenzen (Archiv) / Archiv | Beitrag vom 12.09.2008

Das Zeitliche segnen …

Von Rolf-Bernhard Essig

Diesmal geht es um die Redensarten: Das Zeitliche segnen, Es ist unter dem Hund, Jemanden auf die Schippe nehmen, Sich freuen wie ein Stint, Die Polizei dein Freund und Helfer u.a.

Das Zeitliche segnen

Der Ausdruck gehört zu den vielen euphemistischen Redensarten fürs Sterben. Eine Mischung aus Ehrfurcht und abergläubischer Furcht führt in den meisten Sprachen zu solchen Wendungen. Die Schlimmste im Deutschen ist wohl "jemand ist gefallen". Die, von denen man das sagt, wurden von Bajonetten zersäbelt, von Granaten zerfetzt, von Schüssen getroffen.

Da ist "das Zeitliche segnen" ursprünglich genau das Gegenteil. Im Hintergrund steht die ideale Todessituation, bei der sich der Sterbende auf das Sterben, von dem Novalis meinte, es sei ein echt philosophischer Akt, und mein Arztfreund, es sei auch Mühe und Arbeit, vorbereiten kann. Beim Abschied von der Welt segnet der gute Christ natürlich die Seinen, wie es in der Bibel Abraham und seine Nachkommen taten. Doch er tut noch mehr, er ruft Gottes Segen auf die Welt hinab. Er bittet also mit der Autorität dessen, der nichts mehr für sich bittet, der schon mit einem Fuß in der Ewigkeit steht, Gott um den Segen für das Zeitliche, das er verlässt. Insofern handelt es sich um einen nicht ganz korrekten Sinn, denn er segnet nicht selbst, sondern bittet den Herrn der Ewigkeit um den Segen für das Zeitliche.

"Wahre Ehen werden im Himmel geschlossen"

An Häusern findet man oft noch den Spruch "An Gottes Segen ist alles gelegen". Das hielt man früher auch entscheidend für die Ehe. Sie sollte nicht wegen menschlicher Gefühle und Triebe oder anderer irdischer Gründe geschlossen werden, sondern auf dem Vertrauen aufbauen, zwei Menschen ehelichten einander, die füreinander bestimmt seien, deren Verbindung also im Himmel bereits beschlossen worden sei. Die christlich vernünftige und sittliche Eheschließung und Partnerfindung sei wichtig, nicht zufällige Gründe. Die Aufgabe der Menschen sei es dann, die Ehe im christlichen Sinne zu führen.

Zu dieser Überzeugung gibt es zahlreiche, oft sehr alte Sprichwörter, die sich beispielsweise in Wander "Deutsches Sprichwörterlexikon" finden: "Die Ehen sind nicht, wie sie gemacht werden, sondern wie sie ausschlagen auf Erden." "Die Ehen werden im Himmel gemacht." Der Zusatz "wahren" ist erst späteren Datums. "Die Ehen werden im Himmel gemacht, auf Erden erfüllt und zu Ende gebracht." "Die Ehen werden im Himmel gemacht, und die Thorheiten auf Erden begangen." Marie von Ebner-Eschenbach parodiert den Satz ähnlich: "Ehen werden im Himmel geschlossen, aber dass sie gut geraten, darauf wird nicht gesehen."

Es ist unter dem Hund

Der arme Hund! Wie schlecht geht es ihm oft in der deutschen Sprache. Aber bei vielen hundert Redensarten und Sprichwörtern gibt es zum Ausgleich auch eine Menge positiver. Im Zusammenhang mit dieser Redensart freilich steht er am unteren Ende der Wertschätzung, wie es sich auch in anderen Wendungen zeigt. Da "ist jemand auf den Hund gekommen" oder "einem ist hundeelend" oder "es ist hundsmiserabel" oder "es möcht kein Hund so länger leben" (Goethe). Wenn jemand oder etwas dann noch unter diesem Hundsniveau angekommen ist, ist er am absoluten Tiefpunkt.

Jemanden auf die Schippe nehmen

Die Sprichwortforschung streitet sich immer wieder mal, und in diesem Fall schon lange. Geht es um das Abweisen eines Freiers mittels einer aufgestellten Schaufel? Handelt es sich um Gaunersprache, die mit "auf die Schippe nehmen" die leeren Versprechungen bezeichnet, die einem beim Verhör gemacht werden? Oder hängt die Wendung mit der Redensart "in die Schippe beißen" zusammen, die beim Einstand von Kohleschleppern u.ä. üblich war, wenn jemand seine Kollegen freihalten musste?
Mir scheint das alles wenig überzeugend zu sein. Näher liegt vielleicht doch die sehr beliebte Wendung "jemanden auf den Arm nehmen", aus der auch "jemanden hochnehmen" sich entwickelte. In beiden Fällen meint man damit, einen anderen wie ein Kind behandeln, indem man ihn hoch- und auf den Arm nimmt. Kindern aber kann man etwas weismachen. Was aber macht man mit der Schippe? Sand, Erde etc. hochnehmen. Und warum also nicht auch eine Person, die man verulkt!

Sich freuen wie ein Stint

Man kann sich den nicht sehr großen Speisefisch, der zu den Lachsfischen gehört, nicht sehr erfreut vorstellen, zu schlecht ging es ihm im letzten Jahrhundert.
Die Redensart hat auch gar nichts mit ihm zu tun, außer, der Fisch galt früher als besonders dumm, sondern bezieht sich auf den plattdeutschen Ausdruck "stint" für einen dummen Kerl. Diese Bezeichnung hängt mit dem mittelhochdeutschen "stunz" zusammen, was "stumpf, kurz" heißt, auch mit schwedisch "stinta" für "halbwüchsiges Mädchen". Dementsprechend bezeichnete die Wendung erst eine kindische, dumme Freude, später aber konnte sie auch über den Umweg der Ironie für eine ganz besondere, große Freude stehen.

Ist dir eine Laus über die Leber gelaufen?

Das Sprachbild ist einprägsam und treffend für einen Menschen mit einer plötzlichen Stimmungsschwankung. Fast jeder kennt das Gefühl, wenn es im Bauchbereich kribbelt, als laufe dort ein Insekt. Da die Leber seit der Antike und noch weit nach dem Mittelalter als Sitz der Seele und des Temperaments galt, sprach man von ihr und nicht vom Bauch allgemein. Warum aber eine Laus? Das Tierchen passt mit seinem anlautenden "L" natürlich gut zur gleich beginnenden Leber, und in "gelaufen" tönt das "l" ebenfalls. Das allein reicht nicht zur Erklärung, denn vor kurzem lernte ich, dass auch in der Ukraine, wo es nicht so schön gleichklingt, wörtlich heißt, eine Laus sei jemandem über die Leber gekrochen. Es geht bei der Laus vor allem um die Geringfügigkeit, die den Stimmungswandel ausgelöst hat. Schließlich verwendet man den Spruch vorwurfsvoll, ähnlich wie "Was bist du für eine beleidigte Leberwurst!". Man kritisiert also, dass sich jemand über lauswinzige Kleinigkeiten aufregt.

Die Polizei dein Freund und Helfer

Die Hochschule der Polizei verweist auf das neue Leitbild der Polizei in der Weimarer Republik, das seit den Zwanzigern mit dem Werbeslogan "Die Polizei dein Freund und Helfer" arbeitete.
Tatsächlich findet sich in der Forschungsliteratur folgende Aufklärung: "Im Jahr 1926 formulierte der damalige Preußische Staatsminister Carl Severing den markanten Satz ‚Bitte treten Sie näher, die Polizei – Dein Freund und Helfer’. Damit drückte er aus, daß das Bild des Königlich-Preußischen Schutzmannes mit gezwirbeltem Schnauzbart, Säbel und dem unwirschem ‚Drei Schritte vom Leibe!’ einer neuen Polizei weichen sollte." (Wolf Dieter Lüddecke: Wie sich die Zeiten ändern! Polizei-Geschichte im Spiegel von Karikatur und Satire. Verlag Deutsche Polizeiliteratur 1988, S. 7.)
Der Satz lässt sich auch in der Begleitpublikation zur Polizei-Ausstellung 1926 und in "Das kleine Lehrbuch für Polizeischulen" (1927) finden. Von einer Nazi-Erfindung, wie man oft liest, kann also keine Rede sein.

Ich bin doch kein Bremer (ich lass mir die Arbeit nicht aus der Hand nehmen)

Hinter dem Sprichwort, das im Norden vor allem in der Kurzversion verbreitet ist und sogar in Bremen, steckt eine komplizierte Geschichte, in der Faulheit und Fleiß sich seltsam vermischen, je nachdem, welchen Standpunkt man einnimmt.
Der Bremer Autor Friedrich Wagenfeld (1810 – 1846) erzählte die Geschichte "Die sieben Faulen", in denen ein Bauer auf kargem Land vorkommt, der wegen dieser Kargheit des oft überschwemmten Landes dort nur wenig tun kann. Seine sieben kräftigen Söhne haben also auch nichts zu tun und gelten deshalb als faul. Auch in der Nachbarschaft will sie niemand anstellen, als sie Arbeit suchen, weil sie faul seien. Da schimpfen sie mit ihrem Vater, dass er ihnen nicht mehr Arbeit schafft, und gehen in die Welt hinaus. Dort lernen sie, was man alles tun kann, und kehren zurück. Dann errichten sie einen Deich gegen das Hochwasser, bauen eine Straße, um leichter voranzukommen und graben einen Brunnen, um das Wasser gleich vor Ort zu haben. Die Nachbarn aber sind so in ihrem Vorurteil befangen, dass sie ihnen das fleißige Arbeiten als besondere Faulheit anrechnen. Sie meinen, der Vater habe die schwierigen Umstände nicht gescheut, die Söhne aber hätten es sich bequemer machen wollen. Es geht also in der Geschichte um Vorurteile und Ansichtssache.

Das Sprichwort lässt sich dementsprechend unterschiedlich anwenden. Einerseits kann man, wenn jemand einem helfen will, darauf verzichten mit dem Spruch "Ich bin doch kein Bremer, ich lasse mir die Arbeit nicht aus der Hand nehmen." Da bedeutet er also Fleiß, weil man lieber selbst etwas tut. Wenn jemand von einem etwas will und man antwortet "Ich bin doch kein Bremer!", heißt das. "Ich bin wirklich faul und nicht nur scheinbar faul wie die Bremer aus der Geschichte."

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