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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.01.2011

Das "Who is Who" der Deutschpop-Szene

Jens Reisloh: "Deutschsprachige Popmusik - Zwischen Morgenrot und Hundekot", Telos Verlag, Münster 2011, 500 Seiten

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Herbert Grönemeyers Text "Bochum" könnte Architekten inspirieren, sinniert zumindest Jens Reisloh. (AP Archiv)
Herbert Grönemeyers Text "Bochum" könnte Architekten inspirieren, sinniert zumindest Jens Reisloh. (AP Archiv)

Mit überzeugender Detailkenntnis hat der Literaturwissenschaftler Jens Reisloh ein gut recherchiertes Übersichts- und Nachschlagewerk zur deutschsprachigen Popmusik verfasst. Anhand von einzelnen Songanalysen zeigt er, wie das "Neue Deutsche Lied" auch von anderen Wissenschaftszweigen jenseits der Literatur- und Musikwissenschaft als Forschungsquelle genutzt werden könnte.

Die Idee klingt unkonventionell. Ein Städtebauer sitzt in seinem Büro und sinniert zu Klängen von Herbert Grönemeyers Song "Bochum": "du bist keine schönheit/ vor arbeit ganz grau (...) leider total verbaut". Er lässt sich inspirieren und plant daraufhin ein ästhetisch ansprechendes, buntes und klug durchdachtes Stadtviertel.

So würde es im besten Falle laufen, ginge es nach Jens Reisloh. Für die Stadtforschung seien Lieder zur Stadtumstrukturierung oder zu neuen Lebensformen in der Stadt interessant, denn sie würden einen unmittelbaren Einblick in Ansichten und Lebensweisen geben, schreibt der Autor. In seinem Buch bricht er eine Lanze für das "Neue Deutsche Lied" als sprudelnde Forschungsquelle. So könnte man beispielsweise auch durch die Analyse von Nina Hagens Song "Unbeschreiblich Weiblich", Grönemeyers Hymne an die "Männer" und durch Tocotronics Softie-Bekenntnis im Lied "Hier ist der Beweis" Fragen der Geschlechterforschung beantworten – Fragestellungen zu sich wandelnden Männer- und Frauenbildern, zur hegemonialen Männlichkeit oder zur Reproduktion patriarchaler Strukturen.

Der Ansatz ist nicht ganz neu und wurde schon oft und auf ähnliche Weise in der Geschichtswissenschaft erprobt. So dienten beispielsweise Revolutionslieder der Jahre 1848/49 dazu, das Bild über Proletarier, Fürsten und den Stand der Industrialisierung im 19. Jahrhundert zu vervollständigen.

Ob es Sinn macht, ein Verfahren, das bei Volksliedern zweifelsohne gut funktioniert, auf Popsongs zu übertragen, darf allerdings infrage gestellt werden. Auch wenn der Autor durch den Begriff "Neues Deutsches Lied" versucht, das Augenmerk von der Kommerzialität eines Popsongs hin zu seiner künstlerischen Strahlkraft zu leiten, so ist dieser trotzdem oftmals ein Produkt, das genau auf jugendliche Zielgruppen zugeschneidert wird. Er passte exakt in das Image eines Musikers oder einer Band und wird eher von der Musikindustrie generiert als von einer großen Bevölkerungsgruppe.

Zudem richten sich die meisten Popsongs an ein eher linksalternatives als wertekonservatives Publikum. Wenn sie die Gesellschaft spiegeln, dann also meist recht einseitig. Als interdisziplinäre Forschungsquelle sind Popsongs demnach immer mit Vorsicht zu genießen.

Aber auch Jens Reislohs Analysemethoden zu deutschsprachiger Popmusik haben ihre Schwachstellen. So kann man sicherlich über den Sinn streiten, Popsongs mit Hilfe von Analysemethoden der historischen Musikwissenschaft zu untersuchen.

Als gut recherchiertes Nachschlagewerk zur Entwicklung der deutschsprachigen Popmusik ist dieses Buch zum "Neuen Deutschen Lied" dennoch zu empfehlen. Der Autor erzählt die deutsche Popgeschichte von Mitte der 60er-Jahre bis ins 21. Jahrhundert differenziert und mit einer bemerkenswerten Detailkenntnis.

Auf den 500 Seiten zeigt sich, dass Jens Reisloh ein leidenschaftlicher Musikfan ist, der eine Freude daran hat, über "seine" Musik zu schreiben und sie dem Leser nahe zu bringen. Zudem veranschaulicht er in zahlreichen Schaubildern die Traditionen des "Neuen Deutschen Liedes", beispielsweise Verbindungen zu den Heldenliedern und Troubadour-Gesängen des Mittelalters oder auch zu afro- und angloamerikanischer Musik.

Seine umfangreichen Auflistungen der wichtigsten Autoren deutschsprachiger Popmusik gehen außerdem weit über die üblicherweise genannter Interpreten (zum Beispiel Grönemeyer und Lindenberg) hinaus. Jens Reisloh verschafft in seinem imposanten Anhang all jenen Musikern und Bands einen Ehrenplatz, die zwar bemerkenswerte Alben produziert haben, aber über kurz oder lang im Sumpf der Subkultur und der Provinzialität in Vergessenheit geraten wären. In diesem Buch findet sich definitiv das Who Is Who der Deutschpop-Szene.

Besprochen von Veronika Schreiegg

Jens Reisloh: Deutschsprachige Popmusik. Zwischen Morgenrot und Hundekot. Von den Anfängen um 1970 bis ins 21. Jahrhundert
Telos Verlag, Münster 2011
500 Seiten, 39 Euro

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